# taz.de -- Herbert-Fritsch-Stück in Hannover: Erfolgreiche Quatschoffensive
> Mit der Performance „Schwindel“ bestätigt Theatermensch Herbert Fritsch
> in Hannover seinen Ruf als Ritter der Sinnlosigkeit: Das kann Kummer
> vertreiben.
(IMG) Bild: Die Inszenierung funktioniert als prima Teambuilding-Maßnahme: Schwindel im Schauspielhaus Hannover
Für schwindelerregende Empörung liefert die Bahn – [1][und zwar
zuverlässig]: An idealen Tagen braucht ein Zug 59 Minuten von Bremen nach
Hannover. Am Premierentag von Herbert Fritschs „Schwindel“ [2][wird das
Ziel nach 3 Stunden und 10 Minuten erreicht.] So ist nur verspätet ins
Schauspielhaus Hannover zu schleichen, vom Anfang der Schwindelei also
nicht zu berichten.
Aber von den Folgen. Erst blond perückt, später von Zauberhüten gekrönt
wieselt ein Wichtel-Grüppchen über die Bühne. Es singt, spricht, tanzt,
schreit, schnieft mit Lust und Freude kurze Probendialoge. „Ich glaube, das
ist gut, wenn wir das jetzt machen und dann gucken wir gemeinsam.“
„Wahrscheinlich wär’s schlau … äh … warte Mal … aber das ist glaub ich
nicht so wichtig.“ Solche Satzfetzen bilden ein Sprachklanggerüst, das
immer wieder und immer wieder anders dargeboten wird, um darauf die daraus
entwickelten Szenen zu präsentieren. Als eine lässig dahinfließende, aber
genau gearbeitete und negative Gefühle wegschwindelnde Spaßtherapie für
alltagsgestresste Menschen, Bah-Geschädigte inklusive.
Begrenzt von drei nicht weiter wichtigen Großformatfotos von Schiff- und
Autostraßen tobt das achtköpfige Ensemble um ein Piano, das Charlie
Casanova von Klassik bis Pop zitierfreudig bespielt, aber auch mal
kakophonisch drauflos wütet. Die Musikerin gibt so Impulse oder nimmt die
des Ensembles auf.
Es steht meist etwas neugierig verdruckst da, einander betrachtend und
belauschend, voller Erwartung des Zündfunkens für seine spielerische
Fantasie. Bis einer Wichtel:in die Sicherung durchbrennt und sie mit
einer Bewegungs-, Artikulations-, Slapstick-, Groteskmimik-, Bödelei-Idee
extemporierend ausfällig wird. Auf die gehen alle Kolleg:innen fix ein
und bauen daraus Minichoreografien.
Diese enden mal in Posen, mal in akrobatischem Stolpern, Verrenken, Stürzen
oder Hinschmeißen. Am tollsten funktioniert dieses sich um sich selbst
drehende Körpertheater, wenn alle Beteiligten gleichzeitig einen anderen
Komik-Einfall artikulieren. All die Aufmärsche, Eskalationen und Abtritte
reihen sich wie Clownsgruppennummern aneinander.
Jede einzelne präzisiert sich in rhythmischer Musikalität. Aber in der
Addition gewinnen sie keinen Flow. Weil es an einer übergreifenden,
Spannung aufbauenden Entwicklung und dem großen dynamischen Bogen mangelt.
Ein einziger Piano-Ton kann alle Figuren durcheinander wirbeln, ein
melodischer Schnipsel zu chorischem Pfeifen animieren, das in Röcheln
übergeht. Gibt Casanova den röhrenden Piano-Man, marschiert das Ensemble
fröhlich gereiht vorüber.
Im pferdischen Galopp geht’s wiehernd durchs Publikum. Kleine Neckereien
radikalisieren sich zu kollektivem aufeinander Einschlagen, aber im
anarchischen Tohuwabohu quillt plötzlich Nebel aus einem Zauberhut, der wie
eine Reliquie über die Bühne getragen wird, bis die Prozession einem
Hütchen-wechsel-dich-Spiel verfällt.
## Nebel dringt aus Zauberhüten
Zwischendurch ist immer wieder die Selbstbestätigung zu hören: „Wir bleiben
so, wie wir sind.“ Das ist das Schöne an der Fritschkunst: Die
Schauspieler:innen müssen nichts darstellen, sondern dürfen einfach nur
spielen. In erfrischender Überbau-Leere.
Denn auch [3][wenn etwa mal Handy-Junkies die Telefonfunktion ihres
Endgerätes nutzen] – „Ja? Ja! Jaaa. Ja, ja. Hm? Hm. Gut. Ist doch schön!“
–, soll nicht die Kommunikationshysterie unserer Turbogesellschaft
kritisiert, sondern nur eine lustige Alltagsbeobachtung ausgestellt werden.
Im Programmheft wird betont, inhaltlich gehe es in „Schwindel“ um nichts.
## Ein symbolträchtiges Bild
Sinn des Abends sei einzig, „dass es unterhaltsam ist“. Also schwindelig
macht im Sinne einer Desorientierung, die an den von jeder Bedeutung
befreiten Punkt führt, wo alles nur ist, was es scheint. Eine famose
Voraussetzung für die pure Quatschoffensive. Die gelingt.
Obwohl Fritsch tatsächlich noch dem Nonsense-Konzept widerspricht und ein
Schwindel-Symbolbild inszeniert. Zum Finale lassen die Akteur:innen den
Drehwurm frei, rotieren sich mit einem Derwisch-Tanz an die Grenze des
eigenen Körpergefühls, den Schwindel der Trance.
Im Vergleich mit früheren Fritsch-Arbeiten wirkt dieser Abend von der
Lichtregie bis zur Improvisation weniger grell. Zudem sind Szenenfrequenz
und Spieltempo nicht mehr der Raserei verdächtig. Auch ist der Zwang zur
Überzeichnung gemildert. Überdies wird weniger rampensäuisch agiert, dafür
ist das Bemühen größer, sich als Gruppe zu finden.
„Schwindel“ ist eine prima teambildende Maßnahme für das neu
zusammengestellte Ensemble. Dieses stärkt das Publikum mit guter Laune und
frischem Lebensmut, sich heimfahrtwillig doch nochmal der Deutschen Bahn
anzuvertrauen.
26 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Zustand-der-Bahn/!6177176
(DIR) [2] https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/bahn-chaos-in-hannover-bahnsteige-mussten-gesperrt-werden,bahn-1172.html
(DIR) [3] https://www.nachtkritik.de/nachtkritiken/deutschland/bremen-niedersachsen/niedersachsen/hannover/schauspiel-hannover/schwindel-schauspiel-hannover-herbert-fritsch-laesst-theaterfreude-aufkommen
## AUTOREN
(DIR) Jens Fischer
## TAGS
(DIR) Schauspiel Hannover
(DIR) Hannover
(DIR) Herbert Fritsch
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Tanz
(DIR) Lesestück Interview
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Germaine Acogny im Radialsystem Berlin: Den Blick auf die Seele lenken
Der Körper als Ort der Neuerfindung: Germaine Acogny, Pionierin des
zeitgenössischen afrikanischen Tanzes, zeigte in Berlin eine
Soloperformance.
(DIR) Mini-Oper und große Politik: „Nacktheit ist eine Lösung für Faule“
In Groningen singt Sopranistin Sara Hershkowitz György Ligetis „Mysteries
of the Macabre“ in Fatsuit und mit Trump-Haarteil
(DIR) Komiker Leslie Nielsen: Nonsense to death
Er konnte blödeln wie kein anderer und startete erst spät seine Karriere
als Komiker, Komödiant und Schauspieler. Leslie Nielsen ist mit 84 Jahren
gestorben.
(DIR) Kunstinstallation: Eine Cousine wird zerlegt
Wo Wort und Welt unpassend aufeinander prallen: In seiner Installation
"City as a Map (of Ideas)" überzieht Matt Mullican den Hamburger Stadtplan
mit enzyklopädischer Ordnung - und macht aus versifften Badezimmern Orte
der Wahrheit.