# taz.de -- Greenpeace-Studie zu Wettrüsten: Die EU als wirres Ungleichgewicht des Schreckens
> Die EU-Länder betreiben „rüstungspolitische Kleinstaaterei“, kritisiert
> Greenpeace in einer neuen Studie. Das gehe zulasten der gemeinsamen
> Sicherheit.
(IMG) Bild: Greenpeace-Studie beklagt zu viele nationale Alleingänge: die italienische Marine bei einer Übung 2026
Die europäischen Nato-Staaten sind Russland in vielen militärischen Fragen
überlegen, doch in der EU werden zusätzliche Verteidigungsausgaben nicht
sinnvoll verplant. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Untersuchung von
Greenpeace, in der die Organisation Waffensysteme, Truppenstärken und
Verteidigungsbudgets zwischen den europäischen Nato-Staaten und Russland
miteinander vergleicht. Die Autoren beklagen eine „rüstungspolitische
Kleinstaaterei“, die in den europäischen Staaten dazu führe, dass die
Militärausgaben vor allem national eingesetzt würden – zulasten von
Effizienz und einer verbesserten gemeinsamen Sicherheit.
[1][Co-Autor und Greenpeace-Experte für Abrüstung, Alexander Lurz,] sieht
die Ausnahme der Schuldenbremse für deutsche Verteidigungsausgaben als ein
zentrales Problem. „Die Notwendigkeit für Effizienz und Zusammenarbeit
nimmt ab, wenn Geld praktisch ohne Limit zur Verfügung steht“, sagte er der
taz. Dies gelte umso mehr, als in anderen gesellschaftlichen Bereichen –
vom Klimaschutz bis zur Sozialpolitik – gespart werde. Nationale Egoismen
seien in der EU bei Verteidigungsfragen schon längst nicht mehr zeitgemäß.
Weil US-Präsident Donald Trump die Nato immer wieder kritisiert und dies in
Europa die Forderungen nach immer höheren Rüstungsausgaben befeuert, haben
die Studienautoren die USA aus ihrer Betrachtung hypothetisch
ausgeklammert. Demnach gaben die europäischen Nato-Staaten zusammen mit
Kanada im Jahr 2025 knapp 540 Milliarden Euro für ihre Streitkräfte aus.
Russland wendete kaufkraftbereinigt im selben Jahr etwa 465 Milliarden Euro
auf. Im vergangenen Jahrzehnt investierten die europäischen Nato-Staaten
und Kanada insgesamt 3.270 Milliarden Euro in ihre Rüstungsindustrien.
## Strategische Defizite in Europa
Laut der Untersuchung übertreffen die europäischen und kanadischen Arsenale
in zahlreichen großen Waffensystemen wie Panzern, Kampfflugzeugen und
Kriegsschiffen das russische Waffendepot. Zudem habe Russland in vielen
dieser Rüstungsbereiche einen deutlichen technologischen Rückstand
gegenüber den Nato-Staaten und müsse im Krieg gegen die Ukraine etwa auf
bereits eingemottete Panzer von vor 50 Jahren zurückgreifen. Nur bei
Atomwaffen und strategischen Bombern halten Russland und die Nato –
inklusive der USA – fast ihre Schreckensbalance. Nach [2][Auffassung von
Beobachtern befindet sich die Welt im] nuklearen Bereich längst in einer
Aufrüstungsspirale.
Laut der Greenpeace-Untersuchung sind Europa und Kanada Russland bei der
Truppenstärke überlegen: Das Verhältnis der aktiven Kräfte beträgt der
Untersuchung zufolge 1,96 Millionen Soldat*innen gegenüber 1,23
Millionen. Den größten Anteil auf europäischer Seite stellen dabei die
türkischen Streitkräfte, die mit etwa 500.000 Soldat*innen nach den USA
das zweitgrößte Nato-Heer ausmachen.
Trotz der zahlenmäßigen und finanziellen Überlegenheit seien die
europäischen Streitkräfte in einigen zentralen militärischen Bereichen von
den USA abhängig. Das gilt laut den Studienautoren insbesondere für die
Satellitenaufklärung oder für logistische Aufgaben wie Lufttransporte. Auch
bei der Luftverteidigung und der Munitionsproduktion sei Europa ohne die
USA stark verwundbar.
Die Autoren – darunter auch der Friedensforscher Herbert Wulf – bemängeln,
dass die europäischen Staaten trotz dieser Unzulänglichkeiten es nicht
schaffen, gemeinsame Prioritäten in ihrer Verteidigungspolitik zu setzen.
So seien die nationalen Verteidigungsetats um ein Vielfaches größer als
diverse europäische Initiativen in dem Bereich.
Die Studie nennt etwa den europäischen Verteidigungsfonds, dem zwischen
2021 und 2027 eine Milliarde Euro jährlich zur Verfügung stehe. Im
Vergleich zu den deutschen Verteidigungsausgaben für das Jahr 2026, [3][die
108 Milliarden Euro betragen,] ist das jedoch ein Witz. „Bislang fehlt die
überzeugende konzeptionelle Grundlage für eine europäische
Sicherheitspolitik“, heißt es in der Untersuchung.
Özlem Alev Demirel, die für die Linkspartei im Europäischen Parlament
sitzt, betrachtet diese Analyse jedoch kritisch. „Gemeinsame Aufrüstung und
eine stärkere Militarisierung der EU tragen aus meiner Sicht nicht zu mehr
Sicherheit bei, sondern erhöhen die Spannungen“, erklärte sie gegenüber der
taz. „Kooperation in diesem Bereich ist nicht darauf fokussiert, zur
Entspannung der Weltlage beizutragen, sondern auf weitere Aufrüstung und
die Sicherung der Großmachtposition der EU ausgerichtet.“ Hiervon
profitierten vor allem die „Führungsmächte“ und ihre Industrien.
26 May 2026
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