# taz.de -- Mit dem Nachtbus nach Hause: Kreuzberger Nacht in der N8
       
       > Im Berliner Nachtbus N8 sind alle mit sich selbst beschäftigt, um nicht
       > hinzufallen, wach zu bleiben oder klarzukommen. Ein kleiner Junge fällt
       > da nicht weiter auf.
       
 (IMG) Bild: Nicht jede Busfahrt, die ist lustig; nicht jede Busfahrt, die ist lang
       
       Kreuzberger Nächte sind bekanntlich lang. Worüber sich der berühmte
       Schlager allerdings ausschweigt, sind die unsäglichen Nachtbusfahrten.
       Besonders die Linie N8 ist immer wieder ein Erlebnis. Falls sie überhaupt
       kommt, musst du nach dem Einsteigen schnell einen Sitzplatz finden oder
       zumindest etwas zum Festhalten, denn sobald die Türen schließen, brettert
       das Ding ohne Rücksicht auf Verluste los und du fliegst durch die Gegend
       wie die Würfel beim Knobeln.
       
       Heute haben wir Glück. Der Bus ist verhältnismäßig leer, die Polster
       einigermaßen sauber, niemand macht mich blöde an oder kotzt mir auf die
       Schuhe. Sogar die letzte Sitzreihe ist frei, die Loge, aus der sich der
       gesamte Bus überblicken lässt.
       
       „Aber dann“, wie Beppo Pohlmann singt, steigt am Kotti ein kleiner Junge
       ein, etwa acht, neun Jahre alt. Zerlumpte Klamotten, löchrige Schuhe und
       ein Gesicht, in das schon jetzt sämtliche Traumata eingeschrieben sind, die
       du wirklich niemandem wünschst. Darüber ein Lächeln, das all dies erfolglos
       zu verstecken sucht.
       
       Dieses Kind gleitet jetzt in Windeseile einmal von vorne nach hinten durch
       den Bus, um die Leute nach Kleingeld zu fragen. Offenbar tut das der Junge
       nicht erst seit gestern. Arme und Hände hangeln sich gekonnt von
       Haltestange zu Haltestange, nicht mal das scharfe Bremsen des Busfahrers
       irritiert ihn dabei. Als würden wir gemütlich im Schritttempo durch eine
       Spielstraße tuckern.
       
       Wahrgenommen wird er von den übrigen Fahrgästen kaum. Wer nicht gerade mit
       Klarkommen oder Wachbleiben beschäftigt ist, swipet sich eine nächtliche
       Dosis Dopamin in den Hypothalamus.
       
       Zwei Stationen später gibt er auf. Noch bevor er bis zu mir in die Loge
       vordringt, steigt er am Moritzplatz aus. Die Lächelmaske fällt ihm sofort
       vom Gesicht und er verschwindet in die dunkle Kreuzberger Nacht.
       
       28 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Maik Gerecke
       
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