# taz.de -- Plattensammlung von Klaus Ronneberger: Im besten Sinne eklektisch
       
       > Klaus Ronneberger war Stadtsoziologe und Vinylliebhaber. Das Institut für
       > Europäische Ethnologie der Humboldt-Uni Berlin stellte seine Sammlung
       > vor.
       
 (IMG) Bild: Gemeinsam Musik hören im Institut für Europäische Ethnologie der Berliner Humboldt-Universität
       
       Nutzen und Nachteil des Plattensammelns für das Leben betrachtend, fangen
       wir mit den Nachteilen an: Der Vinylfetisch fordert Platz und Zeit, auch
       lässt er sich nicht für lau ausleben. Das war es dann aber auch schon und
       unterscheidet sich nur graduell von anderen Hobbys. Gehen wir zu den
       nützlichen Aspekten über. Plattensammeln, oft als Zeitvertreib für
       Einzelgänger imaginiert, fördert die Geselligkeit, ist Ausgangspunkt für
       ein individuelles Koordinatensystem und kann zur Theoriebildung beitragen.
       
       [1][Der 2025 verstorbene Stadtsoziologe Klaus Ronneberger] lud offenbar
       gerne dazu ein, gemeinsam Musik zu hören. So kam man ins Gespräch, und das
       nicht, ohne dabei anständig zu essen. Diese Verknüpfung denkerischer Arbeit
       mit sinnlichem Erleben hat im Institut für Europäische Ethnologie der
       Humboldt-Uni kurz vor Pfingsten bei einer öffentlichen Archivwerkstatt ein
       Reenactment erfahren – und es wäre schön, wenn es nicht eine einmalige
       Veranstaltung bliebe. Der Wille ist auf jeden Fall vorhanden.
       
       Wie ihr Institut mitten in einem Wintereinbruch zu 2.500 LPs in 25
       sperrigen Umzugskisten kam, berichteten die Wissenschaftlerin [2][Manuela
       Bojadžijev] und ihr Kollege Jonas Tinius. Eine klassische Seminarsituation
       mit Tendenz zum Symposium im nicht minder klassischen Sinne: Bier und
       Weißwein standen in gebührendem Sicherheitsabstand zu den Platten bereit,
       deren Vorder- und Rückcover an die Wand projiziert wurden; und zwar als
       Scans von Haim Cattaneo. Der hat als Student einen Traumjob: Er erklärte,
       wie aus einer Sammlung ein Archiv wird, und wies darauf hin, dass sich in
       der Ronneberger’schen Sammlung Raritäten befinden, die es noch nicht auf
       [3][Spotify] geschafft haben.
       
       ## Viel Platz für Sun Ra
       
       Klaus Ronnebergers Sammlung – ihr Stifter hat als Vertreter von Recommended
       Records gearbeitet – ist im besten Sinne eklektisch: Viel Platz gehört dem
       Afrofuturisten und Saturnsegler Sun Ra, generell [4][Jazz in allen
       Varianten] von traditionell bis ganz weit draußen.
       
       Eine Kiste beherbergt Musik von der sonnenabgewandten Seite, beispielsweise
       die ersten beiden Alben der britischen Geisterbeschwörer Current 93.
       Tanzbares fehlt dennoch nicht, also steht bei Ronneberger nicht nur
       Karlheinz Stockhausen, sondern auch der Soul-Folk von Kevin Rowland & Dexys
       Midnight Runners mit „Come On Eileen“, bis heute ein Garant für
       proppenvolles New-Wave-Geschubse.
       
       Der Landarbeiter-Look der Dexys, Latzhose, Lederweste, weite Hemden und
       Baskenmütze, stimmte auf den nächsten Programmpunkt ein: [5][Stadtforscher
       Jochen Becker] führte aus, was bei Bojadžijev und Tinius schon deutlich
       geworden war, den rebellischen, herrschaftskritischen Aspekt von Klaus
       Ronnebergers Arbeit.
       
       Ronneberger war fasziniert von der Pariser Commune als Beispiel einer
       städtischen Revolte und Selbstverwaltung. Auf deren gebrochenem Rücken
       sollte sich 1871 das Deutsche Reich breitmachen.
       
       Der Kapitalismus ist die barbarischste aller Religionen, heißt es bei The
       Pop Group, einem Agit-Funk-Ensemble, das Radiomacher Klaus Walter am 24.
       April zu Klaus Ronnebergers erstem Todestag in der Buchhandlung pro qm
       auflegte, mit der Ronneberger eng verbunden war. Bauen wir eine neue Stadt,
       wie bei Palais Schaumburg, der einzig wahren Neuen Deutschen Welle, mit
       welcher der Abend bei Humboldts in die Verlängerung ging. In einer
       Nachbarschaft übrigens, deren Mieterinitiative „Regierungsviertel“ heißt.
       Da geht noch was. „Wir beschallen jetzt das Justizministerium“, sagt Jonas
       Tinius, bevor die Pizza kommt.
       
       27 May 2026
       
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