# taz.de -- Rio-Reiser-Schau in Husum: Mit der Bibel in die Schlacht
       
       > Die Rio-Reiser-Ausstellung im Husumer Nissenhaus entkommt der
       > Nostalgiefalle, weil sie Innen- und Außensicht mischt. Ob dem Musiker
       > diese Schau gefallen hätte?
       
 (IMG) Bild: In meiner Badewanne bin ich König von Deutschland: Rio Reisers ikonischer Ort der Inspiration regt im Nissenhaus die Fantasie an
       
       Am 26. August packt wohl einige Leute bis heute eine gewisse Wehmut. An
       jenem Tag im Sommer 1996 [1][ist schließlich Rio Reiser gestorben], im
       nordfriesischen Ort Fresenhagen. 30 Jahre später widmet der Museumsverbund
       Nordfriesland [2][im Nissenhaus in Husum] dem Ton-Steine-Scherben-Frontmann
       die Ausstellung „Rio Reiser – aufgewacht und rebelliert“.
       
       Die stimmt allerdings eher selten schwermütig: Eine Tischtennisplatte lädt
       zum Pingpong ein, an einem Tisch kann man „Mensch ärgere dich nicht“
       spielen. Das mag manchen möglicherweise überraschen, hat aber ein ganz
       konkretes Ziel: Soziale Begegnungen sollen gefördert werden.
       
       Nicht nur so zum Spaß. Es geht darum, zu demonstrieren, wie wichtig den
       Scherben gemeinsam verbrachte Zeit war. Sie suchten nach einer Gemeinschaft
       fernab der bürgerlichen Kleinfamilie. Zunächst in der
       Hausbesetzer:innenszene Berlin-Kreuzberg, [3][ab 1975 in einer
       Kommune auf einem Bauernhof in Fresenhagen, ernannt zur „Freien Republik“].
       
       Gerade über ihr Leben auf dem Land erfährt man in der Schau einiges. Die
       NDR-Dokumentation „Scherben in Friesland“ wird auf großer Leinwand gezeigt,
       Fotos zeigen den Eingang ihres Bauernhauses, ihren Proberaum, ihre Tiere
       oder Rio Reiser im Bett.
       
       ## Ein unbekannter Star
       
       Spannend ist, wie solche Aufnahmen mit Anekdoten von Zeitzeug:innen
       gepaart werden. In den 1980er Jahren meldeten sich drei Punks auf eine
       Anzeige „Schlagzeugbecken zu verkaufen“. Als sie das Instrument in
       Fresenhagen abholten, stand Rio Reiser vor ihnen. Sie hatten jedoch keine
       Ahnung, wer der gebürtige Berliner war, und wollten sich auch gar nicht
       weiter mit ihm oder seiner Musik beschäftigen. Schließlich hatten sie
       völlig andere Interessen.
       
       Solche Erinnerungen tragen entscheidend dazu bei, dass die Ausstellung
       nicht in die Nostalgiefalle tappt. Obwohl Rio Reiser und die Scherben einst
       mit Liedern wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ oder „Keine Macht für
       niemand“ [4][den Nerv der Zeit trafen], kannten nicht wenige diese Musiker
       überhaupt nicht.
       
       Erst mit seiner Solosingle „König von Deutschland“ erreichte Rio Reiser
       1986 plötzlich die breiten Masse. Wie sich dieser Hit, den der Sänger schon
       zuvor mit anderen Strophen bei ein paar Auftritten der Scherben im
       Repertoire hatte, entwickelt hat, verdeutlichen einige Textentwürfe, teils
       handgeschrieben, teils getippt. Ebenso würdigt eine Installation dieses
       Stück.
       
       Hinter einem Zaun sieht man eine umgekippte Bank, einen roten Samtumhang,
       wie ihn Rio Reiser im „König von Deutschland“-Video getragen hat, sowie
       eine Krone. Die Bildschirme dahinter liefern Impressionen aus der
       Hausbesetzer:innenszene. Sie spiegeln eine Zeit, in der es regelmäßig zu
       brachialen Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht kam.
       
       Das Thema Widerstand bahnt sich in der Ausstellung stetig seinen Weg. Sei
       es dank einem Schnappschuss, der Rio Reiser 1976 bei einer Demo gegen das
       Atomkraftwerk Brokdorf zeigt, oder mittels einer aussagekräftigen
       Installation. Zwei Sessel, ein Tisch und ein Röhrenfernseher symbolisieren
       ein heimeliges Wohnzimmer.
       
       In der „Tagesschau“ berichtet Karl-Heinz Köpcke über die Anti-AKW-Demo in
       der Wilstermarsch. Innen- und Außenperspektive vermischen sich. Während man
       es sich daheim gemütlich macht, eskaliert draußen ein gesellschaftlicher
       Konflikt.
       
       Immer wieder merkt man: Reiser war ein Idealist, der die Hoffnung auf eine
       bessere Gesellschaft nicht aufgab – selbst wenn in seinem Alltag Utopie und
       Überforderung hart aufeinanderprallten. Zugleich war Demokratie für ihn
       nichts Selbstverständliches. Sie musste ständig aufs Neue verteidigt
       werden.
       
       ## Tarot, Horoskope und Campino
       
       Einen Blick auf den privaten Rio gönnt einem eine Installation mit einer
       Badewanne, hinter der ein riesiges Reiser-Foto hängt. Tatsächlich hat der
       Liedermacher zum Schluss täglich gebadet und dabei in der Bibel gelesen.
       Der Institution Kirche stand er zwar kritisch gegenüber, doch er war
       spirituell.
       
       Mit der Frage, wie er nach einer Wirklichkeit jenseits des Sichtbaren
       suchte, beschäftigt sich in der Ausstellung die sogenannte lila Koje. Auf
       der einen Seite hat Rio Reiser in der Heiligen Schrift Inspiration
       gefunden, andererseits glich er wichtige Entscheidungen mit Horoskopen ab.
       Tarotkarten verweisen darauf, welche Rolle Esoterik zuweilen im
       Kreativprozess spielte. So wurde 1981 „IV (Die Schwarze)“ mithilfe eines
       ausgeklüngelten Tarotkartensystems geschrieben: Songs wie „Der Turm stürzt
       ein“ belegen das.
       
       Für Ingwer Albert ergibt sich aus all diesen Exponaten ein stimmiges Bild.
       Der Schleswig-Holsteiner hat früher [5][mit dem fußballbegeisterten R.P.S.
       Lanrue beim MTV Leck gekickt] und in Fresenhagen des Öfteren mit den
       Scherben gefeiert. Natürlich kannte er auch Rio Reiser.
       
       Ob dem Musiker selbst diese Schau gefallen hätte? Alberts Antwort: „Sie
       wäre Rio zu kommerziell gewesen.“ Vermutlich hätte er sich an den
       Lobhudeleien von Kollegen wie Danger Dan, die auf eine Wand geschrieben
       wurden, gestoßen. Wenn Campino Rio Reiser zum „größten deutschen Rocksänger
       überhaupt“ deklariert, wird die Heroisierung auf die Spitze getrieben. Das
       hätte nicht sein müssen. Jenseits davon aber bekommt man einen guten
       Einblick in Rio Reisers Kosmos.
       
       25 May 2026
       
       ## LINKS
       
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