# taz.de -- Erdoğan lässt Parteizentrale räumen: Sturm auf die Opposition
       
       > Der türkische Herrscher Recep Tayip Erdoğan hat zu einem weiteren harten
       > Schlag gegen die Opposition ausgeholt. Warum sein Timing klug ist.
       
 (IMG) Bild: Säuberungskräfte beseitigen die letzten Reste der Demokratie: Türkische Polizei stürmt CHP-Zentrale in Ankara
       
       Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat die letzte Phase seines
       Programms zur Abschaffung der Demokratie eingeleitet. Um 14 Uhr Ortszeit
       riss die Polizei die Gitter vor der Parteizentrale der Cumhuriyet Halk
       Partisi (Republikanische Volkspartei) CHP in Ankara nieder und begann, das
       Gebäude zu stürmen.
       
       Unter massivem Einsatz von Tränengas und Plastikgeschossen wurden die
       CHP-Mitglieder, die sich in dem Gebäude aufhielten, langsam
       herausbefördert. Stock für Stock wurde das Gebäude durchkämmt, am Ende
       waren nur noch der Parteichef und der Parteivorstand im 12. Stock des
       Gebäudes. Der Parteichef und seine StellvertreterInnen hatten sich dort
       seit drei Tagen verschanzt.
       
       Um ihrer Festnahme zuvorzukommen, verließen Özel und die anderen
       schließlich das Gebäude. Sichtlich gezeichnet vom Tränengas forderte Özel
       dann die Anhänger der CHP auf, ihren Kampf fortzusetzen. „Wir werden
       wiederkommen“, rief er der Menge zu.
       
       Zuvor hatte der Präsident die gesamte Parteiführung der CHP durch ein
       bestelltes [1][Gerichtsurteil absetzen lassen]. So hatte ein Gericht in
       Ankara am Donnerstag den CHP-Parteitag 2023, auf dem Özgür Özel zum
       Vorsitzenden gewählt worden war, rückwirkend für ungültig erklärt und Özel
       abgesetzt.
       
       Die CHP-Parteiführung weist die Vorwürfe zurück und legte Einspruch beim
       Obersten Gerichtshof ein. Sie argumentiert zudem, dass eigentlich die
       Wahlbehörde und nicht ein Gericht darüber entscheiden müsste, ob
       Abstimmungen bei Parteitagen rechtmäßig waren.
       
       ## Wer kommt für Özel?
       
       Nachdem der Präsidentschaftskandidat der Partei, der Istanbuler
       Oberbürgermeister Ekrem İmamoğlu, bereits im März letzten Jahres verhaftet
       und ins Gefängnis gesteckt wurde, wird nun auch der Parteivorsitzende
       abserviert und laut Gerichtsbeschluss durch den langjährigen vorherigen
       Parteichef Kemal Kılıçdaroğlu ersetzt.
       
       Während Özel und İmamoğlu die CHP auf Erfolgskurs gebracht hatten, zeichnet
       sich Kılıçdaroğlu durch seine notorische Erfolglosigkeit und Harmlosigkeit
       gegenüber Erdoğan aus. Kılıçdaroğlu wird eine Operettenopposition ganz nach
       dem Geschmack von Erdoğan anführen.
       
       Den Zeitpunkt für diesen vernichtenden Schlag gegen die Opposition hat
       Erdoğan gut gewählt. Die gesamte kommende Woche steht in der Türkei das
       Opferfest an, von seiner Bedeutung vergleichbar mit den Weihnachtstagen in
       Deutschland. Leute fahren in den Urlaub oder treffen sich im Kreis der
       Familie. Das politische Leben steht still.
       
       Auch international ist der Zeitpunkt für Erdoğan günstig. Als politischer
       Vermittler und Kontrolleur eines wichtigen Knotenpunktes zwischen dem
       Westen, Russland und Iran wird Erdoğan gerade von allen Seiten hofiert, von
       Trump über Putin bis zur EU und der Bundesregierung.
       
       Entsprechend mau fielen die Reaktionen der EU und des Auswärtigen Amtes zur
       Absetzung des gewählten Parteivorstandes der CHP aus. Der von Erdoğan
       gelenkte Justizputsch wird vorsichtig bedauert, Konsequenzen muss Erdoğan
       nicht fürchten.
       
       Da waren die Reaktionen des Kapitalmarktes schon deutlicher. Die türkische
       Börse brach am Freitag ein und die Zentralbank musste rund 10 Milliarden
       Dollar für Stützungskäufe für die eigene Währung aufbringen, damit die
       türkische Lira nicht völlig in den Keller rauschte.
       
       ## Erdoğan schließt renommierte Universität
       
       Um zu zeigen, wohin die Reise gehen soll, ließ Erdoğan am Freitag auch die
       renommierteste Privatuniversität des Landes per Dekret schließen. Die
       Bilgi-Universität war bislang eine der liberalen Vorzeige-Unis der Türkei,
       wo auch schon mal Themen diskutiert wurden, die an den staatlichen
       Universitäten schon länger tabu sind. Rund 30.000 StudentInnen, die viel
       Geld für ihr Studium bezahlt haben, stehen nun weitgehend mit leeren Händen
       da, was mit den ProfessorInnen und DozentInnen passieren soll, ist völlig
       unklar.
       
       Der formale Vorwand für die Absetzung von Özgür Özel und des gesamten
       Parteivorstands der CHP war, dass bei seiner Wahl bei dem Parteitag im
       Herbst 2023 angeblich Stimmen gekauft worden seien. Das behauptet sein
       Vorgänger Kemal Kılıçdaroğlu und einige seine Anhänger, eine Behauptung,
       die von Erdoğan begeistert aufgegriffen wurde. Obwohl ein Gericht eine
       Anklage gegen Özel bereits einmal abgelehnt hatte, ließ Erdoğan nicht
       locker.
       
       Nachdem er den obersten Strafverfolger gegen die CHP, Akın Gürlek, der
       schon İmamoğlu in den Knast gebracht hatte, im Februar zum neuen
       Justizminister ernannt hatte, nahm dieser sich der Sache erneut an und
       sorgte dafür, dass Ende der Woche nun ein Gericht seinen Wünschen nachkam
       und die Wahl Özels 2023 und bei allen nachfolgenden Parteitagen für
       ungültig erklärte.
       
       Kılıçdaroğlu will am heutigen Sonntag die Nachfolge von Özel antreten. Auch
       wenn jetzt mehr als 90 Prozent aller CHP-Mitglieder ihn als Verräter
       beschimpfen, will er die Partei im Auftrag Erdoğans weiterführen.
       
       Özgür Özel und der amtierende Parteivorstand pochen nun auf einen
       Sonderparteitag, der angeblich in 40 Tagen stattfinden muss, um dort neu
       wählen zu lassen. Doch Kılıçdaroğlu hat es nicht eilig. Er wird erst einmal
       die Delegiertenlisten säubern lassen. Stattdessen steht zu befürchten, dass
       Erdoğan nun die parlamentarische Immunität Özels aufheben lassen wird, um
       ihn ebenfalls zu verhaften.
       
       Özel sagte dazu: „Mein Verbrechen und das von Ekrem İmamoğlu bestehen
       darin, dass wir die Partei nach der Abwahl von Kılıçdaroğlu 2023 zum Erfolg
       geführt haben. Nicht nur in Istanbul, in allen Großstädten des Landes haben
       wir die Kommunalwahlen 2024 gewonnen und die CHP erstmals seit über 20
       Jahren wieder zur stärksten Partei gemacht“. Auch heute liegt die CHP in
       allen Umfragen gut 5 Prozent vor der AKP. Im Ranking für die
       Präsidentschaft führt İmamoğlu deutlich vor Erdoğan.
       
       24 May 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Wolf Wittenfeld
       
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