# taz.de -- Roman über die Zeit von Aids: Erschrocken über das eigene Überleben
> Eine ausgelassene Feier in Berlin, dann Aids – nur der Erzähler überlebt
> die Epidemie: Hans Pleschinskis Schicksalsroman „Bildnis eines
> Unsichtbaren“.
(IMG) Bild: Hans Pleschinski gegen das kollektive Vergessen
Die Coronakrise hat die Erinnerung an eine lange zurückliegende Epidemie
wachgerufen, die im kollektiven, auch im literarischen Gedächtnis
Deutschlands wenig Niederschlag gefunden hat: Aids. Die Krankheit betraf
von 1982 an zumeist schwule Männer, sexuell aktiv, jünger, überwiegend in
großen Städten. Die globale Epidemie nahm ihren Ausgang unerkannt in
Afrika, über die USA, Frankreich, Großbritannien gelangte sie in die
Bundesrepublik. Die DDR war durch die Mauer vor größerer Verbreitung
geschützt.
Die Übertragungswege des Virus waren zunächst unklar, Abstinenz wurde
empfohlen, später Kondome. Vor über vierzig Jahren hätte niemand den
Ausgang dieser weltweiten Seuche vorhersagen können: Nach einem Impfstoff
sucht man bis heute, erst 1995 wurden Medikamente entwickelt, die das Virus
in Schach halten und aus der tödlichen eine chronische Krankheit machen.
Über anderthalb Jahrzehnte bedeutete die Infektion mit HIV in den meisten
Fällen den Tod.
Die deutsche Gesellschaft suchte das Vergessen. Martin Reicherts [1][Buch
„Die Kapsel“] (2019) greift das mit seinem doppeldeutigen Titel auf: Die
Kapseln, die man einnimmt, verhelfen den Infizierten zu überleben und
kapseln gleichzeitig Ursache und Wirkung der bedrohlichen Krankheit ein.
Gegen das kollektive Vergessen steht ein Buch, das vor 24 Jahren zuerst
erschien, und jetzt zum 70. Geburtstag seines Autors, Hans Pleschinski, neu
herauskommt: „Bildnis eines Unsichtbaren“. Das ist kein „Aids-Roman“, eher
ein Bildungsroman, liebevolles Porträt Münchens, ein individueller Bericht
über das Schicksal vieler, ein Generationenroman und ein Stück
Zeitgeschichte. Ein Schlüsselroman übers Verschlossene. Er handelt vom
Umschlag einer éducation sentimentale in eine éducation virale.
## Wie verändert es das Fühlen?
„Von der Silvesterfeier 1984 in Berlin – auf der alle 25 Gäste als Telefon
verkleidet erscheinen mussten – lebt, bis auf mich, niemand mehr.“ Was
bedeutet es für einen Menschen, nach wenigen Jahren der einzige Überlebende
einer fröhlichen Silvesterfeier zu sein? Wie verändert es das Fühlen,
Denken, das Leben und Lieben und also das Schreiben? Was sind dessen
Bilder, Motive, welches Tempus wählt der Autor? „Immer wollte ich zugunsten
eines reichen Lebens erzählen, erzähle aber vom Tod“, bekennt der Autor im
Fortgang. „Man sollte dieses Buch beiseitelegen. Es passt nicht in unsere
Zeit. Das Heitere darin scheint flüchtiger zu sein als das Traurige. Aber
vielleicht irre ich mich.“
Der Erzähler berichtet von der langen, zu Lebzeiten kaum je eingestandenen
Liebe zu Volker, einem Münchner Galeristen, seiner Jugend in Celle, von der
Entdeckung Paris’, von unbeschwerten Feiern und Festen, von Liebhabern und
Leidenschaften und dem Einschlag des tödlichen Virus. Über anderthalb
Jahrzehnte vermied der Erzähler, in dem wir unschwer Hans Pleschinski
erkennen, jeden Besuch bei einem Arzt oder einer Ärztin. Der routinemäßige
Bluttest hätte die Diagnose von HIV zutage fördern können. Erst nach einem
Sportunfall und vor dem anstehenden Eingriff wird das Blut untersucht. Der
Befund ist negativ.
Mit seinem Überleben ist der Erzähler oft allein und wird zum Chronisten
des Sterbens vieler Freunde und Fremder. Hans Pleschinski erzählt davon
unsentimental, nüchtern, doch einfühlsam, mit literarischem Takt, mit jener
„Etikette des Herzens“, die er sich einmal wünscht. [2][Anja Kampmann]
stellt in ihrem Nachwort fest, dass der Roman nicht gealtert sei. Dafür ist
er zu unmittelbar, zu erschrocken über das eigene Leben, das Überleben.
## Humanität und Besonnenheit
Der alten Bundesrepublik bescheinigt Hans Pleschinski, zu Recht, sie habe
im Umgang mit Aids medizinisch-moralische Reife bewiesen – dank der
Humanität und Besonnenheit von [3][Rita Süssmuth] als Gesundheitsministerin
und Helmut Kohl, der letztlich in der Krise liberal handelte.
Mit dem Roman seines Lebens wurde Hans Pleschinski zu einem der wichtigen
Erzähler des Landes, der uns fortan Thomas Mann, Gerhart Hauptmann und
Marie Antoinette nahegebracht hat. Sein „Bildnis eines Unsichtbaren“
erschien in Übersetzungen und ist heute in der Türkei und in Russland
verboten, in dessen Gefängnissen das Virus grassiert, von dem dieser Roman
erzählt.
23 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Thomas Sparr
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