# taz.de -- Türkische Oppositionspartei CHP: Gericht setzt CHP-Führung ab
       
       > Die Wahl der Parteispitze 2023 soll laut Gericht ungültig gewesen sein.
       > Parteichef Özgür Özel wehrt sich. Kritik kommt auch von Außenminister
       > Wadephul.
       
 (IMG) Bild: Oppositionspolitiker Özgür Özel muss um sein Amt kämpfen
       
       afp | Die Absetzung der Führung der größten türkischen Oppositionspartei
       CHP durch ein Gericht in Ankara hat für Empörung gesorgt. [1][Parteichef
       Özgür Özel] sprach am Donnerstagabend von einem „dunklen Tag für die
       türkische Demokratie“. Er erklärte außerdem, die Partei habe bereits
       Rechtsmittel gegen das Urteil eingelegt und werde sich auch an die oberste
       Wahlbehörde der Türkei wenden. Kritik an der Gerichtsentscheidung kam auch
       aus Deutschland.
       
       Ein Gericht in Ankara hatte am Donnerstag in einem Berufungsverfahren die
       Wahl der CHP-Parteispitze im Jahr 2023 für ungültig erklärt und
       entschieden, den damals gewählten Parteichef Özel seines Amtes zu entheben.
       An Özels Stelle soll demnach der ehemalige CHP-Vorsitzende Kemal
       Kılıçdaroğlu treten.
       
       Die CHP berief nach dem Urteil eine Dringlichkeitssitzung an ihrem
       Parteisitz in Ankara ein. Tausende Anhänger versammelten sich vor dem
       Parteisitz, wie ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP berichtete.
       
       Die Staatsanwaltschaft in Ankara hatte im Februar vergangenen Jahres
       Ermittlungen wegen Vorwürfen des Stimmenkaufs bei dem CHP-Parteitag von
       2023 eingeleitet. Die dann erhobene Klage wurde jedoch im Oktober zunächst
       als unbegründet verworfen, woraufhin die Staatsanwaltschaft Berufung
       einlegte.
       
       ## CHP im Visier der Regierungspartei
       
       Laut Auszügen aus dem jetzigen Urteil, die der Nachrichtenagentur AFP
       vorlagen, wirft die Justiz dem derzeitigen CHP-Chef Özel vor, seine Wahl
       zum Parteivorsitzenden durch Druck auf Delegierte, Job-Versprechen und
       sogar Stimmenkauf ermöglicht zu haben.
       
       Die CHP hatte der Regierungspartei AKP des islamisch-konservativen
       Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan bei den Kommunalwahlen 2024 eine schwere
       Niederlage zugefügt. Seitdem steht die Oppositionspartei zunehmend im
       Visier der türkischen Justiz. Mit dem jetzigen Urteil wird der Druck auf
       die Opposition weiter verstärkt.
       
       Der ehemalige Istanbuler Bürgermeister und beliebte CHP-Politiker [2][Ekrem
       İmamoğlu] sitzt seit mehr als einem Jahr im Gefängnis. Er gilt als
       wichtigster Rivale Erdoğans und war von der CHP zu ihrem
       Präsidentschaftskandidaten gekürt worden. Die gegen ihn erhobenen
       Korruptionsvorwürfe weist İmamoğlu zurück.
       
       Am Donnerstag erklärte İmamoğlu auf X, das Urteil gegen die
       CHP-Parteispitze sei „ein Putsch gegen die Türkei, gegen die Demokratie“.
       Die Nation müsse zusammenkommen, „um die Türkei zu verteidigen“.
       
       ## Wadephul kritisiert Entscheidung
       
       Scharfe Kritik am Vorgehen der türkischen Justiz kam [3][auch von
       Außenminister Johann Wadephul.]
       
       „Die türkische Regierung bekräftigt, dass sie an einer EU-Mitgliedschaft
       festhalten will, und wir wollen sie dabei unterstützen, aber eine
       Entscheidung wie die von gestern steht im Widerspruch zu diesem
       Bekenntnis“, sagte der CDU-Politiker am Rande des
       Nato-Außenministertreffens im schwedischen Helsingborg.
       
       Wadephul sagte, die Nachrichten über die Annullierung eines ganzen
       Parteitags und die Absetzung des Oppositionsführers besorgten ihn. „In
       allen Demokratien gilt: Der politische Wettbewerb muss politisch
       ausgetragen werden, nicht juristisch“, sagte der CDU-Politiker.
       
       „Das ist keine unabhängige Justiz, das ist Machtpolitik“, erklärte die
       SPD-Außenpolitikerin Derya Türk-Nachbaur. „Das Muster ist bekannt: Erst
       wurde İmamoğlu verhaftet und aus dem Amt gedrängt, jetzt wird Özel per
       einstweiliger Verfügung kaltgestellt.“
       
       Der ehemalige CHP-Parteivorsitzende Kılıçdaroğlu gilt als eher blasser
       Politiker. Der 77-Jährige hatte bei der Präsidentschaftswahl 2023 für die
       CHP kandidiert und unterlag Erdoğan in einer Stichwahl. Wenige Monate
       später wurde Özel zum Parteivorsitzenden gewählt. Er führte die Partei
       zunächst erfolgreich in die Kommunalwahlen und wurde später zum Gesicht der
       Massenproteste gegen die Inhaftierung İmamoğlus.
       
       22 May 2026
       
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