# taz.de -- Rückzieher Erdoğans nach Protesten: Angst vor dem Aufstand
       
       > Der türkische Präsident Erdoğan hat die Schließung der Bilgi-Universität
       > zurückgenommen. Das macht Hoffnung und zeigt: Widerstand ist wirksam.
       
 (IMG) Bild: Die Proteste der Studenten und Lehrkräfte haben gewirkt
       
       Die Stimmung in der Türkei ist derzeit geprägt von politischer
       Unberechenbarkeit und einer Justiz im Dienst der Präsidialmacht. Doch der
       Rückzug von Präsident Erdoğan bei der [1][geplanten Schließung der
       Bilgi-Universität] zeigt: Widerstand ist wirksam.
       
       Am Sonntag wurden sowohl das CHP-Parteigebäude als auch die liberale
       Bilgi-Universität zu Symbolen des Widerstands gegen die autokratischen
       Maßnahmen Erdoğans. Die Absetzung des Chefs der größten Oppositionspartei
       CHP, Özgür Özel, am Donnerstag und die Schließung der Universität am
       Freitag lösten massive Proteste aus. Denn sie sind nicht nur Angriffe auf
       die Demokratie, sondern auch Ausdruck eines [2][mafiösen Systems, das sich
       unter der AKP-Regierung] schrittweise etabliert hat.
       
       Doch es gibt Hoffnung: Dass Erdoğan die Schließung der Bilgi-Universität
       zurückgenommen hat, zeigt, dass er einen gesellschaftlichen Aufstand
       fürchtet. Auch das [3][Vorgehen gegen den CHP-Chef] zeigt die Angst der
       Regierung vor einem Machtverlust.
       
       Özel gilt als stärkster Rivale Erdoğans. Er verspricht, die CHP und den
       Staat von diesem korrupten System zu befreien. Unter seiner Führung wurde
       die CHP bei den Kommunalwahlen 2024 erstmals seit Jahren stärkste Kraft vor
       der AKP. Seitdem steht die Opposition massiv unter Druck: Oppositionelle
       werden politisch ausgeschaltet, darunter [4][Istanbuls Oberbürgermeister
       Ekrem İmamoğlu], der seit März 2025 inhaftiert ist. Ob auch gegen Özel ein
       Haftbefehl folgen wird und ob unter diesen Bedingungen 2027 überhaupt freie
       und demokratische Wahlen möglich sein werden, bleibt offen.
       
       Die Entwicklungen in der Türkei sind nicht nur eine Schande für die
       Demokratie, sondern auch ein Spiegel europäischer Heuchelei. Außenminister
       Johann Wadephul (CDU) verwies in seiner Kritik an Erdoğans Vorgehen auf die
       de facto [5][toten EU-Beitrittsverhandlungen]. Obwohl klar ist, dass sie
       bedeutungslos sind. Auch das weitgehende Schweigen von Grünen und Linken
       ist enttäuschend. Denn hier geht es nicht um die Unterstützung einer
       einzelnen Partei, sondern um die Verteidigung demokratischer Grundwerte.
       
       25 May 2026
       
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