# taz.de -- Historisches Ziegelwerk: Sein Lebenswerk
> Im Allgäu arbeitet der Bildhauer Hans Kleinschmidt seit 22 Jahren an
> seinem Opus magnum: Er restauriert ein historisches Ziegelwerk.
(IMG) Bild: 22 Jahre schuften: Hans Kleinschmidt in seiner Ziegelei
Etwas zu unaufmerksam, und der Abzweig ist bereits verpasst. Die
unscheinbare Zufahrt zur Alten Ziegelei in Erkheim (Landkreis Unterallgäu)
zu finden, ist herausfordernd, was kaum ein Zufall sein kann. Denn
eigentlich war dieser Ort ja längst für ein stilles Dahindämmern bestimmt,
bis alles verfallen wäre und die Natur sich ihn zurückgeholt hätte. Dass da
einmal einer kommt, der den „Lost Place“ zu neuem Leben erweckt, war nicht
vorgesehen.
Doch da taucht ein junger Mann auf, der im Alleingang die alte Fabrikanlage
rettet. Der viele Jahre im Verborgenen schuftet, ohne dass die Idee
dahinter von außen erkennbar geworden wäre. Er ist jetzt 44.
Als er diese Berufung in sich verspürte, war Hans Kleinschmidt 22 und sein
Objekt seit 30 Jahren außer Dienst. Der mächtige Backstein-Kamin begann
sich bedrohlich übers dreigeschossige Hauptgebäude, Baujahr 1920, zu
beugen, in der Ziegel-Fachwerk-Konstruktion machte sich Fäulnis bemerkbar.
Im Haupthaus mit dem begehbaren Ringofen hat er auf einem großen Tisch
Fotografien ausgebreitet, die frühere Zustände dokumentieren. Auf einer ist
der Saal nebenan zu sehen, in dem ein Busch wächst. An mehreren Stellen
schoss der Regen als Wasserfall aus der Decke. Die Dächer zu reparieren
hieß, sich um 2.500 Quadratmeter maroder Eindeckung zu kümmern.
Als Kleinschmidt, der [1][aus der Region] stammt, sich hier erstmals umsah,
war er auf der Suche nach einem Atelier. Er wollte sich als Bildhauer
etablieren. Für ihn unerwartet, stimmte die Besitzerin einer Vermietung zu.
„Und zwar ausdrücklich, wie sie zu erkennen gab, weil ich Künstler bin“,
wundert er sich noch heute. Er durfte sogar einige Jahre kostenfrei wohnen.
## Entwaldung und Entschuttung
War dies eine glückliche Fügung oder eine fatale Verlockung? Kleinschmidt
richtet sich erst mal notdürftig ein in einem Nebengebäude, einer trostlos
schäbigen Maschinenhalle, die er bewohnbar macht. Das Wasser stammt aus
einem Brunnen, die Toilette ist ein Lost Place für sich. Die ersten
Aufgaben, die sich über Jahre hinziehen, lauten Entwaldung und
Entschuttung. Erste bauliche Maßnahmen betreffen die Dächer und die
einsturzgefährdeten Mauern. Die künstlerische Produktion tritt ganz nach
hinten.
Voran geht es wie in Zeitlupe. Kleinschmidt ist handwerklich Autodidakt und
größtenteils auf sich allein gestellt. Die Investitionen schultert er durch
Jobs auf dem Bau. Um zu sparen, kündigt er seine Krankenkasse. Jahre später
reicht das Geld aus, um das komplette Areal zu kaufen. Ab und an erreichen
ihn eingeworbene Materialspenden. Vieles hat er sich aus Abbruch gesichert,
aus finanziellen Gründen und aus Prinzip.
Mit der Zeit legt er sich einen Maschinenpark zu, der die mühevolle
Handarbeit wenigstens ein Stück weit überflüssig macht. Die drei Kräne, der
Bagger, der Traktor, der Raupenkran sind teils vor der Verschrottung
gerettete Oldtimer, die ihrerseits teils monatelange Restaurierungsarbeiten
erfordern.
Kleinschmidt erzählt: Wer sich auf so ein Projekt einlässt, gerät in einen
Sog. Die nie ausgehenden Aufgaben bemächtigten sich der Träume und der
Gedanken: „Manche Probleme gingen mir monatelang im Kopf um, bis ich eine
Lösung fand.“
Wobei er immer davon ausging, dass er eine Lösung finden würde. Die Beweise
stellt er beim Rundgang vor: die neue Balkendecke in einem der Säle, den
neu armierten und gekürzten Kamin, die neuen Partien im Mauerwerk, die
verbauten Tore und Fenster, an die er günstig kam. Abgetragen ist der Hang,
durch den Wasser ins Haupthaus drückte, trocken gelegt der Sumpf außen
herum.
2022 öffnet er die Alte Ziegelei erstmals für ein größeres Publikum, mit
einer Ausstellung regionaler Künstler. Weitere Veranstaltungen folgen, der
Zuspruch ist phänomenal. Noch steckt der Ansatz, Ziegelei und Kunst
zusammenzubringen, in den Kinderschuhen, doch auf den Erfolg ließe sich
aufbauen, sagt Kleinschmidt.
## Die Aufstellung von 28 Verkehrsschildern
Doch bevor es Genehmigungen dafür gibt, sind Auflagen zu erfüllen, darunter
die Aufstellung von 28 Verkehrsschildern. Jüngste Auflage, die ihn am Tag
des Besuchs der taz beschäftigt, ist die Pflasterung der Ein- und Ausfahrt
zu einem temporären Parkplatz. Damit keine Steinchen auf die Fahrbahn
geraten.
Der Sog der Anforderungen, der von der Bürokratie ausgeht, zehre an seiner
Energie, sagt Kleinschmidt. Er fühlt sich schikaniert und ausgebremst, ist
andererseits selbst nicht gerade konfliktscheu. Noch hat er den Kampf um
die Reduktion von Tempo 100 auf 70 vor seinem Hoftor nicht aufgegeben.
Unerschrocken, wie er ist, hat sich Kleinschmidt sogar mit der örtlichen
Jagdgenossenschaft angelegt. Den Teich, der auf seinem Grund liegt, hat er
vor Gericht aus dem Jagdrecht herausgekämpft, wie er später erzählt.
Freunde beim dörflichen Establishment schafft man sich so gewiss nicht.
Lange sei ihm aus dem nahen Erkheim, einer in mehrere Ortsteile
zergliederten 3.000-Seelen-Gemeinde, blankes Misstrauen entgegengeschlagen,
sagt Kleinschmidt. Was treibt der da draußen bloß? Und dann auch noch ein
Ortsfremder. „Die Allgäuer sind per se misstrauisch“, und er nehme halt
nicht am dörflichen Leben teil. Hinzu kam, dass die Alte Ziegelei als
„altes Glump“ angesehen wurde.
Auf Kleinschmidts Betreiben ist sie mittlerweile [2][als Baudenkmal
eingetragen]. Die ältesten Teile stammen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Am
Fototisch deutet Kleinschmidt auf die Repliken historischer Aufnahmen. Eine
davon, mutmaßlich aus den 1920ern, zeigt ein Gruppenbild der Belegschaft.
24 Köpfe, mehr Frauen als Männer, deren Position sich anhand ihrer
Arbeitskluft zuordnen lässt. Wenige stecken im Anzug, die Frauen in
Schürzen, die Männer mit Schiebermützen.
Aus Gesichtern und Posen blitzt Stolz auf. Fabrikarbeit im bäuerlich
geprägten Dorf bedeutete einen gewissen sozialen Aufstieg.
Industriearbeitsplätze waren in der Umgebung rar. Wer einen im Ziegelwerk
ergatterte, konnte sich zumindest eine Existenz aufbauen. Wer sich als
Knecht und Magd auf bäuerlichen Höfen verdingen musste, lange das übliche
Los der „überzähligen“ Landbevölkerung, konnte das nicht. Doch die Sache
hatte auch ihren Preis: In der Haupthalle, in der noch Teile der
technischen Einrichtungen erhalten sind, ist erahnbar, was für ein
Höllenlärm hier einmal geherrscht haben muss.
## Ein innerer Horrorfilm
Als Kleinschmidt hier anfing, hatte er gerade als Stipendiat eine
Bildhauerschule in Südtirol absolviert. „Danach suchte ich einen Ort, an
dem ich auch am Sonntag hämmern und flexen kann.“ Es folgten 22 Jahre
Dauereinsatz für die Ziegelei. Ob ihm angesichts der Aufgabe niemals
Selbstzweifel überkommen haben? „Weltuntergangstimmung, innerer Horrorfilm“
– kamen vor, meint er mit einem Schuss Selbstironie. Aber als „aussichtslos
angesehen“ habe er sein Projekt in keinem Moment. Im Gegenteil: „Ich bin
mit diesem Ort gewachsen, das hat mir gut getan.“
Mit Genugtuung verspürt er, dass sich gerade etwas dreht. „Da gehen Leute
rein, die den Ort bislang als ‚Schmarrn‘ abgetan haben und ihn jetzt
plötzlich als ‚schön‘ empfinden.“ Einmietungen von Hochzeitsgesellschaften
verstärkten diesen Effekt, [3][das Bayerische Fernsehen drehte ein
Kurzportrait] und stelle die Ziegelei als Kathedrale der Kunst heraus. Ab
und an bringt sein Vater, mit dem lange der Kontakt abgebrochen war, ein
Essenspaket vorbei.
Endlich, sagt Kleinschmidt, sei greifbar, was er immer anstrebte: einen
besonderen Ort der Kreativität zu kreieren, ihm seine Aura zurückzugeben,
die von der Würde seines Alters, seiner Geschichte und der nicht
alltäglichen Architektur ausgeht.
Es „denen da draußen gezeigt zu haben“, spielt eine nicht minder große
Rolle. Sich voll und ganz einer lange als nutzlos betrachteten Sache
verschrieben zu haben, darin drückt sich seine Form des Protests aus gegen
das, was er „die Gesellschaft“ nennt. Die Absage an den Konsumismus zog er
eisern durch, einen Fernseher gibt es bis heute nicht, Internet nur auf dem
Handy. Aber immerhin ein Handy.
Dafür gibt es einen kleinen Gemüsegarten in Hochbeeten, auf der zum Areal
zugehörigen Wiese grasen Kühe eines Biobauern, was Kleinschmidt die
Zugehörigkeit zu einer landwirtschaftlichen Krankenkasse einbrachte. Dazu
kommen die Skulpturen im freien Dialog mit der Architektur. Schön ist’s
hier, ländliche Pastorale.
Ob er die weitgehende Aufgabe seines eigenen Kunstschaffens bedaure? „Heißt
doch Ziegelwerk“, lautet die Antwort. So, wie es inzwischen dasteht, „ist
das mein Werk“. Und dann nimmt das Gespräch noch eine wundersame Wendung:
Sein Eremitendasein werde wohl zu Ende gehen. Er habe eine Teilnehmerin aus
dem Südtiroler Bildhauer-Kurs wiedergetroffen, die alte Liebe sei neu
entflammt. Sie werde wohl bei ihm einziehen. Platz ist ja genug.
16 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Allgaeu/!t5035974
(DIR) [2] https://geoportal.bayern.de/denkmalatlas/searchResult.html?koid=234165&objtyp=bau&top=1
(DIR) [3] https://www.ardmediathek.de/video/abendschau-der-sueden/unterallgaeuer-kulturtage-altes-ziegelwerk-aus-dornroeschenschlaf-erweckt/br/Y3JpZDovL2JyLmRlL2Jyb2FkY2FzdC9GMjAyNFdPMDE3MzIyQTAvc2VjdGlvbi8wM2FlOWVlZC03MmJkLTQ2ODQtODJiYi1mMWM3OTljYjA3MWU
## AUTOREN
(DIR) Thomas Vogel
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