# taz.de -- Sexualisierung Minderjähriger im Film: Das Ungemütliche hat viele Seiten
> Nastassja Kinski ist nicht die Einzige, die als Erwachsene neu über
> Erfahrungen nachdenkt. Die Sexualisierung Minderjähriger endet nicht erst
> bei den Dreharbeiten.
(IMG) Bild: Jodie Foster dreht mit 12 „Taxidriver“. Bei expliziten Szenen sprang ihre 18-jährige Schwester (l.) ein. Mitte: Fosters Agent
Verglichen mit anderen Shitstorms, die mit Regelmäßigkeit den Puls der
Öffentlichkeit hochtreiben, war es eine fast schon produktive Debatte.
Vielleicht lag es daran, dass mit Wim Wenders’ „Falsche Bewegung“ von 1975
für eine Woche ein Film im Zentrum stand, dem sonst eher wenig
Aufmerksamkeit zukommt, was die Zahl der meinungsstarken Einwürfe etwas
einschränkte. In jedem Fall kamen [1][in der Diskussion um „Falsche
Bewegung“ und Nastassja Kinskis] halbnackten Auftritt als 13-Jährige darin
erfreulich verschiedene Aspekte zur Geltung.
Im Vordergrund stand zwar einmal mehr der verspätete Schock über den
Sexismus von einst und die gesamtgesellschaftlichen Scheuklappen gegenüber
dem, was man fast schon beschönigend als „Lolita-Komplex“ bezeichnet. So
hatte sich Nastassja Kinski seit Jahren darum bemüht, die betreffende Szene
aus dem Film schneiden zu lassen. Aber erst Wim Wenders’ in seiner
[2][Dankesrede beim Deutschen Filmpreis] geäußerte Weigerung, der Bitte so
einfach nachzukommen, brachte ihr die volle Aufmerksamkeit.
Viele, die noch nie von dem Film gehört hatten – er war erst im März im
Frankfurter Filmmuseum im Begleitprogramm der dortigen Wenders-Ausstellung
gezeigt worden –, erfuhren erstmals von seiner Problematik. Und zeitgleich
aber auch vom Für und Wider eines angemessenen Umgangs damit.
Wenders’ eine Woche später erfolgte, uneingeschränkte Entschuldigung bei
Kinski, verbunden mit der Entscheidung, den Film [3][vorerst aus dem
Verkehr zu ziehen,] setzte der Debatte ein vorläufiges, wenn auch nicht
unbedingt befriedigendes Ende. Die verschiedenen Stränge hängen nun
gleichsam in der Luft: Wie soll man verfahren mit Filmen oder Büchern, die
Stellen enthalten, die heute „nicht mehr gehen“?
## Rausschneiden oder Verpixeln?
Die einen behaupten, dass an Filmen sowieso die ganze Zeit herumgeschnitten
werde, für bestimmte Ausstrahlungen, Länderlizenzen und Ähnliches, sodass
eine Szene mehr oder weniger doch letztlich nichts ausmache. Manche
plädierten gar für die simple Lösung der Verpixelung.
Für andere stellt die Integrität eines Kunstwerks einen Wert an sich dar,
den es historisch auch gegen den jeweiligen Zeitgeist zu bewahren gilt.
Gibt es ein Anrecht darauf, zu wissen, wie es „ursprünglich“ gewesen ist?
Die Neugier darauf könnte ihrerseits einen unschönen Schwarzhandel nach
sich ziehen. Das sozialpädagogische Handwerk, das solche Konflikte mit
Kontextualisierung und Triggerwarnungen zu lösen versucht, wirkt da wie ein
verkopftes Versprechen, das mit Zerreden nervt.
Auf wohltuende Weise aber offenbarte die Debatte über alle Widersprüche
hinweg, dass Nastassja Kinskis persönliches Anliegen, ihr 13-jähriges, bei
den Dreharbeiten überrumpeltes Ich im Nachhinein schützen zu wollen,
Verständnis entgegengebracht wurde und rundum einleuchtete. Vielleicht
setzte genau das dem Ganzen eine neue Note.
Denn statt Wenders nun sensationsheischend in eine Reihe mit der Aufregung
um Konstantin Weckers Vorliebe für junge Mädchen oder den stets aufs Neue
triggernden Skandalen um Roman Polanski, Woody Allen oder gar [4][Jeffrey
Epstein] zu stellen, regt Kinskis Einwurf zur umgekehrten Route an. Sie ist
nicht der einzige Kinderstar, der als Erwachsene neu über die eigenen
Erfahrungen von damals nachdenkt.
## Jodie Foster als Prostituierte in „Taxi Driver“
Ein Gegenbeispiel zu Kinskis negativ konnotierten Erfahrungen nicht nur
beim Dreh mit Wenders liefert die fast gleichaltrige Jodie Foster. Sie
erinnert sich an ihre Mitarbeit als 12-Jährige in „Taxi Driver“ stets mit
Humor und Jovialität. Wie dieser Tage beim Tribeca-Filmfestival, wo der 50.
Geburtstag von Martin Scorseses Film gefeiert wurde, betont Foster gern,
dass sie als damals bereits erfahrener Kinderstar die Souveränere am Set
gewesen sei.
Robert De Niro und Scorsese hätten peinlich berührt gekichert, wenn sie ihr
die Rolle der Kinderprostituierten erklären mussten, sie selbst sah sich
als abgebrüht.
Für die sexuell expliziteren Szenen wurde Jodie aber von ihrer damals
bereits 18-jährigen Schwester Connie als Stand-in ersetzt. Was für eine
Professionalität am „Taxi-Driver“-Set spricht, die man Wenders im
Nachhinein nur wünschen könnte – die aber der deutsche Film von damals wohl
gerade abgelehnt hätte.
Mit Professionalität allein lässt sich ohnehin nicht alles lösen. Das macht
Brooke Shields begreiflich, die im selbst produzierten Dokumentarfilm
„Pretty Baby: Brooke Shields“ (2023) über ganz verschiedene Aspekte ihrer
Zeit als Kinderstar spricht.
## Brooke Shields als Prostituierte in „Pretty Baby“
Ähnlich wie Foster spielte sie in Louis Malles „Pretty Baby“ (1978) als
11-Jährige eine Kinderprostituierte, was in den prüden USA von damals einen
Skandal darstellte, wenn auch mit etwas anderer Ausrichtung als heute.
Shields erinnert sich an nichts Unangenehmes von den Dreharbeiten – für die
Nacktszenen trug sie einen body stocking, einen „Ganzkörperstrump“ –,
ungemütlich dagegen war es, sich für die Teilnahme am „unmoralischen“ Film
rechtfertigen zu müssen.
Sie selbst hält „Pretty Baby“ nämlich für einen der besten und künstlerisch
wertvollsten Filme, die sie je gemacht hat; die Tatsache, dass sie den
Titel in ihrem eigenen Documentary recycelt hat, spricht für sich.
Abgesehen von „Pretty Baby“ aber weiß Brooke Shields über eine ganze
Palette an Negativerfahrungen zu berichten. Sie verlor den Rechtsstreit
gegen den Fotografen, der Nacktbilder von ihr als Zehnjähriger
weiterverkaufte, und erinnert sich daran, wie Franco Zeffirelli ihr als
16-Jähriger beim Dreh von „Endlose Liebe“ schmerzhaft an den Zeh griff, um
einen bestimmten Gesichtsausdruck zu filmen.
Und noch als erwachsene 20-Jährige erlebte sie einen sexuellen Übergriff in
großer Hilflosigkeit. Immer wieder thematisiert sie den ungemütlichen
Abgrund zwischen dem, was sie als ihre Arbeit ansah, und dem, was mit
sexualisierendem Blick daraus gemacht wurde.
## Schlimme Fanpost für Natalie Portman
Auch für Natalie Portman, deren diesbezüglich einschlägiger Film „Léon –
Der Profi“ von 1994, mithin einem vermeintlich fortschrittlicheren
Jahrzehnt stammt, sind es nicht die Dreharbeiten, die ihr heute unwohle
Gefühle machen. Es war die Fanpost, in der Einzelne ihre sexuellen oder
auch gewalttätigen Fantasien kundtaten oder auch der von einem Radiosender
ausgerufene Countdown zu ihrem 18. Geburtstag, die Portman heute mehr als
„cringy“ erscheinen.
Ähnliches wie Portman benennen auch Dakota Fanning, die in „Hounddog“ von
2007 ein 12-jähriges Opfer einer Vergewaltigung spielte, oder Kirsten Dunst
(die in „Interview mit einem Vampir“ als 10-Jährige den 19 Jahre älteren
Brad Pitt küssen musste): Es kann nicht darum gehen, bestimmte Rollen oder
Darstellungen abzulehnen, solange bei den Dreharbeiten Standards
eingehalten werden und Rücksicht genommen wird. Die Problematik endet
jedoch nicht da. Die Zuschauer*innen tragen eine Mitverantwortung dafür,
wie ein Film betrachtet und interpretiert wird.
Die Forderung, heute für „unangemessen“ gehaltene Szenen wie die der
halbnackten 13-jährigen Kinski in Wenders’ „Falsche Bewegung“ mit Label und
„Kontext“ zu versehen, erweist sich in diesem größeren Zusammenhang nämlich
als bloße Krücke für das Eigentliche: ein allgemeines, geteiltes
Bewusstsein darüber, was daran gegen den Strich geht.
Dass Kinski selbst sich beim Dreh übertölpelt fühlte, ist das eine, dass
die Szene im Film etwas bebildert, das man so nicht mehr sehen mag, weil
die Sexualisierung einer 13-Jährigen „uns heute“ im Gegensatz zu „denen
damals“ falsch erscheint, das andere.
Dafür, dass das so ist, kann man allerdings dankbar sein.
13 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Barbara Schweizerhof
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