# taz.de -- Wim Wenders und Nastassja Kinski: Es hängt nicht an Wenders allein
> Die anstehende Diskussion um die Handhabung von Filmen wie „Falsche
> Bewegung“ ist keine leicht zu bewältigende Aufgabe. Man kann sie aber
> auch als Chance begreifen.
(IMG) Bild: Wim Wenders im Filmmuseum in Frankfurt
Vielleicht wurde das Werk bis auf Weiteres zum letzten Mal so gezeigt:
„Falsche Bewegung“, die von Wim Wenders 1975 inszenierte freie Adaption von
Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, lief am 18. und 24. März im
Frankfurter Filmmuseum DFF als Teil einer begleitenden Reihe zur
Sonderausstellung „W.I.M. Im Lauf der Zeit“.
Nun hat der Regisseur, dessen Stiftung Ausstellungspartnerin ist, auf die
Vorwürfe seiner Darstellerin Nastassja Kinski wegen nicht konsensueller
Nacktbilder reagiert – und auf der Stiftungsseite ein Statement
veröffentlicht: „Als einziger der damals für falsche Bewegung handelnden
Verantwortlichen, der noch da ist, sehe ich, dass Nastassja Kinski damals
hätte besser beschützt werden müssen. Dafür bitte ich Dich um
Entschuldigung, Nastassja, ohne Wenn und Aber“, heißt es darin, und weiter:
„Die gemeinnützige Wim Wenders Stiftung, der der Film gehört, [1][zieht den
Film aus allen aktuellen Auswertungsformen zurück.]
Streaming-, TV- und Vertriebspartner werden angewiesen, den Film nicht mehr
öffentlich zugänglich zu machen.“ Die vielen Reaktionen, Hinweise und
Gespräche hätten wesentlich dazu beigetragen, schreibt Wenders, seinen
Blick auf die damaligen Ereignisse „weiter zu schärfen“. Dafür sei er
dankbar.
Dass er [2][seinem „29-jährigen Ich“], das den Film damals so inszenierte,
nun doch einen Vorwurf macht, wie er es kürzlich in [3][einer Rede auf der
Filmpreisverleihung] noch ablehnte, dass dieses Statement also tatsächlich
als Schuldeingeständnis zu werten ist, das kann man – mit etwas Mühe aber
immerhin – in der Formulierung der „Entschuldigung“ entdecken: Nur wer sich
für etwas in der Verantwortung sieht, kann sich „ent-schuldigen“.
## Immer schon falsch
Wenders scheint etwas gelernt zu haben, was für manche Menschen schwer zu
begreifen ist: Selbst wenn die Intention nicht böse war, kann die Handlung
verletzend wirken und bleibende, traumatisierende Folgen verursachen. Und
selbst wenn ein Zeitgeist, eine Gesellschaft, eine Öffentlichkeit die
nötige Sensibilität für diese Verletzung (noch) nicht gelernt und die
Falschheit des Handelns (noch) nicht vergegenwärtigt hat, war sie dennoch
immer schon falsch.
Dass Bertolucci, Regisseur von „Der letzte Tango in Paris“, den Vorwürfen
seiner Hauptdarstellerin Maria Schneider wegen einer unangekündigten,
gespielten Vergewaltigungsszene erst zwei Jahre vor seinem Tod wirklich
Gehör schenkte und öffentlich aussagte, sie habe womöglich recht gehabt,
war zu spät.
Die anstehenden Diskussionen um die Handhabung solcher Filme
beziehungsweise Szenen hängt nicht an Wenders allein – es ist vielmehr eine
gemeinschaftliche Aufgabe, die gewiss nicht leicht zu bewältigen sein wird.
Die aber dringend nötig ist. In anderen Kulturbereichen und auf anderen
thematischen Ebenen wird die Debatte längst geführt, zum Beispiel
hinsichtlich der Frage, ob es reicht, hagiografische Skulpturen von
Verbrechern zu kontextualisieren, oder ob es sinnvoll ist, sie komplett zu
entfernen.
Man sollte versuchen, diese Diskussion nicht als leidig, sondern als Chance
zu begreifen: Ist es nicht großartig, dass man aus der Vergangenheit lernen
kann?
4 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nacktszene-mit-minderjaehriger-Kinski/!6184282
(DIR) [2] /Verleihung-Deutscher-Filmpreis/!6182958
(DIR) [3] /Wim-Wenders-und-Nastassja-Kinski/!6182992
## AUTOREN
(DIR) Jenni Zylka
## TAGS
(DIR) Wim Wenders
(DIR) Film
(DIR) Deutscher Film
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Wim Wenders
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Deutscher Filmpreis
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Nacktszene mit minderjähriger Kinski: Regisseur Wim Wenders zieht Film „Falsche Bewegung“ zurück
Schauspielerin Nastassja Kinski bat lange, dass Regisseur Wim Wenders eine
Nacktszene von ihr als 13-Jährige aus dem Film „Falsche Bewegung“ entfernt.
Nun entschuldigt er sich.
(DIR) Wim Wenders und Nastassja Kinski: Wenders’ Trick
Der Starregisseur filmte Nastassja Kinski einst als Kind halbnackt. Seine
Verteidigungsstrategie bei der Filmpreisverleihung ist äußerst fragwürdig.
(DIR) Verleihung Deutscher Filmpreis: Die Moral hat sich nicht groß geändert
Bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises ging die Goldene Lola an
Mascha Schilinski für „In die Sonne schauen“. Der Abend gehörte aber den
weißen alten Männern.