# taz.de -- Abschied vom Schattenspender: Wo Palmrüssler und Borkenkäfer Gute Nacht sagen
       
       > Die Kiefer hat lange durchgehalten, aber zu trocken ist einfach zu
       > trocken. Ein Abschied mit Blick auf die Adria und wenig Hoffnung auf
       > Besserung.
       
 (IMG) Bild: Die Aleppo-Kiefer (Pinus halepensis) wirft wunderbar Schatten, ist aber leicht entflammbar
       
       Sie hat den Kopf fallen gelassen. Die noch grünen Nadeln hängen hinunter,
       statt stolz in den Himmel zu ragen. Von den dicken Ästen schält sich die
       Rinde. Sie ist ein 15 Meter hoher Baum, der meine Terrasse 50 Jahre lang
       beschattet hat. Nun ist sie nur noch ein Schatten ihrer selbst.
       
       Es ist die letzte Kiefer auf dem Hügel des dalmatinischen Fischerdorfs
       Bratuš. Die Häuser, die hier in den 1970er Jahren teils von Gastarbeitern,
       teils von der jugoslawischen Elite gebaut wurden, haben sich längst von den
       hier ehemals dicht an dicht stehenden Aleppo-Kiefern getrennt. Aus
       Brandschutzgründen und wegen der Tonnen an Nadeln, die tägliches Fegen
       erfordern (wer meint, die könne man doch einfach liegen lassen, hat noch
       nie [1][einen Kiefernwaldbrand] erlebt).
       
       Noch vor drei Wochen war meine Kiefer in Topform. Grün, groß, buschig. Über
       Nacht wurden die Nadeln braun und fielen ab, die grüne Nadelnachproduktion
       wurde nicht mehr angeworfen. Man konnte dem Baum stündlich beim Sterben
       zusehen. Auch ein Starkregentag brachte nichts. Jeder Nachbar hat eine
       andere Theorie für den plötzlichen Kieferntod: Vergiftung durch einen
       Nachbar („Ich bin mir 90 Prozent sicher“), Überhitzung, Krankheit.
       
       Mittlerweile liegt um den Baum herum überall brauner Staub, und auf dem
       Stamm beginnt es zu krabbeln. Handyfoto, KI. Ergebnis: Zu 90 Prozent
       Borkenkäfer.
       
       ## Hellgrünem Riesen den Todesstoß versetzt
       
       Die Lunge der 60 Kilometer entfernten [2][Hafenstadt Split], der Waldhügel
       Marjan, droht seit 2017 wegen der massiven Austrocknung der Aleppo-Kiefern
       zu kollabieren. Der Mittelmeerborkenkäfer kann sich in den von der Dürre
       geschwächten Bäumen rasant verbreiten, was den charakteristischen
       hellgrünen Riesen den Todesstoß versetzt.
       
       Vor wenigen Jahren hatte der Palmrüssler den Mittelmeerraum angegriffen und
       [3][auch in Kroatien den Bestand an Kanarischen Dattelpalmen] beträchtlich
       reduziert. Auch zwei meiner Palmen und die meiner Nachbarn starben.
       
       Sowohl die Aleppo-Kiefer als auch die Dattelpalme sind in Kroatien nicht
       endemisch. Die Kiefer wurde im 19. Jahrhundert wegen ihrer resistenten
       Wurzeln als Bodenfestiger auf die steilen Karsthänge an der Küste
       gepflanzt. Die Palmen wurden zur gleichen Zeit zwecks touristischen
       Marketings importiert, um die Strandpromenaden exotischer zu gestalten.
       Vorher stand dort der endemische kostela (Zürgelbaum), ein robuster Riese
       mit dichtem, sonnenschirmrundem Blätterdach. Ein Schattenspender, wie ihn
       sich kein Landschaftsplaner besser ausdenken könnte, aber wenig
       instagrammable.
       
       Im kroatischen Hinterland bildet die Macchia eine natürliche Barriere gegen
       Brände. Mit der Aleppo-Kiefer an der Küste hat man sich ein leicht
       entflammbares Streichholz in die Landschaft gebaut. Seine harzreichen
       Nadeln wirken wie Brandbeschleuniger, weswegen die Waldbrände an den
       Mittelmeerküsten so schwer zu kontrollieren sind.
       
       Die Kritik an der Aufforstung mit der Aleppo-Kiefer verhallt. Wenn in ein
       paar Jahren noch Leben am Mittelmeer außerhalb von klimatisierten Villen
       mit klimatisiertem Pool stattfinden soll, müsste Natur- und Hitzeschutz
       allerhöchste Priorität haben.
       
       Nicht nur am Mittelmeer droht Verwüstung. In Deutschland sind laut dem
       diese Woche veröffentlichten „[4][Hitze-Check“ der Deutschen Umwelthilfe]
       in den vergangenen sieben Jahren über eine Million Bäume aus den Städten
       „verschwunden“. Es drohten lebensfeindliche Räume, wenn die Politik nichts
       unternähme. Die aktuelle Eichenprozessionsspinner-Plage vervollständigt das
       apokalyptische Gefühl.
       
       Die mangelhafte Hitzeschutzpolitik könnte auch Vergiftung genannt werden.
       Vergiftung nicht durch Nachbars Hand, sondern durch fahrlässiges
       Nichthandeln.
       
       Seit Donnerstag fällt kein Schatten mehr auf meine Terrasse. Die Kiefer
       wurde gefällt. R. I. P.
       
       13 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Foerster-ueber-Waldbraende-in-Spanien/!6179367
 (DIR) [2] /Die-Stadt-Split/!5313159
 (DIR) [3] /Relative-Ruhe-an-der-kroatischen-Adria/!5775600
 (DIR) [4] https://www.duh.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/hitze-check-2026-der-deutschen-umwelthilfe-fast-eine-million-baeume-aus-deutschen-staedten-verschwund/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Doris Akrap
       
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