# taz.de -- Eichenprozessionsspinner: Sie sind immer noch nicht satt
       
       > Seine Raupen nagen an deutschen Eichen wie die Inflation am Euro-Cent:
       > Der Eichenprozessionsspinner ist wieder da. Und mit ihm das Chaos.
       
 (IMG) Bild: Wegen ihnen werden gerade reihenweise Sportanlagen, Parkteile und Spielplätze geschlossen: Eichenprozessionsspinner
       
       Es klingt wie [1][aus einer AfD-Propaganda-Fantasie]: Die Eiche, das
       deutscheste aller deutschen Symbole, der nationale Baum der Stärke,
       Standhaftigkeit und Langlebigkeit, tief verwurzelt in der germanischen
       Scholle – dahingeraspelt und kahlgefressen von Scharen herbeiströmender,
       gefräßiger Migranten.
       
       Genau: Der Eichenprozessionsspinner ist wieder da! Seine Raupen migrieren
       in langen Prozessionen auf unseren Eichen und nagen fröhlich an ihrem Laub
       wie die Inflation am Euro-Cent, der passend dazu von einem Eichenzweig
       geziert wird. Den Treudeutschen vermiesen sie die Stählung des Volkskörpers
       im Park, [2][weil der späte Frühling sein weiß-rotes Band wieder durch die
       Lüfte flattern lässt], um die Eichenstämme, auf dass niemand sich ihnen
       nähere. Sonst drohen Hautausschlag, Dauerjucken und Atemwegsbeschwerden.
       
       Nur ist der Eichenprozessions- aus AfD-Sicht wohl eher ein linksgrüner
       Spinner, der uns auf eindringliche Weise vor den Folgen des Klimawandels
       warnt. Der nachtaktive Falter ist seit jeher in Deutschland heimisch, er
       tritt nur immer häufiger auf, weil es im Frühjahr und Sommer zunehmend warm
       und trocken ist, was ihm behagt. Seine Eier überstehen auch härtere
       Frostperioden, die es zudem immer seltener gibt – ein weiterer vom Menschen
       geschenkter Standortvorteil.
       
       ## Berlin trifft das Naturereignis wieder mal unvorbereitet
       
       Im Frühling schlüpfen die Raupen, die sich zunächst unauffällig in den
       Baumkronen aufhalten, bevor sie Ende April bis Mai Brennhaare entwickeln,
       die sie wie schüttere Hippies aussehen lassen. Dann ziehen sie sich tags in
       gesponnene Nester zurück, von denen aus sie nachts zu den Futtergründen
       aufbrechen. Die Raupen treten diese Wanderung gemeinsam an, hinter- und
       nebeneinander prozessierend. Potenzielle Angreifer halten sie sich mit den
       Brennhaaren vom Leib, die über eine Substanz verfügen, die auf Haut und
       Schleimhäuten von Mensch und Tier für unangenehmes Jucken, Brennen und
       Röcheln sorgt. In seltenen Fällen kann sie allergische Reaktionen auslösen.
       Auch ohne ist eine Begegnung aber unerfreulich, zumal die Brennhaare im
       Umkreis von mehreren Metern herumwirbeln, und sich in den Nestern
       ansammeln, wo sie eine Art chemischen Schutzwall bilden.
       
       Von Juli bis September flattert die flauschige Motte mit ihrer
       Flügelspannweite von drei bis vier Zentimetern nur wenige Tage durch die
       Gegend und nutzt diese Zeit ausschließlich für das Gute und Schöne, also
       Sex. Dann hat sie alles erlebt und tritt ab, allerdings nicht ohne zuvor
       rasch Eier an Eichenzweigen zu platzieren.
       
       In Berlin, wo die Raupen derzeit besonders günstige Umstände vorfinden,
       sind gerade reihenweise Sportanlagen, Parkteile und Spielplätze geschlossen
       worden. Wie auch in anderen Teilen Deutschlands sollen sich Experten den
       befallenen Bäumen annehmen und Nester sowie Raupen absaugen, wegbrennen
       oder mit diversen Tinkturen biologisch oder chemisch eliminieren. Die
       Hauptstadt trifft das inzwischen beinahe jährlich überraschend auftretende
       Naturereignis allerdings völlig unvorbereitet und löst hektische
       Betriebsamkeit aus: Alle in Frage kommenden Instanzen erklären sich für
       nicht zuständig, außerdem kann man eh nicht viel machen, weil Geld und
       Personal fehlen. Im Prinzip also dieselben Gründe, [3][weshalb man im
       Winter so rat- wie hilflos vor Glatteis steht]. Naturgewalten eben.
       
       Und die befallenen Eichen? Obwohl sie durchaus der kleinen Raupe Nimmersatt
       zur Ehre gereichen und ganze Bereiche kahl fressen können, ist der Schaden
       durch die Eichenprozessionsspinner bei gesunden Bäumen überschaubar. In
       Anpassung an das Spektakel treiben diese Ende Juni meist sowieso noch mal
       aus, zur zweiten Laubrunde für den Sommer, wenn die Raupen längst satt sind
       und sich zur Verpuppung zurückgezogen haben. Denn was kümmert's eine Eiche,
       wenn ein Spinner sich an ihr kratzt. Heiko Werning
       
       20 Jun 2026
       
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