# taz.de -- Manager über Rohstoffkrise: „Der westliche Markt trocknet aus“
       
       > Karlheinz Wex, Chef des Werkzeugherstellers Plansee Group, spricht über
       > Chinas Vormacht auf dem Markt für Wolfram – und Wege aus der
       > Abhängigkeit.
       
 (IMG) Bild: Heiß begehrt: das Schwermetall Wolfram
       
       Herr Wex, was glauben Sie: Wann wird das Schwermetall Wolfram erstmals in
       der Tagesschau auftauchen? 
       
       Karlheinz Wex: Im Laufe dieses Jahres, ganz bestimmt. [1][Im Zusammenhang
       mit kritischen Rohstoffen] ist über Wolfram schon berichtet worden, ein
       eigenes Thema war es aber, soweit ich weiß, nicht.
       
       Warum nicht? 
       
       Das verstehe ich auch nicht. Die Lage auf dem Wolfram-Markt ist dramatisch.
       China beherrscht weltweit Abbau und Verarbeitung, das Land hat einen
       Marktanteil von über 80 Prozent. Seit einem Jahr ist der Export
       eingeschränkt, der westliche Markt trocknet aus. Dabei ist Wolfram für
       viele Industrie-Anwendungen unbedingt notwendig.
       
       Welche Branchen sind besonders abhängig? 
       
       Die allerwichtigste ist die Werkzeugbranche. Drehen, fräsen, bohren,
       umformen – Unternehmen, die Getriebebauteile, Motoren, Maschinenteile
       produzieren oder reparieren, benutzen Werkzeuge aus Wolframkarbid.
       Unternehmen der Elektronik und der Rüstungsindustrie fragen Produkte aus
       Wolfram stark nach.
       
       Wie lange könnten die europäischen Unternehmen produzieren, wenn China
       nichts mehr exportiert? 
       
       Für Vormaterialien – wie Wolframpulver oder Wolframoxid – gibt es seit
       einem Jahr keine Exporte mehr aus China. Im Gegenteil: China ist zum
       Nettoimporteur geworden, es saugt alles auf. Außerdem werden Lizenzen für
       Minen zurückgefahren. Darum gibt es ja diese Preissteigerungen von zum Teil
       600 Prozent. Es gibt noch Material, aber eben zu völlig überhöhten Preisen.
       
       [2][Diese Geschichte ist dieselbe wie bei den Seltenen Erden]: Erst hat
       China alle Mitbewerber mit einem aggressiven Preiswettbewerb vom Markt
       gedrängt und dominiert ihn nun. Warum haben die Unternehmen nicht früher
       gemerkt, was da passiert – und vorgesorgt? 
       
       Da regiert häufig das Prinzip Hoffnung. Die Plansee-Group hat allerdings
       vorgesorgt. Vor beinahe 20 Jahren haben wir uns rückwärtsintegriert und in
       den USA den Geschäftsbereich Global Tungsten and Powders vom
       Leuchtenhersteller Osram gekauft. Als Osram wegen der Umstellung auf
       LED-Technik die Wolframwendel in der Glühlampe nicht mehr benötigt und sein
       Wolfram-Werk veräußert hat, haben wir zugegriffen. Das war 2008, da haben
       wir die sehr unfaire Handelspolitik Chinas schon gesehen. Von dieser
       Politik wollten wir uns unabhängig machen. Zusätzlich haben wir
       Recyclingtechnologien entwickelt. Letztes Jahr lag unser Einsatz von
       Sekundär-Wolfram bei rund 90 Prozent. Wir sammeln vor allem abgenutzte
       Werkzeuge ein und bereiten sie durch unterschiedliche Technologien zu
       neuem, einsatzfertigem Wolfram auf. Die restlichen zehn Prozent kaufen wir
       aus Minen zu, aber nur im Westen.
       
       Börsenblätter haben den Markt in den letzten Monaten zum Teil als
       „hysterisch“ bezeichnet. Profitieren Sie davon? 
       
       Na ja, die Preise für Schrotte und Konzentrate basieren ja auch auf diesen
       Werten, wir zahlen also selbst mehr im Einkauf. Wir sind insofern
       abgesichert, als wir überhaupt an das Material herankommen, preislich aber
       nicht. Wir müssen jetzt durch stringentes Management schauen, dass wir die
       Preise auch in unsere Produkte hineinbekommen.
       
       Sie haben sich Material an einer neuen Mine in [3][Südkorea] gesichert.
       Läuft die schon? 
       
       Unser langjähriger Partner Almonty hat sich vor zehn Jahren Rechte an der
       Sangdong-Mine gesichert. Die Mine ist nicht neu, sondern hat das Schicksal
       von vielen nicht-chinesischen Minen geteilt und wurde vor 30 Jahren
       stillgelegt. Seit etwa acht Jahren versucht Almonty, sie wieder zum Laufen
       zu bringen. Anlagen aufbauen, in Betrieb nehmen, Materialeigenschaften
       einstellen, das dauert. Wir haben uns in der ersten Ausbauphase 100 Prozent
       des Materials gesichert und von der österreichischen Kontrollbank und der
       KfW Finanzierungen und Darlehen bekommen. Vor zehn Jahren haben wir ein
       Offtake-Agreement geschlossen. Das heißt, wir haben zugesagt, das Wolfram
       aus der Mine zu Minimumpreisen abzunehmen, die höher als der damalige
       Marktpreis lagen. Das war ein Risiko, aber in der jetzigen Zeit ist das
       natürlich kein Thema mehr. Jetzt warten wir jede Woche darauf, dass
       Material aus dieser Mine kommt. In der ersten Ausbauphase sollen 2.500
       Tonnen, in Phase 2 noch einmal 2.000 Tonnen dazukommen. Damit ist Sangdong
       eines der größten Wolfram-Projekte in der westlichen Welt.
       
       Die Recyclingquote von Wolfram liegt derzeit bei 35 Prozent – das heißt, 65
       Prozent des verwendeten Wolframs stammen aus Minen. Wie weit lässt sich der
       Recyclinganteil steigern? 
       
       Zurzeit liegt der weltweite Bedarf an Wolfram bei 120.000 Tonnen im Jahr.
       Davon ließen sich bis zu 50 Prozent durch Recyclingmaterial abdecken, dann
       stoßen wir an Grenzen. Der Abrieb von Bohr- oder Schleifwerkzeugen in
       Bergwerken oder im Tunnel- und Straßenbau geht zum Beispiel in der
       Landschaft verloren.
       
       Die EU, vorangetrieben vor allem von Deutschland und Frankreich, will
       Lagerkapazitäten aufbauen, wie beim Öl. Wird das helfen? 
       
       Das ist ein Plan, von der Umsetzung sind wir noch sehr weit weg. Recycling
       ist gewünscht, kritische Rohstoffe stehen auf der Agenda, da sind Ziele
       formuliert. Aber wie und wo genau Rohstoffe beschafft, gelagert und
       gemanagt werden, dazu ist noch nichts bekannt.
       
       Ist denn Lagerhaltung überhaupt die richtige Strategie? 
       
       Reserven aufbauen ist dann sinnvoll, wenn genug Material da ist. Sonst
       heizen wir die Knappheit doch noch weiter an. Strategische Lager machen
       Sinn. Sie jetzt anzulegen, wäre aber kontraproduktiv.
       
       Dass Europa ein Rohstoffproblem hat, ist seit über zehn Jahren bekannt.
       Warum passiert nichts? 
       
       Es passiert ja nicht nichts, die Ziele sind gut. Aber es gibt keine klare,
       stringente Vorgangsweise, die Ziele werden nicht umgesetzt. Die Chinesen
       zum Beispiel haben vor 20 Jahren erkannt, dass sie für viele moderne
       Technologien Kobalt und Lithium brauchen. Sie haben sich in Afrika,
       Australien und Südamerika Reserven gesichert und strategisch
       Verarbeitungskapazitäten aufgebaut. Außerdem gehen sie sehr sorgfältig mit
       ihren eigenen Reserven um.
       
       Also haben die europäischen Regierungen das Thema verschlafen? 
       
       Die Politik muss den Rahmen abstecken, oder Risiken absichern, etwa für
       Minenprojekte. Machen muss das Ganze die Industrie. Die Unternehmen waren
       und sind in der Verantwortung.
       
       Und nun? 
       
       Bei jedem Material gibt es spezifische Lösungen. Von einigen gibt es
       natürliche Ressourcen in der EU oder in anderen verlässlichen Weltgegenden,
       andere können gut recycelt werden. Für einige Rohstoffe gibt es noch
       europäische Verarbeitungskapazitäten, für andere nicht. Mit Blick auf
       Wolfram: Kurzfristig sollten Wolframschrott-Exporte nach China gestoppt und
       der Recyclinganteil in der EU weiter gesteigert werden. Mittel- und
       langfristig geht es darum, sinnvolle Rahmenbedingungen für neue
       Minenprojekte in der westlichen Welt zu schaffen und die Aufbau-, Anlauf-
       und Nutzungsphase finanziell abzusichern.
       
       2 Jun 2026
       
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