# taz.de -- Weltwirtschaft und Geopolitik: „Trump hat China groß gemacht“
       
       > China-Experte Jörg Wuttke über die Risse innerhalb der chinesischen
       > Wirtschaft, den kommenden Xi-Trump-Gipfel und ob China vom Irankrieg
       > profitiert.
       
 (IMG) Bild: Die Präsidenten Donald Trump und Xi Jinping bei ihrem letzten Zusammentreffen am 30. Oktober 2025 beim Apec-Gipfel in Seoul
       
       taz: Chinas Wirtschaft zeigt sich derzeit voller Widersprüche: Auf der
       einen Seite stehen boomende Exporte und technologische Fortschritte, auf
       der anderen eine anhaltende Immobilienkrise und eine rekordhohe
       Jugendarbeitslosigkeit. Wie schätzen Sie den aktuellen Zustand der
       [1][chinesischen Volkswirtschaft] ein? 
       
       Jörg Wuttke: China sieht im Moment nur deshalb so smart aus, weil Amerika
       im direkten Vergleich so bescheuert aussieht. Denn die chinesischen
       Wirtschaftsprobleme im Inneren sind offensichtlich: Allein durch die
       [2][Immobilienkrise] haben die Privathaushalte in den letzten fünf Jahren
       Wohlstandsverluste in Höhe von mehreren Billionen Dollar hinnehmen müssen.
       Dass die Parteiführung nun den schwachen Konsum ankurbeln möchte, dürfte
       schwierig werden: Da rund 900 Millionen Chinesen nur 10 Dollar pro Tag oder
       weniger verdienen, ist da nicht viel zu holen. Derzeit bleibt vor allem
       eine wirtschaftliche Säule, die noch wunderbar funktioniert – der Export.
       
       taz: … der kreiert jedoch zunehmend Spannungen: Chinas Firmen produzieren
       auch dank wettbewerbsverzerrender Subventionen und künstlich niedriger
       Währungskurse so günstig, dass sich immer mehr Staaten mit Zöllen gegen die
       Warenflut aus dem Reich der Mitte abschirmen. 
       
       Wuttke: Chinas Exportboom mag zwar Jobs innerhalb des Landes kreieren, aber
       er sorgt auch dafür, dass anderswo die Arbeitswelt erodiert. In Deutschland
       verlieren wir derzeit jeden Monat bis zu 10.000 Jobs im herstellenden
       Gewerbe. Man schaue sich nur einmal das Handelsdefizit mit China an, das
       derzeit bei knapp 90 Milliarden Euro liegt. Das Problem wird zwar
       mittlerweile erkannt. Aber ich habe das Gefühl, dass unsere Politiker ewig
       um den heißen Brei reden und sich in Kleinigkeiten verheddern. Niemand hat
       eine Vision für das große Ganze.
       
       taz: Die Sorgen vor einer chinesischen Dominanz erinnert stark an die
       1980er. Damals fürchtete man sich im Westen, vom technologisch
       aufstrebenden Japan überrannt zu werden. Kurz darauf verlief die
       „japanische Bedrohung“ im Sande. Könnte es bei China auch so kommen? 
       
       Wuttke: Überhaupt nicht, weil China natürlich kein Alliierter der
       Vereinigten Staaten ist. Die USA konnten damals gegenüber Japan extrem
       stark auftreten und im Zuge des Plaza-Abkommens den Yen zur Aufwertung
       zwingen, was japanische Produkte wieder teurer machte. Mit China wird dies
       nicht gelingen.
       
       taz: Es gibt aber eine weitere historische Parallele: Wie Japan damals
       steht China heute ebenfalls am Beginn einer rasanten Alterung. Viele
       chinesische Ökonomen fürchten, dass der demografische Wandel die größte
       Bedrohung für den Aufstieg des Landes ist. 
       
       Wuttke: Die Parteiführung unternimmt deswegen auch alles, um diesem
       extremen Alterungsprozess etwas entgegenzusetzen. Der im letzten Monat
       abgenickte Fünfjahresplan fokussiert sich auf technologische Lösungen, um
       die Produktivität trotz sinkender Arbeitskräfte zu steigern:
       Biotechnologie, künstliche Intelligenz und Robotik. Ob das klappt, ist eine
       offene Wette.
       
       Der demografische Wandel schreitet schließlich rapide voran: Bis Mitte der
       2040er wird Chinas Bevölkerung bereits älter als Europa sein. Und innerhalb
       des Landes zeigt sich die Entwicklung höchst unterschiedlich: In Shanghai,
       der wohlhabendsten Stadt des Landes, beträgt die Fertilitätsrate – also die
       statistische Anzahl an Kindern, die eine Frau im Laufe ihres Lebens bekommt
       – derzeit 0,59. Das dürfte einer der niedrigsten Werte weltweit sein.
       
       taz: Die einbrechende Geburtenrate zeigt auch, dass viele Chinesen das
       Grundvertrauen in die Zukunft verloren haben. Ein weiterer Indikator dafür
       ist, dass jedes Jahr mehrere Tausend Millionäre das Land verlassen. Warum? 
       
       Wuttke: Die Reichen verlassen China zum einen wegen der immensen
       Politisierung, die überall zu spüren ist. Etwa auch in den Schulen ihrer
       Kinder, wo mittlerweile Xi Jinpings Gedankenlehre zum verpflichtenden
       Curriculum gehört. Das ist kein attraktives Umfeld. Zudem wissen die
       Unternehmer auch, wie klamm der Staat ist – und dass der Druck auf die
       Wohlhabenden steigt, mehr vom Kuchen abzugeben.
       
       taz: Der Wohlstand im Land ist in der Tat höchst ungleich verteilt. 
       
       Wuttke: Das Ironische ist ja, dass es wirtschaftlich sehr viele
       Ähnlichkeiten zwischen China und den USA gibt: In beiden Ländern ist die
       Ungleichheit zwischen Arm und Reich riesig. Und sowohl in China als auch
       Amerika sind rund 20 Prozent der Volkswirtschaft Weltspitze, während der
       Rest vor sich hin darbt. Noch eine Gemeinsamkeit: Beide Länder werden
       derzeit von populistischen Führern regiert – auch wenn die natürlich höchst
       unterschiedlich agieren.
       
       taz: … und Mitte Mai werden sich die beiden wichtigsten Staatschefs der
       Welt treffen: Donald Trump reist nach Peking zu Xi Jinping. Was erwarten
       Sie vom Gipfel? 
       
       Wuttke: Der wird wahrscheinlich mit viel Brimborium ablaufen, aber es wird
       relativ wenig Konkretes dabei herauskommen. Vielleicht wird Trump ein paar
       Deals verkünden, doch einen großen Durchbruch beim Marktzugang für
       US-Firmen in China wird es nicht geben. Momentan haben die Chinesen
       eindeutig die Oberhand.
       
       taz: Warum? 
       
       Wuttke: Xi Jinping hat die entscheidenden Asse im Ärmel – etwa mit seinem
       Quasi-Monopol auf seltene Erden. Als Peking letztes Jahr den Zugang durch
       Exportkontrollen verschärfte, hat sich Trump eine blutige Nase abgeholt und
       klein beigegeben. Aufgrund des Irankriegs ist die Abhängigkeit der USA von
       Chinas seltenen Erden nun noch weiter gestiegen. Das US-Militär hat in
       Nahost wahnsinnig viel an Munition verbraucht; und um das wieder
       aufzustocken, benötigt man seltene Erden. Allein schon deswegen kommt für
       Trump eine Eskalation mit China derzeit nicht infrage.
       
       taz: Könnte Xi seine Machtposition auch nutzen, um mit Trump über das
       [3][Schicksal Taiwans] zu verhandeln? 
       
       Wuttke: Das ist die spannende Frage: Wirft Trump Taiwan unter den Bus? Xi
       könnte sich derzeit denken: Durch Trumps Amtszeit ergibt sich ein
       historisches Zeitfenster, um mir Taiwan einzuverleiben – und das ist nur
       mehr zwei, drei Jahre offen. Sollte China allerdings mit einer Blockade in
       der Taiwan-Straße ernst machen, würde das der Weltwirtschaft das Genick
       brechen. Fast 90 Prozent der leistungsstärksten Computerchips weltweit
       kommen schließlich aus Taiwan. Letztes Jahr habe ich das Risiko, dass es zu
       einem militärischen Konflikt kommt, bei nicht mehr als zehn Prozent
       beziffert. Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher.
       
       taz: Peking wertet Trumps [4][Irankrieg] als historischen Fehler – ein
       geopolitisches Geschenk an die Volksrepublik. Könnte China im Kampf der
       Systeme nun die Dominanz des politischen Westens unter Führung der USA
       durchbrechen? 
       
       Wuttke: Amerika befindet sich derzeit ganz klar im Selbstzerstörungsmodus.
       Trumps Entscheidung, diesen Krieg zu führen, kann auch die republikanische
       Basis zum großen Teil nicht nachvollziehen. Im Gegensatz zu den USA wirkt
       China gerade politisch wie der Erwachsene im Raum. Insbesondere im Globalen
       Süden wird China als vernünftige Nation wahrgenommen.
       
       Hinzukommt, dass die Welt derzeit auch realisiert, dass erneuerbare
       Energien nicht nur klimafreundlich sind, sondern auch hochrelevant für die
       nationale Sicherheit. Viele Staaten werden künftig ihre Abhängigkeit von Öl
       verringern und verstärkt auf Wind- und Solarenergie setzen. Und wer verfügt
       über diese Technologien? Nur die Chinesen dominieren sowohl beim Preis als
       auch der Skalierung. Im Grunde genommen ist es also Trump, der China
       derzeit ganz groß gemacht hat: Make China Great Again.
       
       23 Apr 2026
       
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