# taz.de -- Ungarns Ministerpräsident in Polen: Ein Cousin besucht den anderen
       
       > Für seinen ersten Auslandsbesuch fährt Magyar zu seinem Amtskollegen Tusk
       > nach Polen. Ein neues Zeitalter ungarisch-polnischer Freundschaft scheint
       > zu beginnen.
       
 (IMG) Bild: Neue Freunde? Péter Magyar (links) trifft den polnischen Kollegen Donald Tusk
       
       Noch muss der frisch vereidigte [1][Premier Ungarns Péter Magyar] lernen,
       wie man eine militärische Ehrenformation abschreitet. In Polens Hauptstadt
       Warschau, der er seinen ersten Auslandsbesuch abstattete, bog er immer mal
       wieder falsch ab. Mit gleich sechs Ministern besuchte Magyar am Dienstag
       und Mittwoch die alte Königsstadt Krakau, wo er auch am Grab des aus Ungarn
       stammenden polnischen Wahlkönigs Stefan Batory (16. Jh.) einen Kranz
       ablegte.
       
       In Warschau beginnt Magyar seine Rede auf der gemeinsamen Pressekonferenz
       mit Donald Tusk in polnischer Sprache: „Ein Pole, ein Ungar – zwei Cousins“
       – und erinnert damit an eine fast tausendjährige Geschichte der
       Nachbarschaft und Freundschaft zwischen den beiden Nationen.
       
       Zuvor hatte Donald Tusk, dem man anmerkt, wie froh er über den
       Regierungswechsel in Ungarn ist, Magyar die Sonderanfertigung einer
       Anstecknadel in Form eines kleinen Herzens in den ungarischen
       Nationalfarben überreicht. Das Original in Weiß-Rot trägt Tusk selbst am
       Revers. Mit diesem Herz-Symbol hatten er und die Bürgerplattform (PO) im
       Oktober 2023 die polnischen Parlamentswahlen gewonnen und die
       rechtspopulistische Recht und Gerechtigkeit (PiS) nach acht Jahren
       Regierungszeit abgelöst. Magyar war nun in Ungarn etwas Ähnliches gelungen.
       
       ## Magyar hat viele Möglichkeiten
       
       Nach 16 Jahren der rechtsnationalen Fidesz-Herrschaft unter Viktor Orbán
       konnte seine Tisza-Partei (Respekt und Freiheit) bei den Wahlen Mitte April
       einen Erdrutschsieg einfahren. Anders als Tusk kann Magyar sogar mit einer
       verfassungsändernden Zweidrittelmehrheit regieren und damit Demokratie und
       Rechtsstaat einfacher wiederherstellen als Tusk, der immer wieder
       unterschiedliche Interessen in seiner politisch breit aufgestellten
       Koalition austarieren muss.
       
       Magyar steckt sich die symbolträchtige Nadel an und sagt in die laufenden
       Kameras: „Polen ist ein Vorbild für uns.“ Das Land sei heute eine
       Mittelmacht in Europa und stärker als je zuvor. „Ungarn muss daran
       arbeiten, bei der Entwicklung von Infrastruktur, Wirtschaft und
       Verteidigungsfähigkeit dem polnischen Beispiel zu folgen.“ Aber auch er
       habe eine Vision: „Ich würde gerne die Višegrad-Gruppe (Polen, Ungarn,
       Slowakei und Tschechien) um weitere Staaten erweitern – wie etwa
       Österreich, Slowenien, Kroatien, Rumänien sowie die EU-Kandidaten auf dem
       Balkan.“
       
       Tusk kann kaum an sich halten und knufft Magyar immer wieder herzlich in
       die Seite: „Peter, dein historischer Sieg bedeute nicht nur die Rückkehr
       Ungarns nach Europa, zu hohen Standards, zu Ehrlichkeit und zu echter
       Demokratie. Er ist auch ein Zeichen der Hoffnung für Millionen von Menschen
       in Europa und weltweit, dass Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Anstand und
       Moral in der Politik keine verlorenen Anliegen sind“, sagt er auf der
       Pressekonferenz.
       
       ## Nicht alles läuft gut
       
       Natürlich gebe es auch schwierige Themen wie beispielsweise die
       Energieabhängigkeit Ungarns von Russland, die das Land erpressbar mache.
       Aber Polen werde der neuen ungarischen Regierung dabei helfen, den
       Energiemix zu diversifizieren und Ungarn an das Gasnetz der EU
       anzuschließen. Magyar entschuldigte sich dafür, dass der mit polnischem
       Haftbefehl gesuchte Ex-Justizminister Polens Zbigniew Ziobro sowie sein
       Stellvertreter, die unter Órban politisches Asyl in Ungarn bekommen hatten,
       kurz vor der Vereidigung Magyars zum neuen Premier türmen konnten.
       
       Auch den polnischen Präsidenten Karol Nawrocki traf Magyar, obwohl dieser
       Órban offen im Wahlkampf unterstützt hatte. Vor die Kameras wollte Nawrocki
       jedoch nicht.
       
       Zum Ende seiner Reise besucht er die Ostseestadt Danzig. In den 1970er und
       1980er Jahren war sie die Hochburg der polnischen Freiheits- und
       Friedensbewegung [2][Solidarność,] der es unter dem Gewerkschaftsanführer
       Lech Wałęsa gelang, einen friedlichen Systemwechsel vom Kommunismus zu
       Demokratie und Marktwirtschaft herbeizuführen.
       
       Es war ein Herzenswunsch Magyars gewesen, den einstigen Freiheitshelden
       Wałęsa zu treffen und die Stadt als Wiege der Solidarność zu würdigen. Die
       Danziger dankten es ihm, kamen in Massen und ließen Magyar hochleben. Nach
       einigen Jahren schwer gestörter polnisch-ungarischer Beziehungen scheint
       nun ein neues Fundament gelegt worden zu sein. Als Erstes wird Tusk Magyar
       wohl dabei helfen, an die noch [3][gesperrten EU-Mittel aus dem
       Corona-Wiederaufbaufonds] zu kommen.
       
       21 May 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gabriele Lesser
       
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