# taz.de -- Thüringer Neonazi-Versandhandel: Mein Kampf im Angebot
       
       > Ein Versandantiquariat in Eisenach verkauft NS-Literatur, angeblich zu
       > wissenschaftlichen Zwecken. Der Inhaber: ein szenebekannter Neonazi.
       
 (IMG) Bild: Die Exemplare, die der Neonazi vertreibt, sollen der „Aufklärung“ dienen
       
       „Mein Kampf im Original kaufen“, empfiehlt eine automatisierte
       Google-Werbung. Und das ausgerechnet über einem Interview auf der Webseite
       der Zeitung ND zur verblassenden Erinnerung an den Holocaust. Die Anzeige
       ist offensichtlich von KI erstellt worden, mit unleserlicher Schrift und
       nicht erkennbaren Personen versehen. Und sie verweist auf die Website
       „Militaria Bücher“ mit Sitz im thüringischen Eisenach – hinter der ein
       szenebekannter militanter Neonazi steckt.
       
       „Militaria“ sind historische Sammlergegenstände und Artefakte, wie der Name
       suggeriert, eigentlich aus dem militärischen Bereich. Im weiteren Sinne
       können auch zeitgenössische Druckerzeugnisse wie die angebotene
       Propagandaschrift „Mein Kampf“ von Adolf Hitler dazuzählen.
       
       Um die begehrten Sammlerstücke rankt sich eine ganze [1][Szene], die wohl
       weniger aus historischem Interesse, sondern aus ideologischer Überzeugung
       NS-Relikte sammeln dürfte – das zeigt eine taz-Recherche.
       
       Und die eingangs erwähnte Google-Werbung war keine Ausnahme: Es gibt von
       Militaria Bücher zahlreiche ähnliche Anzeigen, die laut Googles „Ad
       Transparency Center“, die für Transparenz sorgen soll, jeweils bis zu
       500.000 -mal über die Suchmaschine und die dazugehörige Videoplattform
       Youtube ausgespielt wurden.
       
       ## NS-Literatur bis an die Haustür
       
       Im Mittelpunkt der beworbenen Verkaufsseite Militaria Bücher steht
       Literatur aus den Jahren 1900 bis 1945, insbesondere aus dem Umfeld der
       Nationalsozialisten. Der Verkäufer hat sich nach eigenen Angaben auf
       seltene Ausgaben von „Mein Kampf“ spezialisiert, darunter die zu Zeiten des
       NS-Regimes erschienene „Volksausgabe“ und „Hochzeitsausgabe“. Die Website
       betont wiederholt, die angebotenen Bücher dienten lediglich dem
       historischen Interesse und der Dokumentation.
       
       [2][Der Handel mit Militaria] ist grundsätzlich erlaubt, kann bei
       Verwendung von NS-Symbolik jedoch strafbar sein. Der bloße Besitz, Kauf und
       Verkauf von Originalausgaben oder kommentierten Editionen von „Mein Kampf“
       etwa ist in Deutschland [3][nicht strafbar]. Im [4][Strafgesetzbuch] gibt
       es für Propagandamittel wie NS-Literatur eine Ausnahmevorschrift. Demnach
       sind sie ebenfalls nicht strafbar, wenn sie sozialadäquaten Zwecken dienen
       – zum Beispiel der Aufklärung, Wissenschaft oder Forschung.
       Verfassungswidrige Kennzeichen wie Hakenkreuze müssen Verkäufer*innen
       verdecken.
       
       Bei Interesse am Bücherkauf werden Kunden auf eine andere Website
       weitergeleitet, „Zeitgenoss“– ebenfalls in Eisenach angemeldet. Dort lassen
       sich neben verschiedenen Ausgaben von Hitlers ideologischem Vorwerk auch
       jede Menge andere rechtsextreme und nationalsozialistische Publikationen
       erwerben: Werke führender NS-Ideologen, offen antisemitische Schriften
       sowie historische Parteidokumente und SS-Unterlagen werden zu Preisen von
       bis zu über tausend Euro angeboten. Schriften wie „Die Verbrechernatur der
       Juden“, „Dienstaltersliste der Schutzstaffel der NSDAP – 1936“, oder „Der
       Untermensch – Unzensierte Variante“ lassen sich per Versand bis an die
       Haustür liefern.
       
       Die meisten Bücher auf Zeitgenoss sind an einzelnen Stellen überklebt, wie
       aus den Bildern ersichtlich wird. Vermutlich, um Hakenkreuze oder sonstige
       verfassungswidrige Symbole zu verstecken. Vereinzelt umfasst das Angebot
       auch kommunistische Literatur sowie Werke aus der Zeit des Kaiserreichs,
       des Ersten Weltkriegs und der Weimarer Republik.
       
       ## Lediglich ein Vorwand
       
       Auch Zeitgenoss betont, die Literatur diene ausschließlich dem „Zwecke der
       staatsbürgerlichen Aufklärung“. Dieselbe Formulierung ist in besagter
       Ausnahmevorschrift des Strafgesetzbuches zu finden. Weiter behauptet die
       Seite, einen Beitrag zur „Abwehr verfassungswidriger und
       verfassungsfeindlicher Bestrebungen, der wissenschaftlichen und
       kunsthistorischen Forschung und der Aufklärung und Berichterstattung über
       die Vorgänge des Zeitgeschehens“ zu leisten.
       
       Lotta Kampmann von der antifaschistischen Dokumentationsplattform Recherche
       Nord sieht darin lediglich einen Vorwand: „Neonazis stellen den Vertrieb
       nationalsozialistischer Literatur häufig als ‚Aufklärung‘ oder
       ‚Dokumentation‘ dar, um sich rechtlich abzusichern“, erklärt sie der taz.
       
       Ein Blick auf das Impressum sowie den Betreiber beider An- und
       Verkaufsplattformen lässt erhebliche Zweifel an den genannten Motiven
       aufkommen. Das Antiquariat, im Juli 2024 ins Handelsregister eingetragen,
       gibt als Standort eine berüchtigte Adresse in Eisenach an: die des „Flieder
       Volkshaus“, ein wichtiger Treffpunkt der gewaltbereiten Neonaziszene und
       die thüringische Landesgeschäftsstelle der rechtsextremen Partei Die
       Heimat, früher NPD.
       
       Als Betreiber ist Patrick Wieschke aufgeführt, ein jahrzehntelang aktiver
       Neonazi. [5][Wieschke] ist seit fast zwanzig Jahren bei Die Heimat aktiv
       und war eine Zeit lang Landesvorsitzender in Thüringen. Sein Name tauchte
       in einer geheimen Liste der Sicherheitsbehörden zum Umfeld der
       rechtsterroristischen Gruppe NSU auf, [6][wie die taz berichtete].
       
       Wieschke wurde nach damaligen Medienberichten 2002 wegen eines Anschlags zu
       zwei Jahren Freiheitsstrafe, 2016 wegen Volksverhetzung zu vier Monaten auf
       Bewährung verurteilt. Im April dieses Jahres verurteilte ihn das Thüringer
       Oberlandesgericht im Knockout-51-Verfahren zu einem Jahr und fünf Monaten
       auf Bewährung; dieses Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
       
       ## Waffenraum neben Versandhandel
       
       Die militante Kampfsportgruppe Knockout 51 soll sich im Flieder Volkshaus
       körperlich auf Angriffe gegen politische Gegner*innen vorbereitet haben.
       [7][Wieschke habe] laut Generalbundesanwaltschaft der Gruppe einen eigenen
       Waffenraum zur Verfügung gestellt und geplant, diese in Die Heimat
       einzugliedern. Und an derselben Adresse befindet sich auch Wieschkes
       Militaria-Versandhandel.
       
       Auf taz-Anfrage schreibt Wieschke, eine inhaltliche Identifikation mit den
       Positionen der Werke im Sortiment bestehe „ausdrücklich nicht“.
       Rückschlüsse auf seine persönliche politische Einstellung seien
       unzutreffend. Er biete „die gesamte Bandbreite zeitgeschichtlicher
       Literatur“ an, „einschließlich gegensätzlicher politischer und
       ideologischer Perspektiven“. Zu laufenden Verfahren äußere er sich nicht.
       Wieschke sagt, pauschale Darstellungen seiner Person oder seines Umfeldes
       seien „verkürzt“ und würden seiner „tatsächlichen Situation nicht gerecht“.
       
       Google war für eine Stellungnahme zu den geschalteten Werbeanzeigen nicht
       zu erreichen – bei dem Unternehmen ist Wieschke verifizierter
       Anzeigenkunde.
       
       Katharina König-Preuss, Thüringer Landtagsabgeordnete für die Linkspartei
       und langjährige Beobachterin der Neonaziszene, sieht in Wieschkes
       Versandhandel eine Gefahr: „Über das Antiquariat stellt Wieschke eine
       Versorgung für die neonazistische Szene mit NS-Devotionalien und
       ideologischer Unterfütterung sicher.“
       
       Anm. der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, dass Patrick
       Wieschke zurzeit Landesvorsitzender bei Die Heimat in Thüringen sei.
       Tatsächlich war das eine Zeit lang, ist es aber nicht mehr.
       
       27 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/militaria-rechtsextremismus-kriegsraeuber-grabstaetten-100.html
 (DIR) [2] https://www.it-recht-kanzlei.de/ns-zeit-muenzen-briefmarke-postmarke.html
 (DIR) [3] https://www.geschichtscheck.de/2016/11/23/ist-mein-kampf-in-deutschland-verboten/
 (DIR) [4] https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__86.html
 (DIR) [5] https://de.wikipedia.org/wiki/Patrick_Wieschke
 (DIR) [6] /Umfeld-des-Neonazitrios/!5082249
 (DIR) [7] https://www.generalbundesanwalt.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2023/Pressemitteilung-vom-14-12-2023.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Felix Michaelis
       
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