# taz.de -- Videospiele im Kino: Zusammen Kolonialismus aufarbeiten
> Ein Kino in Moabit bringt Videospiele auf die Leinwand. Dieses Mal ging
> es um das Spiel „Relooted“, bei dem afrikanische Raubkunst zurückgeholt
> wird.
(IMG) Bild: Alle Artefakte, die im Spiel vorkommen, gibt es wirklich
Die Kinoleinwand leuchtet auf und eine junge Frau namens Nomali sprintet
darüber. Als sie eines der alarmgesicherten Artefakte an sich nimmt,
beginnt ein Countdown. Nomali rennt, slided und springt durch einen
komplizierten Parkour. Als sie bei einem Hindernis abrutscht, stöhnt das
Publikum gestresst. Doch sie schafft es ganz knapp und rettet sich ins
Fluchtfahrzeug. Erleichterte Jubelrufe.
Ich bin im Filmrauschpalast, einem kleinen Kino in Moabit in Berlin. Seit
vier Jahren finden hier im Monatstakt „Gamerausch“- Veranstaltungen statt,
bei denen anstelle von Filmen Videospiele gezeigt werden, ein:e
Freiwillige:r sitzt am Controller. So ein emotionales Publikum wie hier
findet sich beim Filmeschauen selten. Das liegt daran, dass der Ausgang der
Szene ungewiss ist. Vielleicht vergleichbar mit einem Fußballspiel, wobei
Fußball bei mir emotional verhältnismäßig wenig auslöst.
Das Spiel des heutigen Abends, [1][„Relooted“ von dem südafrikanischen
Studio Nyamakop,] ist politisch brisant. „Looten“ heißt in der
Gamingsprache, etwas zu erbeutet, und es ist eigentlich positiv konnotiert.
Das ist in diesem Spiel anders. „Relooted“ spielt in einer Zukunft, in der
es nicht nur fliegende Autos gibt, sondern auch eine Vereinbarung zwischen
den politischen Großmächten, die regeln soll, dass alle [2][gestohlenen
afrikanischen Artefakte] an deren rechtmäßige Besitzer zurückgegeben
werden. Umgesetzt wird diese Vereinbarung aber nicht. Also schließt sich
Nomali mit anderen zusammen, um die einst „gelootete“ Raubkunst
eigenmächtig zurückzuholen. Alle Artefakte, die im Spiel vorkommen, gibt es
wirklich.
## Ich schäme mich für meine Vorfahren
An diesem Abend mit dabei ist der Bildungsaktivist und Afrofuturist David
Zabel. „Relooted“ schaffe es, ein Bild von Südafrika zu vermitteln, das
nicht stereotyp arme Menschen in Lehmhütten zeigt, sondern einen positiven
Zukunftsentwurf des Landes, sagt er. Afrofuturismus ist eine Ästhetik, die
die Realität für Menschen der afrikanischen Diaspora mit Science-Fiction
oder Fantasy verbindet. Aber nicht afrofuturistisch, sondern
afrikafuturistisch sei das Spiel, präzisiert [3][der Entwickler Ben Myers],
der zum Ende des Abends zugeschaltet wird. Der Unterschied ist, dass
Afrikafuturismus den afrikanischen Kontinent selbst, seine Kultur und
Geschichte in den Mittelpunkt stellt.
Als Zabel erklärt, dass wir im nächsten Kapitel einen Schädel zurückrauben,
der während der Kolonialzeit für rassistische Pseudoforschungszwecke
entführt wurde, wird mir ein bisschen schlecht. Ich bin wütend und schäme
mich für meine Vorfahren. Als ich in der Pause das Publikum mustere, lese
ich die meisten weiß. Gemeinsam sitzen wir hier und werden uns unserer
historischen Verantwortung bewusst oder bewusster.
Der Abend fühlt sich nach Solidarität an. Wir fiebern nicht nur gemeinsam
mit Nomalis Crew mit, sondern stehlen die Raubkunst gemeinsam. Wir sind
zusammen kriminell, um Gerechtigkeit wiederherzustellen.
20 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Alexandra Hilpert
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