# taz.de -- KI im Gaming: Eine Industrie streitet mit sich selbst
> Auch die Videospiel-Industrie setzt zunehmend auf die künstliche
> Intelligenz. Doch damit erzürnt sie ihre eigenen Spieler:innen.
(IMG) Bild: Über das Spiel „Clair Obscur: Expedition 33“ ist ein Streit um KI-generierte Anteile entbrannt
In kaum einer Branche wird nicht über das Pro und Contra, die Chancen,
Risiken und Nebenwirkungen von k[1][ünstlicher Intelligenz] gesprochen.
Während das KI-Wettrüsten eine zunehmend große Rolle in der Geopolitik
spielt, nutzen selbst kleinste Büros die Programme für ihre Arbeit. Und
auch wenn ihr Einsatz dort besonders kontrovers diskutiert wird: [2][Auch
in Branchen mit künstlerischen Ambitionen spielt KI zunehmend eine Rolle,
auch in der Gaming-Industrie].
Das Geschäft mit Videospielen ist zwar mit weitem Abstand zu Filmen, Serien
und Musik die erfolgreichste Unterhaltungsbranche, doch auch sie ist nicht
gefeit vor Krisen. Massenentlassungen, die Behinderung und Zerschlagung von
Gewerkschaften, [3][Sexismus am Arbeitsplatz], Spekulationsblasen und eine
zunehmend einheitlich werdende Menge an künstlerisch kaum unterscheidbaren
Produkten prägten die vergangenen Jahre. Nun kommt auch noch die generative
künstliche Intelligenz hinzu, gegen die Spieler:innen zwar protestieren,
die dafür aber von Unternehmen umso stärker frequentiert wird.
Ende 2025 sorgte die Aberkennung eines renommierten Spielpreises wegen des
Einsatzes von KI für Aufsehen. Die Indie Game Awards zeichnen jährlich die
besten kleinen Spiele aus, die fernab der etablierten Publisher und großen
Unternehmen erscheinen. Am 19. Dezember wurde zuerst das französische
Rollenspiel „Clair Obscur: Expedition 33“ als bestes Indie-Spiel 2025
ausgezeichnet, obwohl schon im Vorfeld diskutiert wurde, wie inwiefern man
es mit einem Budget von rund 10 Millionen US-Dollar überhaupt noch als
Indie-Titel bezeichnen kann.
## Preis aberkannt wegen KI
Und dann der Schock: Die Veranstaltung nahm den Preis zurück, da für das
Spiel in der Entwicklungsphase generative KI eingesetzt worden war. Das
Regelwerk der Veranstaltung besagte klar, dass Spiele mit jedwedem Einsatz
einer solchen KI nicht zugelassen sind. Dass die generierten Inhalte im
finalen Spiel allesamt entfernt wurden, machte dabei keinen Unterschied
mehr. Der Preis ging daraufhin an das emotionale Puzzlespiel „Blue Prince“.
Auf Social Media wird seitdem heiß diskutiert, ob die Aberkennung rechtens
und ethisch vertretbar ist. Während viele Spieler:innen sich verraten
fühlen und ein „echtes“ Produkt aus Menschenhand fordern, ist KI für andere
nur eines von vielen Werkzeugen, die bei der Entwicklung eines Spieles
helfen. Die Debatte um „Clair Obscur: Expedition 33“, das zuvor schon bei
dem Oscar-Äquivalent „The Game Awards“ alle wichtigen Preise gewann, ist
nur eine von vielen. Der beliebte Online-Shooter „ARC Raiders“ nutzt eine
Text-to-Speech-KI, durch die künstliche Stimmen auf Basis echter
Stimmaufnahmen generiert werden.
Die letzten beiden Teile der „Call of Duty“-Reihe strotzen nur so vor
generativen Bildern und teils sogar kostenpflichtigen Inhalten, darunter
auch ein sechsfingriger Zombie-Weihnachtsmann. Und auch die Larian Studios,
die 2023 das beliebte „[4][Baldur’s Gate 3]“ veröffentlichten, stehen in
der Kritik. In einem Interview mit Bloomberg Mitte Dezember sagte CEO Swen
Vincke noch, dass sie für ihr neues Spiel „Divinity: Original Sin 3“
natürlich „alles selbst schreiben“. Gleichzeitig gab er offen zu, dass
generative KI in großem Umfang für die Konzeptionierung und „Erkundung von
Ideen“ genutzt wird. Seitdem betreibt der CEO Schadensbegrenzung, ist der
Backlash gegen ihn doch riesig. Seine Rechtfertigung auf X beginnt mit
„Heilige Scheiße, wir ‚drängen‘ nicht darauf, Konzeptkünstler durch KI zu
ersetzen“.
Nicht erst seit diesem Jahr greifen Videospiele in unterschiedlichen Phasen
ihrer Entwicklung auf KI-Tools zurück. Spätestens seit Ende der 2010er
Jahre setzt die Industrie verstärkt auf Deep-Learning-Tools, also
eigenständig lernende Programme, deren Ergebnisse in die Spieleentwicklung
einfließen. Die generative KI, die ohne jegliche Gegenleistung mit Bildern,
Musikstücken und Texten unzähliger Künstler:innen trainiert wurde, wird
seit 2023 vermehrt eingesetzt.
## Sorge vor generischen Bildern und Videos
Seitdem wird auch die Kritik an der generativen KI in der Branche lauter.
Zum einen fordern betroffene Künstler:innen eine Entschädigung dafür,
dass ihre Werke zweckentfremdet werden. Dazu gibt es immer mehr
Befürchtungen rund um den „KI-Slop“, also massenhaft generische Bilder oder
Videos, die ganz offensichtlich ohne jeden künstlerischen Anspruch von
einer KI erstellt wurden. Man findet sie inzwischen in jedem zweiten
Facebook-Post oder aber dem Instagram-Auftritt des Weißen Hauses. Die Folge
des plumpen „Slops“ im Kreativen: eine Entfremdung und Entwertung der
eigentlichen Kunst.
Noch ist die Gaming-Branche allerdings lange nicht an einem Punkt, an dem
generische Inhalte die Industrie dominieren. „Ich sehe es so, dass die
große KI-Welle im Gaming erst noch kommt. Es ist sozusagen ein ‚Waiting for
Impact‘. Alle wissen, dass der Asteroid kommt, nur nicht, wann er
einschlägt“, meint der Spieleentwickler Julian Viezens. Er ist Teil des
Berliner Indie-Studios Blue Backpack Games und verfolgt den Einsatz der KI
in seiner Branche.
Er selbst sagt, dass er noch auf der „Zero-KI-Schiene“ sei, „außer bei der
Google-Suche, da kannst du es nicht mehr verhindern“. In seinem Alltag als
Entwickler würden die Nachteile überwiegen. Und: „Viele nutzen die Technik
wegen des Produktivitätsaspektes, aber mir geht es nicht darum, möglichst
schnell meine Aufgaben durchzuballern. Der negative Einfluss der KI auf die
Umwelt ist da für mich deutlich schwerwiegender. Man muss sich ja nur mal
ansehen, wie hoch der Wasserverbrauch der Datencenter ist, um ihre
Grafikkarten zu kühlen.“
Aktuell können gängigen KI-Modelle wie Gemini, Claude und ChatGPT erst
2D-Spiele im Stil eines alten „Super Mario“ mit simplen Eingaben
generieren. Der obligatorische Schritt zum Dreidimensionalen ist möglich,
aber noch sehr fehleranfällig. Dass die Branche sich aber von der Technik
distanziert, scheint angesichts der rasanten Entwicklung unwahrscheinlich,
ganz gleich, wie negativ die Auswirkungen für die Umwelt und mögliche
Arbeitsplätze sind. Der Streit zwischen Unternehmen und Spielenden, den
Studios und Käufer:innen, wird dadurch nur umso größer werden. Entwickler
Julian Viezens resümiert: „Jedes Studio muss sich am Ende selber überlegen,
ob es eine KI einsetzt und in welchem Ausmaß. Ich finde aber, dass man sie
für die Entscheidung nicht verteufeln kann.“
19 Jan 2026
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