# taz.de -- Hochhausboom in Berlin: Linke und Grüne wollen am Boden bleiben
       
       > 95 neue Hochhäuser sind derzeit in Berlin in Planung. Der Senat hatte
       > zuletzt die Regeln für den Bau erleichtert. Linke und Grüne halten nun
       > dagegen.
       
 (IMG) Bild: Wohnen im Hochhaus, wie hier in Lichtenberg: Das findet auch die Linke gut
       
       Von einem „vulgär hohen Turm“ sprach ein Anwohner auf einer [1][Versammlung
       im Rudolfkiez]. Einen Wolkenkratzer hinter dem S-Bahnhof Warschauer Straße
       würde der Kiez nicht vertragen. Eine Frau meinte: „Wir sind dagegen, dass
       hier ein Investor mit Wohnraum Profite macht und von der Politik
       unterstützt wird.“
       
       Der Beifall war den AnwohnerInnen sicher, als Berlins Bausenator Christian
       Gaebler (SPD) Ende April bei einer Kiezversammlung die Pläne für einen 167
       Meter hohen Wohnturm verteidigte. 1.000 Wohnungen sollen in dem
       Wolkenkratzer entstehen, der den benachbarten Amazon-Tower noch einmal in
       den Schatten stellen würde. Weil der Bezirk das Hochhaus abgelehnt hatte,
       hatte der Senat das Verfahren an sich gezogen.
       
       Hochhäuser sind – vor allem im weitgehend flach bebauten Berlin – zum
       Reizthema geworden. Erst recht, als im Februar bekannt geworden war, dass
       Berlin ein wahrer Hochhausboom bevorsteht. Auf eine Anfrage der Grünen
       hatte der Senat mitgeteilt, dass [2][derzeit 95 Hochhäuser in Planung]
       seien. 35 von ihnen sollen höher als 60 Meter werden, die meisten von ihnen
       sind als Bürotürme geplant.
       
       „Hier entstehen mehr als doppelt so viele Büro- wie Wohnhochhäuser“, hatte
       der Grüne Stadtentwicklungsexperte Julian Schwarze daraufhin kritisiert und
       auf den hohen Büroflächenleerstand hingewiesen. Seinen Angaben zufolge
       stehen in Berlin rund 1,7 Millionen Quadratmeter Bürofläche leer. Bis Ende
       2026 sollen noch einmal 840.000 Quadratmeter Bürofläche hinzukommen.
       „Angesichts des enormen Leerstands darf es kein neues Baurecht mehr für
       Bürokomplexe geben“, verlangte Schwarze.
       
       ## Linke will Mehrwert für den Kiez
       
       Auch die Linke macht inzwischen mobil gegen den Wunsch vieler Investoren,
       hoch hinaus zu wollen. „Reine Luxustürme und Bürohochhäuser lehnen wir ab“,
       sagt der wohnungspolitische Sprecher der Linksfraktion, Niklas Schenker,
       der taz. Sollte die Linke bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus im September in
       Regierungsverantwortung kommen, sagt Schenker, müsse auch das
       Hochhausleitbild des Senats überarbeitet werden. „Wir sind nicht gegen
       Hochhäuser“, betont Schenker, „aber sie müssen einen Mehrwert für den Kiez
       haben und auch eine Nutzungsmischung mit gemeinwohlorientierten Flächen.“
       
       Um ihre Position zu diskutieren hatte die Linksfraktion Ende April zu einem
       [3][Fachgespräch „Hochhäuser aus linker Perspektive“] eingeladen. Dort
       beklagten auch Architektinnen wie Theresa Keilhacker vom Klimaschutzrat
       oder Carsten Joost von Architects for Future den „Trend zu monofunktionalen
       Nutzungen“ bei Hochhäusern. Darüber hinaus habe der Bau-Turbo auf
       Bundesebene die Genehmigung von Hochhäusern einfacher gemacht. Steht in
       einem Quartier bereits ein Turm, muss für einen weiteren nicht unbedingt
       ein – langwieriger – Bebauungsplan aufgestellt werden.
       
       Auch baupolitisch dürfte die Wahl am 20. September also eine Richtungswahl
       werden. Anders als Grüne und Linke hat sich die CDU nicht nur als
       Autopartei in Stellung gebracht, sondern auch als Hochhauspartei. Nach der
       Rückkehr von einer Dienstreise in New York hatte Berlins Regierender
       Bürgermeister Kai Wegner auch für Berlin eine „markante Skyline“ gefordert.
       Zuvor schon hatte die CDU-Fraktion auf ihrer Klausur im November 2023 ein
       Papier verabschiedet, das die Überschrift [4][„Radikal vertikal“] trägt.
       Auch hier stand eine Hochhausstadt Patin: Die CDU hatte ihre
       Fraktionsklausur in Warschau abgehalten.
       
       Möglichen Investoren ist aber auch die SPD-geführte
       Stadtentwicklungsverwaltung bereits entgegengekommen. Denn das 2020
       erstmals von der damaligen Bausenatorin der Linken, Katrin Lompscher, und
       ihrer Senatsbaudirektorin Regula Lüscher erarbeitete Hochhausleitbild hat
       der Senat entschärft.
       
       Lompscher und Lüscher hatten zum Beispiel öffentliche zugängliche Flächen
       im Dachgeschoss oder im Sockelbereich von Hochhäusern verpflichtend
       gemacht. Auch sollten die Nutzungen gemischt sein, wobei der Wohnanteil
       mindestens 30 Prozent der Fläche betragen sollte.
       
       ## Schwarz-Rot hat Bau von Hochhäusern einfacher gemacht
       
       All das hatte der schwarz-rote Senat im Dezember vergangenen Jahres
       kassiert. Keine Nutzungsmischung, keine öffentlich zugänglichen Flächen:
       Die Rückabwicklung des Hochhausleitbilds von Lompscher und Lüscher war der
       Opener für „vulgäre“ Luxustürme wie im Friedrichshainer Rudolfkiez.
       
       Auch Katrin Lompscher, die damalige Bausenatorin, hat beim Fachgespräch der
       Linkspartei zur Hochhausfrage teilgenommen. Vor dem Hintergrund der
       jüngsten Erfahrungen plädierte sie dafür, vorhabenbezogene Bebauungspläne
       aufzustellen. Diese hätten gegenüber einer Angebotsplanung für jeden
       beliebigen Investor den Vorteil, dass ein Baurecht an nur einen
       Vorhabenträger vergeben und dabei zeitlich begrenzt werden kann. Dieser
       Investor müsse dann auch die Kosten des Plans tragen.
       
       Auch sollte bei einer erneuten Überarbeitung des Hochhausleitbildes die
       Möglichkeit geschaffen werden, eine Pufferzone auszuweisen, damit nicht für
       den Fall, dass eines oder mehrere Hochhäuser bereits existieren, für
       weitere Hochhäuser automatisch Baurecht entsteht. Denn ohne Bebauungsplan
       greift der Paragraph 34 des Baugesetzbuches, der es Investoren erlaubt,
       Gebäude zu bauen, die sich in die nähere Umgebung einpassen. Darüber hinaus
       fordert die Linkspartei, Investorengewinne abzuschöpfen und generell ein
       Baurecht für neue Bürohochhäuser zu versagen.
       
       Werden da womöglich dicke Bretter zu bohren sein, wenn die SPD mit Grünen
       und Linken nach den Wahlen über eine neue Koalition und auch ein neues
       Hochhausleitbild verhandeln? Sind da ähnliche Differenzen zu erwarten wie
       beim Thema Vergesellschaftung?
       
       „Die schwarz-rote Koalition hat keinen Plan für die Stadt und das Bauen“,
       sagt Linken-Politiker Niklas Schenker. Schenker will die Hochhausfrage
       deshalb mit einem Vorhaben verknüpfen, das der Senat vor kurzem auf den Weg
       gebracht hat – die Internationale Bauausstellung 2034 bis 2037.
       
       „Das Thema der IBA muss auch lauten: Wie schaffen wir den Umbau von Büro-
       in Wohnraum und wie schaffen wir bezahlbare Wohnungen“, sagt Schenker der
       taz.
       
       Dass es auch bei der Linken durchaus Luft nach oben gibt, zeigt die
       „Liese“. Das 22 Stockwerk hohe Wohnhaus der Howoge in Lichtenberg hat 400
       Wohnungen, die Hälfte davon sind gefördert. „Das ist ein gutes Beispiel
       dafür, wie man in die Höhe bauen kann und trotzdem einen Mehrwert für den
       Kiez schafft“, erklärt Schenker.
       
       26 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Erstes-Wohnhochhaus-in-Berlin/!6172918
 (DIR) [2] https://www.nd-aktuell.de/artikel/1198739.stadtentwicklung-tuerme-fuer-investoren-berlins-hochhaus-boom.html
 (DIR) [3] https://www.linksfraktion.berlin/themen/th/stadtentwicklung/fachgespraech-hochhaeuser-aus-linker-perspektive/
 (DIR) [4] https://www.cdu-fraktion.berlin.de/presse/lokal/2875/Radikal-vertikal-Berlin-baut-hoeher.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uwe Rada
       
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