# taz.de -- Vorwürfe gegen CSU-Politikerin: EU-Parlament stoppt Ermittlungen
       
       > Gegen Angelika Niebler wird nicht ermittelt. Das EU-Parlament stimmte am
       > Dienstag gegen die Aufhebung der Immunität der CSU-Vizevorsitzenden.
       
 (IMG) Bild: Niebler ist im Parlament auch deswegen umstritten, weil sie zu den Abgeordneten mit den höchsten Nebenverdiensten zählt
       
       dpa/afp | Das Europäische Parlament blockiert bis auf Weiteres
       Betrugsermittlungen gegen die CSU-Vizevorsitzende und Europaabgeordnete
       Angelika Niebler. In einer geheimen Abstimmung votierte in Straßburg eine
       knappe Mehrheit der Abgeordneten dafür, einen Antrag der Europäischen
       Staatsanwaltschaft auf Aufhebung der Immunität Nieblers abzulehnen. 309
       Abgeordnete sprachen sich für die Ablehnung des Antrags aus, 283 dagegen,
       53 enthielten sich.
       
       Niebler wird vorgeworfen, zwischen 2017 und 2025 vom EU-Parlament bezahlte
       Mitarbeiter für Aufgaben eingesetzt zu haben, die nichts mit ihrer
       Tätigkeit als Parlamentarierin zu tun hatten. Zudem soll ein Mitarbeiter
       Nieblers ausschließlich für einen ehemaligen CSU-Europaabgeordneten
       gearbeitet haben. Die Politikerin wies die Vorwürfe als unzutreffend
       zurück. Erhoben wurden sie von einer ehemaligen Mitarbeiterin Nieblers, die
       von 2021 bis 2023 für sie gearbeitet hatte.
       
       ## Justizausschuss sieht „politisches Motiv“
       
       Die europäische Staatsanwaltschaft hatte [1][im vergangenen Herbst] um die
       Aufhebung der Immunität von Niebler gebeten. Neben dem Einsatz der
       Mitarbeiter:innen sollte untersucht werden, ob die 63-Jährige
       vorschriftswidrig die Erstattung von Reisekosten für Reisen nach Straßburg
       und Brüssel beantragte.
       
       Der Rechtsausschuss des Parlaments, in dem Niebler selbst Mitglied ist,
       sprach sich Anfang Mai gegen diesen Schritt aus. Die Beschwerden seien mit
       einem „direkten politischen Motiv eingereicht“ worden, hieß es unter
       anderem zur Begründung. Zudem gebe es einen „Mangel an Genauigkeit in Bezug
       auf die genauen in Rede stehenden finanziellen Beträge“. Die Absicht könnte
       darin bestanden haben, „den Ruf von Angelika Niebler zu schädigen“.
       
       Die Parlamentarier folgten am Dienstag nun der Empfehlung des
       Rechtsausschusses des Parlaments. [2][Brisant ist der Fall], da für die
       Einleitung eines Ermittlungsverfahrens eigentlich nicht der allgemeine
       Leumund eines Zeugen maßgeblich ist, sondern ob hinreichende tatsächliche
       Anhaltspunkte für einen Anfangsverdacht vorliegen. Dies ist [3][nach
       Auffassung der Staatsanwaltschaft gegeben] - unter anderem, weil die
       Belastungszeugin zahlreiche Dokumente ausgehändigt hat. Das Vorgehen des
       Rechtsausschusses ist umstritten, weil die Mitglieder nicht die
       Möglichkeiten nutzten, bei der Staatsanwaltschaft zusätzliche Informationen
       einzuholen. Stattdessen hörten sie lediglich Niebler zu dem Fall an.
       
       Selbst bezeichnet Niebler die Vorwürfe als unzutreffend. Zu konkreten
       Fragen wollte sie sich bis zuletzt aber nicht öffentlich äußern. Sie
       kündigte über eine Kanzlei an, sich rechtliche Schritte gegen
       Medienberichterstattung vorzubehalten. Grundsätzlich gilt die
       Unschuldsvermutung. Die Politikerin aus München ist seit 1999 Mitglied des
       Europäischen Parlaments und [4][Co-Vorsitzende der CDU/CSU-Gruppe dort].
       
       ## Frühere Mitarbeiterin gab Hinweise
       
       Bei der Zeugin handelt es sich nach Informationen der dpa um eine frühere
       Mitarbeiterin, die 2024 bei der Europawahl angetreten war, aber wegen ihres
       Landeslistenplatzes nicht ins Parlament kam. Von Unterstützern Nieblers
       wurde vor diesem Hintergrund kolportiert, dass sich die frühere
       Mitarbeiterin vermutlich nur deswegen bei der Staatsanwaltschaft gemeldet
       habe, weil sie darauf hoffte, dass Niebler unter öffentlichem Druck durch
       ein Ermittlungsverfahren ihr Mandat aufgeben könnte. In diesem Fall würde
       sie möglicherweise die Chance bekommen, als Nachrückerin ins Parlament zu
       kommen.
       
       Gleichzeitig gilt allerdings, dass selbst eine Verurteilung Nieblers wegen
       Betrugs nicht automatisch zum Verlust des Mandats führen würde. Sollte sie
       aus der CSU ausgeschlossen werden, könnte sie etwa als parteilose
       Abgeordnete weitermachen.
       
       ## Grüne: Vertrauen in Rechtsstaatlichkeit in Gefahr
       
       Der Grünen-Abgeordnete Daniel Freund bezeichnete das Abstimmungsergebnis
       als schlecht für die [5][Glaubwürdigkeit des Parlaments]. „Statt
       Verantwortung zu übernehmen, hat sich eine Mehrzahl der Abgeordneten
       schützend vor die CSU-Abgeordnete Niebler gestellt, um Ermittlungen der
       Staatsanwaltschaft zu verhindern“, kommentierte er. „Das ist ein fatales
       Signal. Europas Bürgerinnen und Bürger müssen sich an Recht und Gesetz
       halten, während Politiker möglicherweise jahrelang die Regeln brechen und
       ungeschoren davonkommen? Das kann man da draußen niemandem mehr erklären.“
       
       Zudem wies er auf die Bedeutung von Whistleblowern für das Aufdecken von
       Skandalen hin. „Es kann nicht das Ziel sein, solche Menschen abzuschrecken
       und es ihnen so schwer wie möglich zu machen“, sagte er mit Blick auf das
       Abstimmungsergebnis. Whistleblower setzten häufig ihre berufliche Zukunft
       und finanzielle Sicherheit aufs Spiel, wenn sie Informationen
       veröffentlichten. „Wir sollten sie schützen und feiern, statt sie zu
       diskreditieren und zu verschrecken“, sagte der deutsche Politiker.
       
       Für Kritik vor allem aus dem linken Lager des Parlaments sorgt auch die
       Tatsache, dass der Bericht des Rechtsausschusses zum Fall Niebler von dem
       polnischen Abgeordneten Marcin Sypniewski erarbeitet wurde, der Mitglied
       der rechten ESN-Fraktion ist. Dieser Fraktion gehören auch die
       Europaabgeordneten der deutschen AfD an, die teilweise selbst mit dem
       Vorwurf des möglichen Missbrauchs von EU-Geldern konfrontiert ist.
       
       ## Niebler hat hohe Nebeneinkünfte
       
       Nach Informationen der dpa hatten in den vergangenen Tagen selbst mehrere
       Fraktionskollegen Nieblers Unverständnis für das Vorgehen des Ausschusses
       und die bisherige Verteidigungsstrategie der CSU-Vize gezeigt – vor allem,
       weil sie im November zunächst öffentlich zugesichert hatte, an einer
       umfassenden Aufklärung interessiert zu sein.
       
       Niebler ist im Parlament auch deswegen umstritten, weil sie zu den
       Abgeordneten [6][mit den höchsten Nebenverdiensten] zählt. So bekam sie
       laut Selbstauskunft zuletzt für eine freiberufliche Tätigkeit für die
       Anwaltskanzlei Gibson, Dunn & Crutcher LLP 5.250 Euro im Monat. Hinzu kamen
       dann noch unter anderem 4.583 Euro monatlich als Mitglied des Kuratoriums
       der TÜV SÜD Stiftung, 2.834 Euro monatlich als stellvertretende Vorsitzende
       des Aufsichtsrates des LVM a. G. und 1.500 Euro monatlich als Mitglied des
       Aufsichtsrates der LVM Krankenversicherungs-AG.
       
       Die EUStA könnte den Fall nun vor den Europäischen Gerichtshof bringen. Für
       die Behörde geht es auch um ihre Glaubwürdigkeit, da es ihr Auftrag ist,
       alle Hinweise auf mögliche Straftaten zum Nachteil der finanziellen
       Interessen der EU umfassend und gründlich zu prüfen
       
       19 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.spiegel.de/politik/deutschland/angelika-niebler-europaeische-staatsanwaltschaft-ermittelt-gegen-csu-vize-a-2ccabb60-082c-4a05-bac8-fbbd333e7dee
 (DIR) [2] /EU-Korruptionsskandal/!5900314
 (DIR) [3] /EU-Staatsanwaltschaft-ermittelt-Rechtsaussen-Parteien-sollen-Millionen-veruntreut-haben/!6100067
 (DIR) [4] /Interne-Chats-belegen-Kooperation-von-EVP-mit-Rechten/!6162482
 (DIR) [5] /Nach-Katar--und-Marokkogate/!5905217
 (DIR) [6] /Nebeneinkuenfte-der-Abgeordneten/!5936478
       
       ## TAGS
       
 (DIR) EU-Parlament
 (DIR) EVP
 (DIR) Immunität
 (DIR) Staatsanwalt
 (DIR) CDU/CSU
 (DIR) Europaparlament
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Schwerpunkt Korruption
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) EU-Haushalt: Europaparlament stellt sich gegen Merz
       
       Der Bundeskanzler würde gerne viel Geld für Verteidigung ausgeben, in
       anderen Bereichen soll die EU sparen. Die Parlamentarier sehen das anders.
       
 (DIR) Zusammenarbeit von Union und AfD: Im Notfall mit der AfD
       
       Radikal Rechte mit Mehrheiten mit radikal Rechten bekämpfen zu wollen, ist
       verrückt. Und trotzdem hat die EVP-Fraktion es erneut versucht.
       
 (DIR) EU-Korruptionsskandal: Den eigenen Saustall ausmisten
       
       Der Skandal um Ex-Parlamentsvizepräsidentin Kaili ist Wasser auf den Mühlen
       Putins. In Ländern, die auf einen Beitritt hoffen, wirkt er
       demoralisierend.