# taz.de -- Staat, Klette und die Klimabewegung: Kartoffelbrei und Terrorismus
> Diese Woche fiel ein Urteil gegen das mutmaßliche RAF-Mitglied Daniela
> Klette. Politik und Justiz scheinen durchaus etwas dazugelernt zu haben –
> nur leider das Falsche.
(IMG) Bild: Schwer bewachter Gerichtssaal in Verden, in dem gegen Daniela Klette verhandelt wird
Die Bilder scheinen aus einer Zeitreise in die 70er Jahre zu stammen.
Jubelnde Sympathisanten lassen die RAF-Genossin hochleben und rufen
„Freiheit für Daniela“. Das Gericht tagte in einem für Millionen
aufgerüsteten Hochsicherheitsbau. Der Richter beteuert, dies sei kein
politischer Prozess. Aber wann gibt es in Verfahren wegen Überfällen auf
Supermärkte und Geldtransporter schusssichere Scheiben?
[1][Der Prozess gegen Daniela Klette] ist so gelaufen, wie es zu befürchten
war. Der Staat demonstriert Stärke, die Angeklagte kündigt an, dass man von
ihr nichts Konkretes über die Dritte Generation der RAF erfahren wird. Hier
die grimmige Justiz mit einem harten Urteil, dort die [2][RAF-Omertá].
Keine Bewegung. Alles wie immer.
Dabei gab es in der einstündigen Erklärung von Klette neben
Selbstgerechtigkeit ein paar Zwischentöne. Die Auflösung der RAF 1998
[3][sei „völlig richtig“ gewesen, die militante Linke habe „sicher auch
viele Fehler gemacht“.] Man hätte gern erfahren, welche sie meint.
Viele RAF-Taten sind noch ungeklärt. Das wird so bleiben, weil die
Ex-RAFler sich an ihr Schweigegelübde klammern. Das ist offenbar nötig, um
angesichts ihres katastrophal gescheiterten Gewaltidealismus ein
erträgliches Selbstbild zu retten. Ein kluger Weg wäre eine
Wahrheitskommission gewesen – Aussage gegen Straffreiheit.
Die gibt es nicht, auch weil der Staat Jahrzehnte nach der Selbstauflösung
der RAF nicht aufhören kann, immer weiter zu siegen, wie Antje Vollmer mal
anmerkte. Der Generalbundesanwalt will noch einen Klette-Prozess, obwohl
die Begründung windig klingt, die Taten mehr als 30 Jahre zurückliegen und
es nicht um Morde geht. Auch hier: Alles wie immer.
## Ohne Weitblick
Ist das nur abgelagerte Geschichte und ohne Echoräume im Heute? Wenn man
sich die Praxis der Justiz in der Bundesrepublik anschaut, dann scheinen
Politik und Rechtswesen aus der RAF durchaus etwas gelernt zu haben – und
zwar das Falsche. Politische Prozesse werden nicht mit Weitblick geführt,
sondern mit unversöhnlicher Entschlossenheit und bis an die Grenze des
rechtlich Erlaubten.
[4][In Potsdam wird Ende des Jahres AktivistInnen der
Klimakleber-Organisation Letzte Generation der Prozess gemacht] – wegen
Bildung einer kriminellen Vereinigung. Man kann die Aktionen der Gruppe –
Kartoffelbrei auf ein Monet-Gemälde zu werfen oder die Startbahn des
Berliner Flughafens zu blockieren – für dumm und schädlich halten. Aber
Bildung einer kriminellen Vereinigung, bestraft mit bis zu fünf Jahren
Haft?
Die politische Stimmung für diese aberwitzig wirkende Konstruktion schuf
unter anderem CSU-Mann Alexander Dobrindt mit dem Gerede von einer
„Klima-RAF“. Das hat offenbar in den Köpfen mancher JuristInnen wirksam das
Bewusstsein für den fundamentalen Unterschied zwischen politischer
Kriminalität und robustem zivilem Ungehorsam verwischt. Kann es sein, dass
der Staat mit dieser Methode jene Feinde mit erschafft, die er später
verurteilen wird?
29 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Urteil-gegen-mutmassliche-RAF-Terroristin/!6182256
(DIR) [2] /Urteil-gegen-Daniela-Klette/!6182210
(DIR) [3] https://freiheit-fuer-daniela.de/plaedoyer-von-daniela-klette/
(DIR) [4] https://www.tagesspiegel.de/potsdam/landeshauptstadt/auch-das-landgericht-potsdam-soll-entscheiden-ist-die-letzte-generation-eine-kriminelle-vereinigung-15445288.html
## AUTOREN
(DIR) Stefan Reinecke
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