# taz.de -- Urteil gegen mutmaßliche RAF-Terroristin: 13 Jahre Haft für Daniela Klette
       
       > Das Gericht in Verden lastet der 67-Jährigen acht Raubüberfälle an. Einen
       > Mordvorwurf verwarf das Gericht. Die Verteidigung kündigte Revision an.
       
 (IMG) Bild: Daniela Klette und Anwalt vor der Urteilsverkündung
       
       Als der Vorsitzende Richter Lars Engelke am Mittwochvormittag das Urteil
       verkündet – 13 Jahre Haft für acht Raubüberfälle mit mehr als zwei
       Millionen Euro Beute – beginnen die angereisten Unterstützer auf den
       Publikumsplätzen zu buhen und „Freiheit für alle, Freiheit für Daniela“ zu
       skandieren. Daniela Klette lächelt kurz, verzieht aber sonst kaum eine
       Miene. Sie hat, so wirkt es, wohl damit gerechnet, dass die Strafe nicht
       weit unter der Forderung der Staatsanwaltschaft von 15 Jahren liegt.
       
       Vom Tisch ist [1][der Vorwurf des versuchten Mordes], an dem die
       Staatsanwaltschaft bis zuletzt festgehalten hatte. Die 1. Große Strafkammer
       des Landgerichts Verden hatte schon vor Monaten erklärt, dass sie da nicht
       mitgehen wolle – zur Enttäuschung des betroffenen Nebenklägers. Der Mann
       hatte in Stuhr in einem Geldtransporter gesessen, als dieser beschossen
       wurde. Teile des Projektils verfehlten ihn nur knapp. Doch da der Täter
       nicht erneut geschossen hatte, sei das Ganze als Rücktritt von der Tat zu
       werten, befand das Gericht.
       
       Das Gericht sah es dagegen als erwiesen an, dass Daniela Klette zusammen
       mit Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub akribisch geplante Raubüberfälle
       auf Geldtransporter und Kassenbüros in den Jahren zwischen 1999 und 2016
       verübt hatte, um ihr Leben im Untergrund zu finanzieren. Das Gericht stützt
       sich dabei im Wesentlichen auf Indizienbeweise, für die Klette zum Teil
       selbst gesorgt hat: auf die Verkleidungen und Masken, Waffen, Karten,
       Zeitungsausschnitte, Geld, verräterische E-Mails und handschriftlichen
       Abrechnungen, die bei ihrer Verhaftung in ihrer Wohnung in der
       Sebastianstraße in Berlin-Kreuzberg gefunden wurden.
       
       ## Klette soll das Fluchtfahrzeug gefahren haben
       
       Dazu kam der Modus Operandi, den das Gericht für jede einzelne der Taten
       immer wieder nachgezeichnet hat. Das immer ähnliche, arbeitsteilige
       Vorgehen, bei dem Klette entweder die Fahrer der Geldtransporter bedroht
       oder das Fluchtfahrzeug gefahren haben soll – auch wenn sie in manchen
       Fällen von den Zeugen nicht hundertprozentig identifiziert werden konnte.
       
       Auf die Zeugenaussagen und die DNA-Spuren in den zurückgelassenen
       Fahrzeugen – die von der Verteidigung in Zweifel gezogen wurden – sei es
       dabei gar nicht so sehr angekommen wie auf die Gesamtschau, sagt Richter
       Engelke am Mittwoch in Verden. Worauf es für ihn ebenfalls nicht ankam –
       jedenfalls nicht bei der Strafzumessung und der Aufklärung der
       Raubüberfälle –, das betont er immer wieder: darauf, dass Klette, Garweg
       und Staub sich aus der 1998 aufgelösten RAF gekannt haben sollen. „Dies ist
       kein politischer Prozess, kein Staatsschutzverfahren“, sagte er.
       
       Aber natürlich sah das in der öffentlichen Wahrnehmung etwas anders aus.
       Das lag nicht bloß an den scharfen Sicherheitsvorkehrungen, die von der
       Verteidigung immer wieder als Vorverurteilung und Stammheim-Reinszenierung
       in der niedersächsischen Provinz kritisiert wurden. Nicht an der [2][für
       sehr viel Steuergeld, 3,6 Millionen, umgebauten Reithalle,] in der er
       stattfand.
       
       Das lag auch daran, dass sich weder Staatsanwaltschaft noch Verteidigung
       den Rückbezug auf Klettes RAF-Mitgliedschaft verkneifen mochten. Die
       Staatsanwältin nicht, weil der Mythos RAF ihr dazu diente, die besondere
       Skrupellosigkeit herauszustreichen. In ihrem Schlussplädoyer verwies sie
       auch noch auf den offensichtlichen Widerspruch zwischen den hehren linken
       Idealen und den traumatisierten Opfern, den Fahrern und Kassiererinnen, die
       ganz gewiss nicht der herrschenden Klasse angehören.
       
       ## Verteidigung: faires Verfahren nicht möglich
       
       Die Verteidigung argumentierte, dass ein faires, ausgewogenes Verfahren
       hier gar nicht möglich sei – die Vorverurteilungen in der Presse, der
       enorme Fahndungs- und Ermittlungsdruck, das Ausschöpfen aller technischen
       Möglichkeiten, inklusive KI-gestützter Asservatenauswertung, machten
       offensichtlich, dass es hier eben nicht um ein ganz normales Strafverfahren
       gehe. Die Verteidiger legten auch noch im Gerichtssaal Revision gegen das
       Urteil ein, weil sie glaubten, ihre Beweisanträge auf zusätzliche
       Sachverständigengutachten seien zu Unrecht abgelehnt worden. „Das Gericht
       ist seiner Aufgabe nicht gerecht geworden“, sagte Strafverteidiger Lukas
       Theune.
       
       Aber auch Daniela Klette hatte ihre Einlassungen und ihr langes Schlusswort
       für politische Vorträge genutzt. Und wies darauf hin, dass alle anderen ja
       schlimmer seien: die Staatsgewalt, der Kapitalismus, der Imperialismus.
       Dabei vermied sie es, etwaige Taten einzuräumen. Im Hinblick auf die Opfer
       zitierte sie Burkhard Garweg, der in einem [3][Brief aus dem Untergrund]
       geschrieben hatte: „Jegliche Traumatisierung von Angestellten von
       Kassenbüros oder Geldtransportern ist zu bedauern.“ Eine
       Passivkonstruktion, die Täterschaft erfolgreich verschleiert.
       
       Doch auch die öffentliche Aufmerksamkeit lag vornehmlich auf der
       mutmaßlichen Ex-Terroristin. Die zahlreichen langen, zähen
       Verhandlungstage, in denen es darum ging, die einzelnen Taten
       nachzuzeichnen, die verschütteten Erinnerungen freizulegen oder die
       Traumatisierungen sichtbar zu machen – sie fanden weitgehend ohne großes
       öffentliches Interesse statt. Alles andere erzählt sich besser, klickt
       besser: der Mythos RAF, die irrwitzigen Umstände rund um Klettes
       Verhaftung, die teure Reithalle.
       
       Dass bei Klettes Verhaftung die Recherchen des Podcasts „Legion“ eine Rolle
       gespielt haben könnten und der journalistische [4][Einsatz einer
       Gesichtserkennungssoftware], die von der Polizei bisher nicht genutzt
       werden darf, könnten noch zur Ironie der Geschichte werden. Überall sind
       entsprechende Nachbesserungen der Polizeigesetze in Arbeit. Zum letzten Mal
       könnte die RAF damit das bewirken, was schon früher ihre einzige sichtbare
       Wirkung war: die massive Aufrüstung des verhassten Staatsapparates.
       
       ## Keine Aufarbeitung der RAF-Vergangenheit
       
       Einer Aufarbeitung der RAF-Vergangenheit ist man mit diesem Prozess nicht
       näher gekommen. Zwar soll es ein weiteres Verfahren geben: Der
       Generalbundesanwalt hat Ende März bekannt gegeben, dass er Anklage wegen
       drei RAF-Attentaten gegen Klette erhebt. Man glaubt, Belege für ihre
       Beteiligung an einem Sprengstoffanschlag auf die Deutsche Bank in Eschborn
       1990, einen Schusswaffenanschlag auf die US-amerikanische Botschaft in
       Bonn-Bad Godesberg 1991 und den Anschlag auf die neu gebaute JVA
       Weiterstadt 1993 zu haben. Doch ob die Anklage zugelassen wird und wann es
       dann zum Prozess kommen könnte, ist noch unklar.
       
       Die dritte und letzte Generation der RAF, der Klette angehört haben soll,
       gehört zu denen, über deren innere Struktur man bisher am wenigsten weiß.
       Wenn sie bei ihrem Schweigen bleibt, wird sich daran auch nicht viel
       ändern. Egal, wie sehr sich die Hinterbliebenen der Todesopfer
       möglicherweise Aufklärung wünschen.
       
       Es gab gleich am Anfang des Prozesses, als er noch im Hochsicherheitssaal
       in Celle stattfand, weil die Reithalle nicht fertig war, eine Szene, die
       fast symbolisch wirkt: Daniela Klette kommt herein, umarmt ihre
       Verteidiger, winkt ihren Unterstützern zu – und dann zieht sie ein
       Palästinensertuch aus der Tasche und nimmt einen Block in die Hand. Auf
       eine Seite hat sie eine Botschaft geschrieben. Mit ernster Miene postiert
       sie sich vor den Fotografen und Kameraleuten, die auf sie gewartet haben
       und hält sie vor sich. Gesendet hat die Bilder am Ende niemand. Vermutlich
       war die Schrift hinter der spiegelnden Panzerglasscheibe nicht zu lesen. So
       wirkte das bei diesem Prozess öfter: wie ein Echo, eine Flaschenpost –
       unleserliche Botschaften aus einer längst vergangenen Zeit.
       
       27 May 2026
       
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