# taz.de -- Sexualisierte Gewalt gegen Palästinenser: Meinung mit Methode
> Ein Meinungsbeitrag der „New York Times“ erhebt sensationelle Vorwürfe
> gegen Israel. Doch die Quellen sind dubios – und die Form des Textes
> falsch.
(IMG) Bild: Der New York Times Tower mit Logo-Schriftzug in Midtown Manhattan
Am Montag ließ die New York Times eine publizistische Bombe platzen. „The
Silence That Meets the Rape of Palestinians“, so lautet die [1][Überschrift
des Meinungsbeitrags] vom Kolumnisten Nicholas Kristof. Darin beschreibt er
im schaurigen Detail die Vorwürfe palästinensischer Gefangenen, die von
sexualisierter Gewalt und Vergewaltigungen in israelischen Gefängnissen
berichten.
Wie Kristof selbst schreibt, gibt es keine Belege dafür, dass die
israelische Regierung Vergewaltigungen anordnet. Der Meinungskolumnist
berichtet aber in Berufung auf 14 Palästinenser und Palästinenserinnen von
zahlreichen alarmierenden Fällen.
„Viele berichteten, dass ihnen oft an den Genitalien gerissen wurde oder
sie Schläge auf die Hoden erhielten“, schreibt er. „Mit
Handmetalldetektoren wurde zwischen den nackten Beinen der Männer gesucht,
und diese Geräte wurden ihnen dann gegen die Genitalien geschlagen.“ Auch
die taz hat [2][von ähnlichen Fällen sexualisierter Gewalt berichtet]. Ein
freier Journalist sagt der New York Times, er sei mit einem Gummiknüppel
und einer Karotte vergewaltigt worden.
Ein brisantes Detail sorgt nun für heftige Kritik an Autor und Zeitung.
Kristof beruft sich auf einen anonymen Journalisten aus Gaza, der davon
erzählt, wie er von einem Hund auf Kommando vergewaltigt worden sei.
Verifizieren lässt sich das bislang nicht. Einige tiermedizinische Experten
halten es für äußerst unwahrscheinlich, dass Hunde so trainiert und
eingesetzt werden können.
## Absurde Anschuldigungen
Viele der besorgniserregendsten Vorwürfe im Text stammen außerdem von der
Genfer NGO [3][„Euro-Med Human Rights Monitor“,] deren Gründer und
Vorsitzendem Ramy Abdu vorgeworfen wird, zahlreiche [4][Verbindungen zur
Hamas] zu pflegen.
Euro-Med erhebt seit Jahren teils absurde, unbelegte Anschuldigungen gegen
Israel – etwa Organraub. Über den Hundevergewaltigungsvorwurf berichtete
Euro-Med bereits in einem 2024 erschienenen Bericht und behauptet, das
Problem sei „systematisch“.
Weitere zitierten Quellen im Meinungsbeitrag der New York Times werfen
Fragen auf: Einige haben bereits in der Vergangenheit öffentlich über ihre
Haftbedingungen gesprochen, jedoch mit auffällig abweichenden Details und
teils erheblichen Widersprüchen. Das heißt nicht, dass ihre Geschichten nun
ausgedacht sind, sondern dass sie möglichst verifiziert und gründlich auf
Ungereimtheiten überprüft werden müssen, wie bei jeder anderen
journalistischen Recherche auch.
Dass Palästinenser Vorwürfe sexueller Übergriffe erfunden haben könnten, um
Israel zu diffamieren, hält Kristof für „weit hergeholt“. Gleichzeitig
haben einige seiner Quellen sich durchaus positiv zur Hamas geäußert. Auch
das heißt nicht, dass sie hier nicht die Wahrheit sagen. Es liefert jedoch
einen zusätzlichen Grund, kritisch weiter zu recherchieren.
## Ablenkung vom eigentlichen Thema
Das Timing des Meinungsbeitrags wird vielfach kritisiert: Am nächsten Tag
erschien ein länger geplanter ausführlicher Bericht der israelischen „Civil
Commission on October 7 Crimes Against Women and Children“, geleitet von
der Menschenrechtsexpertin Cochav Elkayam-Levy. Dieser dokumentiert die
systematische Vergewaltigung und sexualisierter Gewalt der Hamas und ihrer
Verbündete in Israel am 7. Oktober 2023.
Ein Sprecher der New York Times dementiert, dass die Veröffentlichung des
Berichts Einfluss auf den Erscheinungstermin des Meinungsbeitrags hatte.
Meinungskolumnist Kristof nutzt aber zumindest die sexualisierte Gewalt der
Hamas und Co als Aufhänger seines Textes, um den Fokus auf die Behandlung
palästinensische Inhaftierten zu lenken.
Damit haben die New York Times und Nicholas Kristof dem eigentlichen Thema
einen Bärendienst erwiesen. Und mit vermeidbaren journalistischen
Angriffsflächen von ihm abgelenkt. Gegen Vorwürfe der Folter,
sexualisierten Gewalt und Vergewaltigung in israelischen Gefängnissen gegen
Palästinenser muss mit Hochdruck ermittelt werden. Die Aufgabe des
Journalismus heißt, dazu investigativ zu recherchieren.
Doch schon die Form des Textes ist hier fehl am Platz. Das Thema ist zu
wichtig, zu heikel, zu gravierend für einen Meinungsbeitrag von einem
einzigen Meinungskolumnisten. In US-amerikanischen Redaktionen sind das
Meinungsressort und die Nachrichtenredaktion streng getrennt. Und
Meinungstexte sind eben von der Meinungsfreiheit geschützt und unterliegen
niedrigeren Fact-Checking-Hürden als journalistische Berichte.
Man fragt sich: Warum hat das Jerusalemer Büro oder das Investigativressort
der Zeitung nicht zu den Vorwürfen recherchiert? Und werden sie das jetzt
tun?
Nun reagieren einige Zeitungen mit eigenen Meinungsbeiträgen zur Causa.
„Solche Vorwürfe sind schwerwiegend und erfordern gründliche Untersuchungen
und eine sorgfältige Berichterstattung“, schreibt Rachel O’Donoghue vom
Jerusalemer Medienblog „HonestReporting“ [5][im Wall Street Journal]. „Mr.
Kristofs Kolumne wird diesem Anspruch nicht gerecht. Stattdessen stützt sie
sich auf ein Flickwerk aus Auslassungen, zweifelhaften Quellen und immer
reißerischeren Anschuldigungen, die eher dazu dienen, Israel zu verteufeln,
als aufzuklären, was tatsächlich geschehen ist.“
Doch mit einem Kampf der Repliken ist es auch nicht getan. Sondern mit
Recherche frei von Meinung.
15 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.nytimes.com/2026/05/11/opinion/israel-palestinians-sexual-violence.html
(DIR) [2] /Palaestinenser-in-Israels-Gefaengnissen/!6021130
(DIR) [3] https://www.jpost.com/international/article-896223
(DIR) [4] https://www.juedische-allgemeine.de/politik/hamas-nahe-ngo-gibt-propaganda-seminare-fuer-wikipedia/
(DIR) [5] https://www.wsj.com/opinion/free-expression/kristofs-unbelievable-tale-d9d7b6ff
## AUTOREN
(DIR) Nicholas Potter
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