# taz.de -- Nachruf auf Holocaust-Überlebenden: Farewell, Mister Weinberg
       
       > Albrecht Weinberg setzte die Freude an allem Lebenden den Abgründen
       > entgegen, denen er begegnet war. Nun ist der Holocaust-Überlebende mit
       > 101 Jahren gestorben.
       
 (IMG) Bild: Albrecht Weinberg, einer der letzten Überlebenden des Holocaust, im Rathaus der Stadt Leer, 2025
       
       Vom Balkon seiner Wohnung aus hatte Albrecht Weinberg einen Ausblick ins
       Grüne, der ihn im hohen Alter erfüllte. „Ich weiß genau, dass ich mit einem
       Fuß im Grab stehe. Ich genieße jeden Tag“, [1][sagte er bei einem Besuch in
       Leer/Ostfriesland im Frühsommer vergangenen Jahres]. Eine von ihm selbst
       gezogene kleine Pflanze war ihm besonders wichtig; er hatte einen
       Dattelkern eingepflanzt und schaute danach, wie sie gedieh.
       
       Dieser beeindruckende Mann, der drei Konzentrationslager überlebt hatte und
       große Teile seiner Familie im Holocaust verloren hatte, schien die Freude
       an allem Lebenden jenen Abgründen entgegenzusetzen, denen er im Lauf seines
       Lebens begegnet war.
       
       Einhundert Jahre alt war Albrecht Weinberg zu dem Zeitpunkt, er war guter
       Dinge, wirkte körperlich nur leicht geschwächt und geistig topfit. Wir
       sprachen mehrere Stunden, sein amerikanischer Akzent und sein Slang – er
       hatte über 60 Jahre in den USA gelebt – ist mir noch im Ohr. In der Wohnung
       hingen überall Ehrungen und Fotos von Auftritten und Reisen, eines zeigt
       ihn bei einem Besuch der Gedenkstätte Auschwitz. Im Wohnzimmer stand ein
       Chanukkaleuchter.
       
       Albrecht Weinberg wurde 1925 im ostfriesischen Rhauderfehn geboren. Er
       stammte aus einer jüdischen Familie. Sein Vater habe als deutscher Soldat
       im Ersten Weltkrieg gekämpft, er habe nichts anderes sein wollen als ein
       deutscher Jude oder ein jüdischer Deutscher, erzählte Weinberg, doch im Ort
       blieb er immer der „Jööd Weinberg“, der „Jude Weinberg“.
       
       ## Grassierender Antisemitismus während …
       
       Schon als Kind bekam Weinberg den überall grassierenden Antisemitismus
       selbst zu spüren. Ein Jahr nach Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze wurde
       er in Rhauderfehn von der Schule geschmissen, er besuchte fortan die
       Jüdische Schule in Leer.
       
       Ein Erlebnis aus seiner Kindheit hatte sich ihm tief eingebrannt: Beim
       Schlittschuhlaufen auf dem Kanal war er einmal ins Eis eingebrochen, einige
       Jungs sahen es aus der Ferne, und statt ihm zu helfen, sangen sie auf
       Plattdeutsch: „Sit een Jööd in’t Deep, sit een Jööd in’t Deep, wenn he
       versuppt, ik help hum neet.“ („Sitzt ein Jude im Kanal, sitzt ein Jude im
       Kanal, wenn er ertrinkt, helfe ich ihm nicht“)
       
       Während des Nationalsozialismus wurde Weinberg zunächst mit seiner
       Schwester Friedel in das jüdische Ausbildungslager Groß Breesen gebracht,
       wo die Gestapo und das Reichssicherheitshauptamt die Kontrolle übernommen
       hatten, dann nach Fürstenwalde.
       
       1943 wurde er nach Auschwitz deportiert, Anfang 1945 ins Lager
       Mittelbau-Dora gebracht. Später überlebte er den Todesmarsch nach
       Bergen-Belsen, seine Eltern hingegen wurden in Auschwitz ermordet.
       
       ## … und nach der NS-Zeit
       
       Nach dem Krieg traf Weinberg in Leer seine Geschwister Friedel und Dieter
       wieder, die ebenfalls aus den KZs zurückgekehrt waren. In Leer hatte sich
       am Antisemitismus nichts geändert. Sein Bruder habe ihm erzählt, er sei
       empfangen worden mit den Worten: „Wieso hat man dich nicht in den Gasofen
       gesteckt?“ Während sein Bruder 1946 unter ungeklärten Umständen starb,
       gingen Friedel und Albrecht Weinberg im Jahr darauf in die USA. „In
       Deutschland gab es keine Zukunft für einen jüdischen Jungen damals“, sagte
       Weinberg im Gespräch.
       
       Er zog mit Friedel nach New York. Weinberg versuchte, das alte Leben und
       das Grauen hinter sich zu lassen, so gut es ging, und sich ein neues Leben
       aufzubauen – eines, das diesen Namen wirklich verdient hat. Gemeinsam mit
       einem deutschen Freund machte er einen Fleischerladen auf dem Broadway auf.
       Weinberg liebte das New York jener Ära, er besuchte Shows, sah sich
       Baseballspiele an, machte Ausflüge nach Coney Island.
       
       Mit seiner Schwester lebte er in Manhattan, in einem gemischten Viertel, wo
       es mit Italienern, Griechen und (jüdischen) Deutschen ein gutes Miteinander
       gab. Dass er zeit seines Lebens mit Friedel zusammenlebte, hatte auch mit
       Auschwitz zu tun. Sie teilten das gleiche Schicksal, sie wollten
       aufeinander achtgeben. Nur, wer Auschwitz erlebt hatte, wusste, was
       Auschwitz gewesen war.
       
       ## Ein Treffen von Überlebenden
       
       Weinberg wäre wohl nie zurückgekehrt in seine Heimat, dahin, wo er
       furchtbarste Erfahrungen gemacht hatte. Doch Friedel wurde Anfang der
       Zehnerjahre krank, sie hatte einen Schlaganfall, die Behandlung kostete
       8.000 Dollar monatlich. Inzwischen gab es wieder Kontakt nach Leer, bereits
       Mitte der Achtziger waren Friedel und er zu einem Treffen von Überlebenden
       dort hingereist und hatten sich daraufhin mit einem deutschen Ehepaar
       angefreundet. Als seine Schwester so schwer erkrankt war, boten Bekannte
       aus Leer an, sich dort um einen Platz im Pflegeheim zu kümmern. Also ging
       das Geschwisterpaar zurück.
       
       In [2][seiner vor zwei Jahren erschienenen Biografie], die Weinberg
       gemeinsam mit dem Journalisten Nicolas Büchse verfasst hat, heißt es dazu:
       „Albrecht wunderte sich selbst ein wenig über sich. Doch er zögerte kaum.
       Für Friedel würde er es tun. Zurückkehren in das Land der Täter und
       Feiglinge. An den Ort ihres Schreckens und Schmerzes.“
       
       ## Das dritte Leben als Zeitzeuge
       
       Im Seniorenheim in Leer begann ein drittes Leben für Weinberg. Albrecht
       Weinberg lernte die Altenpflegerin Gerda Dänekas kennen. Sie betreute ihn
       zunächst im Altenheim, später in einer Wohngemeinschaft (und nannte ihn
       immer nur „Mister Weinberg“). Seine Schwester verstarb nach kurzer Zeit.
       
       Albrecht Weinberg widmete sich nun der Zeitzeugenarbeit, er besuchte
       Schulen, um über den Holocaust aufzuklären, sprach bei Veranstaltungen.
       2017 erhielt er das Bundesverdienstkreuz, das Gymnasium in seinem
       Geburtsort Rhauderfehn heißt heute Albrecht-Weinberg-Gymnasium.
       
       Anfang 2025, nachdem der spätere Bundeskanzler Friedrich Merz einen Antrag
       zur Zurückweisung an deutschen Grenzen mit den Stimmen der AfD
       durchgebracht hatte, [3][gab Weinberg aus Protest sein Bundesverdienstkreuz
       zurück]. „Wenn diese Partei in der deutschen Politik an Akzeptanz gewinnt,
       kann ich das Bundesverdienstkreuz nicht mehr an meinem Sakko tragen, sonst
       müsste ich gebeugt herumlaufen“, erklärte er im Gespräch.
       
       Albrecht Weinberg merkte man die Americanness im Gespräch an. Er sagte
       „nice“ statt „schön“, streute so viele Anglizismen im Gespräch ein wie die
       Gen Z. Und er hatte einen sehr trockenen Humor. Auf die Frage, ob er nie
       längere Liebesbeziehungen in den USA gehabt hätte, antwortete er: „Nein,
       nur am Wochenende.“
       
       ## Die Freundschaft mit dem Dackel des Nazis
       
       Auch in seiner Biografie erzählt er von einer bewundernswert coolen Art und
       Weise, mit schlimmsten Verletzungen umzugehen. Bei der Zwangsarbeit in Groß
       Breesen Ende der Dreißiger hatte er sich mit einem kleinen Dackel
       angefreundet. Der kleine Hund gehörte einem nationalsozialistischen
       Oberinspektor, er folgte Weinberg überall hin. Im Scherz hätte er deshalb
       immer gesagt: „Wenigstens der Dackel ist kein Antisemit.“
       
       Das war Weinbergs Strategie, im Alltag mit dem Erlebten und Erlittenen
       umzugehen. Doch wenn er auf dem Balkon in Leer von den Taten der Nazis
       erzählte, blieb er manchmal auch für längere Zeit stumm. Blickte fragend
       ins Grüne, während sich eine kleine Tränenschicht auf seinen Augen bildete.
       Sagte mit all dem, was er nicht sagte, fast alles, was man wissen musste.
       Erzählte dann, dass Auschwitz ihm auch den Gottesglauben genommen habe.
       
       Albrecht Weinberg ist am Dienstag im Alter von 101 Jahren gestorben. Er sei
       „ganz ruhig und friedlich (…) eingeschlafen“, teilte Gerda Dänekas mit.
       Seine Chuzpe, sein Witz wird fehlen, vor allem aber seine Menschlichkeit.
       
       13 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Holocaust-Ueberlebender-ueber-sein-Leben/!6103396
 (DIR) [2] https://www.penguin.de/buecher/nicolas-buechse-albrecht-weinberg-damit-die-erinnerung-nicht-ver/paperback/9783328111443
 (DIR) [3] /Albrecht-Weinberg-ueber-die-Brandmauer/!6067594
       
       ## AUTOREN
       
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