# taz.de -- Geheimdienst wählt Software-Alternative: Palantir stirbt langsam
> Der Geheimdienst setzt zur Terrorabwehr auf eine europäische Alternative
> zur Palantir-Software. Doch der rechtliche Rahmen bleibt fragwürdig.
(IMG) Bild: Bekommt keine Kohle vom Bundesamt für Verfassungsschutz: Tech-Milliardär und Antidemokrat Peter Thiel
Die nächste deutsche Behörde hat sich gegen den Einsatz der Software des
antidemokratischen Trump-Flüsterers Peter Thiel entschieden: Der
Verfassungsschutz wird die Software von Palantir nicht für die eigene
Behörde einsetzen. Stattdessen setzt der Inlandsgeheimdienst offenbar auf
die französische Alternative ChapsVision.
Ähnliches hatte der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Sinan
Selen, bereits im Dezember durchklingen lassen, als er sich mit Blick auf
das Thema europäische Souveränität für Alternativen starkmachte. [1][Einer
Recherche von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung] zufolge habe das BfV nun
eine Testphase erfolgreich abgeschlossen und die Software erworben.
Weder Bundesinnenministerium noch Verfassungsschutz bestätigten oder
dementieren die Recherche: Der Geheimdienst beziehe grundsätzlich
öffentlich nicht Stellung zu seinen Tätigkeiten. Inwiefern
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) die Entscheidung des
Verfassungsschutzes für sinnvoll hält, beantwortete die Behörde nicht.
Palantir hat eine KI-gestützte Analysesoftware entwickelt, die nicht nur
sehr teuer ist, sondern auch erhebliche Sicherheitsrisiken birgt. Sie kann
verschiedene Datensätze KI-gestützt verbinden und durchsuchen. Das Programm
soll dabei zu schnelleren Ergebnissen kommen als Menschen bei händischen
Recherchen.
Kritisiert wird immer wieder, dass Palantir eine Blackbox ist und hierbei
auch [2][die Daten Unbeteiligter einbezogen werden], die bei der Polizei
mal eine Zeugenaussage gemacht haben oder mit dem Auto geblitzt worden
sind. Als Risiko gilt auch der Punkt, inwiefern Palantir nicht doch eine
Hintertür besitzt – die Firma ist eng verwoben mit den amerikanischen
Sicherheitsbehörden und dem US-Militär. Bei deren menschenrechtswidrigen
ICE-Abschiebungen spielt sie zum Beispiel eine Rolle.
## Palantir stirbt langsam
In Deutschland arbeiten bereits die Polizeien in vier Bundesländern mit
Software von Palantir: Hessen, Bayern, Nordrhein-Westfalen und
Baden-Württemberg. Die Nutzung ist aber auch hier zunehmend umstritten. Wer
sich mit verschiedenen Sicherheitsinsidern unterhält, bekommt nicht selten
gespiegelt, dass Palantir in Deutschland tot sei.
Auch ist laut taz-Informationen mit Widerstand aus den Ländern zu rechnen,
falls Bundesbehörden – etwa unter Führung von Bundesinnenminister Dobrindt
– Palantir-Software nutzen sollten. In diesem Fall könnten die vom
Bundeskriminalamt lang herbeigesehnten gemeinsamen Schnittstellen mit Blick
auf Landespolizeidaten wackeln.
Ein kürzlich von Dobrindt durchs Kabinett gebrachtes [3][Gesetz zur
Erweiterung der digitalen Ermittlungsbefugnisse] ermöglicht grundsätzlich
den Einsatz von KI-gestützter Analysesoftware. Dobrindt hatte Palantir
dabei keine klare Absage erteilt, sprach zuletzt aber auch davon, dass eine
hier entwickelte Software bevorzugt würde. Die Bundeswehr hat Überlegungen
für eine etwaige Palantir-Nutzung dagegen [4][bereits begraben].
Schließlich wäre ein Palantir-Mitarbeiter für die Bedienung des Programms
zuständig – für die Bundeswehr undenkbar.
Die Nachrichtendienste sollen angesichts der geopolitischen Großlage
souveräner werden, neue Überwachungsmöglichkeiten inklusive. Bisher warnen
dabei zwar vor allem ausländische Dienste auch vor inländischem Terror.
Klar ist aber, dass auf mittlere Sicht auch der deutsche Verfassungsschutz
zusätzliche Befugnisse bekommen könnte – darunter die Nutzung von
Gesichtserkennungssoftware und KI.
## Was kann ChapsVision?
Ähnliches soll das französische Programm leisten können: ChapsVision bietet
eine entsprechende [5][Datenanalyseplattform namens ArgonOS] an, mit der
ähnlich wie mit Palantir große Datenmengen schneller durchsucht werden
können. Ebenfalls soll damit die Recherche in frei zugänglichen
Internetquellen möglich sein ([6][Osint]).
Die Software gehört dem französischen Techunternehmer Olivier Dellenbach.
In Frankreich ist sie schon in mehreren Behörden im Einsatz, darunter auch
im Inlandsgeheimdienst. Laut dem Bericht von WDR, NDR und SZ arbeitet
Dellenbachs Unternehmen in Deutschland mit der Firma rola Security
Solutions zusammen. Sie soll demnach bei Terrorismusbekämpfung und
Gefahrenabwehr helfen.
Datenschützer*innen und Gegner*innen der zunehmenden Überwachung
dürften dennoch Kritik haben, weil die Ausweitung staatlicher
Überwachungsbefugnisse generell im Konflikt mit Grundrechten steht und KI
weiter fehleranfällig ist. So könnten unschuldige Personen verdächtigt
werden – mit entsprechend schwerwiegenden Folgen. Noch einmal heikler
scheint der Einsatz solcher Software bei intransparenten Behörden wie
Geheimdiensten.
Der grüne Innenpolitiker Konstantin von Notz begrüßt vor diesem Hintergrund
„ausdrücklich“, dass der Verfassungsschutz sich für eine europäische
Alternative entschieden hat. Er mahnte aber an, dass auch für den Einsatz
von ChapsVision die rechtlichen Bedingungen genau geprüft werden müssten.
„Der Einsatz automatisierter Datenanalysetools kann zweifellos einen großen
Mehrwert für die Arbeit von Sicherheitsbehörden bieten“, sagt von Notz.
Gleichzeitig seien damit aber tiefe Grundrechtseingriffe verbunden: „Das
Für und Wider und die tatsächliche rechtliche Umsetzbarkeit müssen intensiv
geprüft werden.“ Das habe das Bundesinnenministerium trotz einer
monatelangen Diskussion aber bisher verpasst.
## Verfassungsrechtliche Bedenken
Bei den Gesetzesentwürfen für neue digitale Ermittlungsbefugnisse habe von
Notz weiter erhebliche verfassungsrechtliche Bedenken. „Umfassende
Transparenzpflichten, unabhängige Kontrolle und glasklare Bestimmungen,
welche Daten wann zu welchem Zweck verarbeitet werden dürfen, sind
zwingende Voraussetzungen für den rechtskonformen Einsatz.“ Zudem müsse
ausgeschlossen sein, dass behördliche Entscheidungen, die ein Mensch
treffen muss, de facto durch die Software vorweggenommen werden.
Unter anderem von Notz drängt seit Monaten Bundesinnenminister Dobrindt
dazu, [7][dass Deutschland ernsthaft europäische Alternativen zur
Datenanalyse prüfen müsse]. Er erneuerte seine Forderung gegenüber der taz:
„Wer staatlich souverän agieren will, darf Palantir nicht einsetzen.
Eigentlich hält nur noch der deutsche Innenminister dem Unternehmen die
Stange. Seine Beweggründe sind auch weiterhin weitgehend unerklärlich.“ Die
Bundesregierung müsse endlich und ein für allemal Abstand von dem
hochumstrittenen US-Unternehmen nehmen. Von Notz hat deswegen auch eine
Berichtsbitte für den Innenausschuss zum Thema „Palantir in deutschen
Sicherheitsbehörden“ an die Bundesregierung gerichtet. Am 20. Mai will er
das Thema dort im Beisein von BKA und Verfassungsschutz besprechen.
Der SPD-Sicherheitspolitiker Sebastian Fiedler begrüßte die Abkehr von
Palantir auch mit Blick auf andere Behörden wie die Bundespolizei:
„Palantir darf auf Bundesebene auf keinen Fall eine Rolle spielen. Wir
brauchen europäische Alternativen.“ Das gebiete auch das erratische
Verhalten der Palantir-Verantwortlichen: Gründer Peter Thiel hat sich
häufig antidemokratisch geäußert und vom derzeitigen CEO Alex Karp war
zuletzt ein [8][ideologisches bis dystopisches Manifest] viral gegangen. In
dem sah er westliche Zivilisationen als überlegen an und warb dringend für
KI-Waffen – er dachte wohl, das sei gute Werbung für seine Produkte. Danach
beschwerte er sich über Kritik.
Keine Entwarnung gibt es indes von der Linkspartei. Abgeordnete Clara
Bünger kritisiert den Einsatz von Chaps Vision als „reinen
Etikettenschwindel“: „Die Logik der algorithmischen Rasterfahndung und der
Frontalangriff auf das verfassungsrechtliche Trennungsgebot bleiben
identisch.“ Man müsse Überwachung vom Schutz der einzelnen Person her
denken – denn man wisse nie, in wessen Hände diese Daten am Ende geraten,
warnte Bünger: „Was heute unter dem Deckmantel der digitalen Souveränität
aufgebaut wird, kann morgen von autoritären Kräften als mächtiges
Repressionsinstrument missbraucht werden.“ Das Problem sei nicht allein die
Herkunft der Software, sondern die Logik der Massenüberwachung.
13 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/verfassungsschutz-palantir-100.html
(DIR) [2] /Palantir-in-Deutschland/!6078828
(DIR) [3] /Mehr-Ermittlungsbefugnisse-fuer-Polizei/!6174997
(DIR) [4] /Ueberwachungs-Software-Palantir-Dobrindt-haelt-Thiel-die-Tuer-auf/!6176150
(DIR) [5] https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/verfassungsschutz-palantir-100.html
(DIR) [6] /Open-Source-Intelligence-bei-der-Polizei/!6060094
(DIR) [7] https://gruen-digital.de/2025/08/verhindert-das-bundesinnenministerium-bewusst-eine-debatte-um-moegliche-palantir-alternativen/
(DIR) [8] /Thesen-des-Palantir-CEO-Alex-Karp-Geschaeftsmodell-Kontrolle/!6170381
## AUTOREN
(DIR) Gareth Joswig
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