# taz.de -- Siedlergewalt im Westjordanland: Für seinen Hof könnte es schon zu spät sein
       
       > Im Westjordanland bauen Siedler immer mehr Außenposten auf, etwa nahe des
       > christlichen Dorfs Taybeh. Ob die EU-Sanktionen gegen Siedler hier helfen
       > können?
       
 (IMG) Bild: Kaabne vor seinen Olivenbäumen. Wie lange werden sie noch dort stehen, auf seinem Hof nahe Taybeh im Westjordanland?
       
       Sliman Kaabne hat die Angriffe kommen sehen. Von seinem Bauernhof im
       israelisch besetzten Westjordanland führt die Straße hinunter ins
       Jordantal. Entlang der Serpentinen durch die ockerfarbenen Hügel lagen noch
       vor zwei Jahren eine Reihe Beduinendörfer. Heute stehen dort verlassene
       Ställe, die die Bewohner auf der Flucht vor Übergriffen israelischer
       Siedler zurücklassen mussten.
       
       „Zweimal haben sie auch auf unseren Feldern Olivenbäume zerstört“, sagt der
       43-jährige Beduine. Trotzdem habe er gehofft, dass sein Hof verschont
       würde, liegt er doch kaum einen Steinwurf vom [1][Eingang zum christlichen
       Dorf Taybeh] entfernt. „Bis Anfang Mai etwa 40 Siedler mit Schafen und
       Kamelen gekommen sind.“ Sie bauten einen illegalen Außenposten auf, wenige
       Meter neben dem Haus, in dem Kaabne aufgewachsen ist und mit seinen sieben
       Kindern lebt. Als die Siedler am Abend versucht hätten, in das Haus seines
       Vaters einzubrechen, bat er Aktivisten mehrerer
       Nichtregierungsorganisationen um Hilfe.
       
       Seitdem ist neben den rund 15 Familien auf dem Bauernhof eine Handvoll
       internationaler und israelischer Aktivisten eingezogen. Mit ihrer
       Anwesenheit und Dokumentation des Vorgehens der Siedler versuchen sie,
       diese von weiteren Schritten abzuhalten. „Ihr Muster ist stets ähnlich“,
       sagt der Australier David Hilder. Die Siedler würden mit Provokationen
       beginnen und nach und nach den Druck erhöhen. [2][„Am Ende können Menschen
       ermordet werden, nach oben gibt es praktisch keine Grenze]“, sagt der
       Aktivist, der sich seit gut einem Jahr im Westjordanland engagiert.
       
       Siedlergewalt im israelisch besetzten Westjordanland gerät zunehmend außer
       Kontrolle. In regelmäßigen Abständen überfallen teils Hunderte Mitglieder
       der radikal-religiösen „Hügeljugend“ palästinensische Ortschaften, stehlen
       oder zünden Häuser und Autos an. Zunehmend fallen dabei auch Schüsse:
       [3][Ende April wurde ein 14-jähriger Schüler neben seiner Schule im Dorf
       al-Mughayyir erschossen, mutmaßlich von einem Siedler in Militäruniform.]
       Während des Irankriegs töteten Siedler laut der israelischen
       Menschenrechtsorganisation B'tselem mindestens sieben Palästinenser im
       Westjordanland.
       
       ## EU-Sanktionen, internationale Aufmerksamkeit – hilft das?
       
       Die Europäische Union hat am Montag reagiert und nach langer Blockade
       Ungarns Sanktionen gegen mehrere radikale Siedler beschlossen. Eine
       vollständige Liste war zunächst nicht bekannt, laut Medienberichten aber
       sollen sieben Siedler und Siedlerorganisationen betroffen sein. Laut der
       israelischen Organisation Peace Now ist auch die Organisation Regavim
       darunter, zu deren Gründern der heutige israelische Finanzminister Bezalel
       Smotrich zählt.
       
       Auch innerhalb Israels gibt es Forderungen, [4][gegen die ausufernde Gewalt
       vorzugehen]. Der frühere Chef des Inlandsgeheimdienstes Ronen Bar hatte sie
       bereits im Sommer 2024 als „jüdischen Terrorismus“ bezeichnet. Mittlerweile
       berichten israelische Nachrichtensender, die das Thema lange wenig beachtet
       hatten, über die Gewalt.
       
       Im Westjordanland aber hat all das kaum einen Effekt, im Gegenteil: [5][Die
       völkerrechtlich illegalen Siedlungen und Außenposten genießen staatliche
       Unterstützung], auch finanziell in Millionenhöhe. Minister wie Smotrich
       treiben ihren Ausbau aktiv voran. Die Armee lässt die israelischen
       Angreifer häufig straffrei gewähren.
       
       ## „Dörfer in Konfliktgebiete verwandeln“
       
       Dahinter steckt Strategie: Der zuständige Armeekommandeur Avi Bluth, selbst
       in einer Siedlung aufgewachsen, sagte laut der Zeitung Ha’aretz jüngst in
       einem nicht öffentlichen Briefing, er wolle palästinensische „Dörfer in
       Konfliktgebiete verwandeln.“ Während Palästinenser von der Armee oft
       bereits für das Werfen von Steinen erschossen werden, sieht Bluth demnach
       „ernste Konsequenzen aus soziologischer Perspektive“, wenn man mit gleichen
       Mitteln gegen jüdische Steineschmeißer vorginge.
       
       Vor Kaabnes Bauernhof bei Taybeh steht die Eskalationsspirale noch am
       Anfang, die Regeln aber sind dieselben. Obwohl die Armee eine Sperrzone
       ausgerufen hat, führen am Nachmittag zwei mutmaßlich minderjährige Siedler
       mit langen Schläfenlocken und Kapuzenpullovern eine Schafherde an den Zaun
       von Kaabnes Nachbarn. Sie lassen sich nieder und machen sich am
       Maschendraht zu schaffen. Sie hören auf, sobald die Aktivisten mit ihren
       Kameras kommen.
       
       „Einer hat einen Stein knapp an meinem Kopf vorbei geworfen, als ich mich
       einen Moment umgedreht habe“, sagt der israelische Aktivist Yotam. Als nach
       mehr als einer Stunde ein Jeep mit drei Soldaten eintrifft, schütteln die
       Soldaten den Siedlern die Hand. „Ich habe den Soldaten Aufnahmen gezeigt,
       auf denen sie den Zaun zerschneiden, aber sie haben behauptet, sie könnten
       darauf nichts erkennen“, sagt Yotam.
       
       ## Fortsetzung des Siedlungsbaus angekündigt
       
       [6][Die EU-Sanktionen ändern auf den ersten Blick wenig. Kritiker halten
       sie vor allem für symbolisch.] Die israelische Regierung wies sie dennoch
       empört zurück. Regierungschef Benjamin Netanjahu sprach von einem
       „moralischen Bankrott“, der „israelische Bürger mit Hamas-Terroristen“
       gleichsetze. Denn die EU hatte auch Sanktionen gegen führende Köpfe der
       Hamas erlassen. Außenminister Gideon Saar nannte die Maßnahmen
       „willkürlich“. Polizeiminister Itamar Ben Gvir kündigte eine Fortsetzung
       des Siedlungsbaus an.
       
       Eine Reihe von EU-Staaten aber will es nicht bei den Sanktionen gegen
       einzelne Siedler belassen: Entwürfe sehen weitreichendere wirtschaftliche
       Sanktionen oder [7][Maßnahmen gegen Regierungspolitiker wie Smotrich und
       Ben Gvir] vor. Diese hätten weit schwerere Folgen für die Beziehungen
       zwischen der EU und Israel. Vor allem Deutschland verhindert diese
       Vorschläge seit Langem. Nun kann es sich aber nicht mehr hinter der
       Blockadehaltung Ungarns verstecken.
       
       Für Kaabne könnte es dennoch zu spät sein. Auf seinem Hof ist am späten
       Nachmittag eine angespannte Ruhe eingekehrt. Die Siedler haben sich einige
       Hundert Meter auf die andere Seite der Landstraße zurückgezogen. Sie
       dürften aber bald wiederkommen.
       
       12 May 2026
       
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 (DIR) Felix Wellisch
       
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