# taz.de -- Russische Buchmesse in Berlin: Mit Literatur gegen die „Schizo-Realität“
       
       > Die zweite Exil-Buchmesse für russischsprachige Literatur in Berlin war
       > größer und bunter als die erste Ausgabe. Es wurde kontrovers diskutiert.
       
 (IMG) Bild: Besucher der russischsprachigen Buchmesse am Bebelplatz in Berlin
       
       Berlin ist in den vergangenen Jahren erneut zum Zentrum der russischen
       Emigration geworden, so wie schon einmal vor 100 Jahren, nach der
       Oktoberrevolution. Es sind Menschenrechtler, politisch Tätige,
       Journalisten, Künstler, Schriftsteller und Verleger, die Russland nun
       verlassen mussten. Zum einen, weil sie nicht in einem Land leben wollten,
       das Krieg gegen seinen Nachbarn führt, zum anderen, [1][weil mit dem Krieg
       auch die Repressionen zugenommen haben].
       
       Schon vergangenes Jahr wurde Berlin zum [2][Schauplatz einer Buchmesse für
       russischsprachige Literatur], und zwar am Bebelplatz, wo die
       Nationalsozialisten einst Bücher verbrannt hatten. Vom 1. bis 3. Mai fand
       die Messe zum zweiten Mal statt – diesmal in einer großräumigen Kunstschule
       für Kinder in der Immanuelkirchstraße in Prenzlauer Berg. Der Name „Berlin
       Bebelplatz“ ist dennoch geblieben. Veranstaltet wurde die Messe von der
       Online-Buchhandlung „Murawei“, unterstützt von zahlreichen Freiwilligen.
       Anders als im Vorjahr war der Eintritt nach vorheriger Registrierung
       kostenlos.
       
       Größer und bunter fiel die Messe in ihrer zweiten Ausgabe aus. In sechs
       Räumen präsentierten Dutzende Verlage ihre Bücher und Zeitschriften. Es gab
       ein dichtes russischsprachiges Programm mit Lesungen, Buchvorstellung und
       Diskussionen. Sachbücher und Lyrik waren ebenso vertreten wie queere
       Romane, Fantasy oder Kinderliteratur. Bücher werden vom Kreml zunehmend
       kriminalisiert, viele der Autoren gelten in Russland als „ausländische
       Agenten“, „Extremisten“ oder gar „Terroristen“.
       
       ## Volle Säle, harte Worte
       
       Bei einigen Veranstaltungen waren so viele Interessierte anwesend, dass sie
       bis dicht gedrängt an die Tür standen, so etwa bei der Vorstellung des
       Buchs „Russischer Cyberpunk. Wie der Kreml und die Oligarchen ein
       ‚digitales Gulag‘ errichten“ des bekannten Investigativjournalisten Andrey
       Zakharov. Auch um [3][die ehemalige politische Gefangene und lesbische
       Künstlerin Sascha Skotschilenko], die für ihren Protest gegen den Krieg
       zweieinhalb Jahre im Gefängnis verbrachte und ihre Erfahrung nun in Form
       von Illustrationen, Comics und Texten verarbeitet, drängten sich die Fans.
       
       Während die Grundstimmung nicht zuletzt wegen der überraschend großen
       Resonanz der Messe positiv war, wurde die Rolle der russischen Kultur im
       Krieg gegen die Ukraine permanent kontrovers diskutiert. Neben russischen
       Autoren waren auch Belarusen und Ukrainer auf der Messe, die auf Russisch
       schreiben, wie etwa der 1968 in Charkiw geborene Dichter Arseny Rovinsky.
       Er studierte in Moskau und lebt seit 1991 in Dänemark.
       
       Bei der Lyriklesung der Zeitschrift Vozdukh (Luft) am Samstag wählte
       Rovinsky vor seinem Auftritt harte Worte. Für ihn sei klar, dass auch die
       russische Kultur Schuld am Krieg trage. „Verbindungen zu Russland
       interessieren mich überhaupt nicht“, sagte er. Die entsprechenden
       Diskussionen, wie man den Draht zu den in Russland Verbliebenen
       aufrechterhalten könne, seien ihm völlig fremd. Wichtig seien ihm hingegen
       die Verbindungen zwischen Ukrainern – zwischen denen, die auf Russisch, und
       denen, die auf Ukrainisch schreiben. Der Krieg hat einen Keil zwischen sie
       getrieben.
       
       ## Sprache als Beute und Brücke
       
       „Wie verhalten sich russische Schriftsteller zur ukrainischen Kultur?“
       Diese Frage des renommierten [4][Osteuropahistorikers Karl Schlögel] wurde
       auf einem Panel am vergangenen Freitagmittag mehrfach gestellt, doch
       niemand wollte sie wirklich beantworten. Das sei eine sehr heikle Frage,
       entgegnete der Moderator, der Analyst Alexander Morozov. Es herrsche ein
       schlechtes Verhältnis zwischen ukrainischen und russischen Autoren, was
       angesichts des Krieges gerecht sei. Schließlich hätten sich die Moskauer in
       der Vergangenheit sehr wenig für die ukrainische Kultur interessiert. Das
       müsse künftig korrigiert werden.
       
       Der schon lange in der Schweiz lebende [5][Schriftsteller Michail
       Schischkin], der 2024 den „Dar“-Preis für russischsprachige Literatur ins
       Leben gerufen hat, betonte, er wolle mit der Auszeichnung nicht weniger als
       „die Würde der russischen Sprache“ bewahren. Russisch werde auch von
       Menschen in der Ukraine gesprochen, sie gehöre nicht dem russischen Regime,
       konstatierte er. Drei der zwölf für den Preis nominierten Autoren kämen aus
       der Ukraine.
       
       Die in der ukrainischen Sowjetrepublik geborene und in Israel lebende
       Schriftstellerin Linor Goralik präsentierte am Samstag ihr Projekt
       „Novosti-26“ (Nachrichten-26) für Jugendliche in Russland. Über den
       Messengerdienst Telegram versorgt sie das Projekt täglich mit Nachrichten
       aus der Lebenswelt der Jugendlichen. Zudem können die Teenager per anonymem
       Chatbot ihre Sorgen teilen. Goralik sagte, sie lebten in einer
       „Schizo-Realität“ zwischen Propaganda und tatsächlichen Ereignissen. Viele
       hätten inzwischen sogar Angst vor Denunziation, wenn sie mit ihren Freunden
       sprechen. Das Projekt soll hier Abhilfe schaffen.
       
       5 May 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Yelizaveta Landenberger
       
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       Bei „Berlin Bebelplatz“ diskutiert die russischsprachige Literaturszene.
       Das Event will dem Verbot von Büchern im heutigen Russland etwas
       entgegensetzen.