# taz.de -- Soldat, Autor, Pazifist: Der Gerechtigkeit wegen
       
       > Gandhi-Übersetzer, Kriegsgegner, Feminist – und derzeit Soldat: Der
       > ukrainische Autor Artem Tschapaj schreibt Kurzgeschichten im Stil von
       > Road Novels.
       
 (IMG) Bild: Bringt die Landstriche in der Ukraine, die Szenen, die Interaktionen, die Menschen maximal nahe: Artem Tschapaj
       
       Nun also ist der überzeugte Pazifist Artem Tschapaj hauptberuflich Soldat.
       
       Mit einem solchen Satz würde der Schriftsteller Artem Tschapaj vielleicht
       eine Kurzgeschichte einleiten, sollte er darüber schreiben, wie sein Leben
       sich seit dem 24. Februar 2022 verändert hat. Dabei ist es einfach nur die
       Beschreibung der Realität: Artem Tschapaj, 44 Jahre alt, geboren in
       Kolomyja/Iwano-Frankiwsk, ukrainischer Schriftsteller, Gandhi-Übersetzer,
       Kriegsgegner, Feminist, Linker, leistet seit knapp vier Jahren [1][Dienst
       in der ukrainischen Armee.]
       
       Bis Mitte 2024 war er an der Front im Einsatz, hat dort Checkpoints bewacht
       und russische Kriegsgefangene beaufsichtigt. Seit eineinhalb Jahren ist er
       zurück in Kyjiw, wo er auch zuvor lebte. Derzeit erledigt er in der
       bitterkalten ukrainischen Hauptstadt Schreibarbeit für die Armee. Oft
       fallen Strom und Heizung aus, Tschapaj und seine Frau harren aktuell bei
       diesen Bedingungen in der Hauptstadt aus, während die beiden gemeinsamen
       Kinder bei ihren Großeltern in der Westukraine sind.
       
       Es ist natürlich nur ein scheinbarer Widerspruch, in diesen Zeiten in der
       Ukraine ein Pazifist in Uniform zu sein. „Es war ja vom ersten Tag der
       russischen Invasion an klar, dass du mit Petitionen oder Hungerstreiks kaum
       etwas wirst ausrichten können gegen Bomben und Marschflugkörper“, sagt
       Tschapaj im Videotelefonat. „Jeder gewaltfreie Widerstand würde dann vor
       dem Hintergrund stattfinden, dass Menschen gequält, gefoltert und getötet
       werden.“ Noch immer sieht Tschapaj die Idee des friedlichen Widerstands und
       Gandhis Prinzip der „Satyagraha“ in vielen Bereichen als Leitlinie für sein
       Leben. Nur [2][der aktuellen Realität,] der halte es eben nicht stand.
       
       ## Weniger Privilegierte werden zuerst eingezogen
       
       Zur Armee hat Tschapaj sich in den ersten Tagen der Vollinvasion freiwillig
       gemeldet, auch aus einem Gerechtigkeitsgedanken heraus: „Mir wurde klar:
       Die wenig privilegierten Leute werden den größten Teil der Last dieses
       Kriegs tragen müssen: Dorfbewohner, Bauarbeiter, Handwerker.“ Sie würden
       zuerst eingezogen und gebraucht, nicht aber der in der Hauptstadt lebende,
       gut situierte Schriftsteller und Büroarbeiter. „Das ist der Moment, in dem
       man sich darüber klar werden muss, was Linkssein heißt und was Werte wie
       Solidarität und Gleichheit bedeuten.“
       
       Artem Tschapaj ist zum Gespräch aus einem Hotel aus den USA zugeschaltet.
       Er ist zu einem internationalen Literaturfestival eingeladen worden,
       erhielt dafür eine Freistellung. Er ist ein offener, kommunikativer Typ,
       große Augen, helle, sportliche Klamotten. Tschapaj, Jahrgang 1981, stammt
       selbst aus einer armen Familie. Seine Eltern arbeiten zwar beide zu
       Sowjetzeiten als Elektroingenieure, „aber mit dem Gehalt einer
       Arbeiterfamilie, wie es in den Sowjetstaaten üblich war“.
       
       Artem Tschapaj besucht das Gymnasium, schließt mit besonderer Auszeichnung
       ab. Mit 16 Jahren geht er als Kadettenschüler an die Akademie des
       ukrainischen Sicherheitsdienstes; auch deshalb, weil seine Eltern ihn
       während seiner Ausbildung finanziell nicht unterstützen können. Zwei Jahre
       später verlässt er diesen wieder. Das „halbautoritäre System“ unter Leonid
       Kutschma, wie er es nennt, habe er nicht stützen wollen.
       
       Tschapaj beginnt 2001 an der Kyjiw-Mohyla-Akademie ein Philosophiestudium,
       schließt es 2008 ab. Zwischendurch trampt er, gemeinsam mit seiner Frau
       Oksana, durch Lateinamerika. Sie überlegen sogar, nach Mexiko zu ziehen,
       einer der beiden Söhne soll später die ukrainische Version des Namens
       Emiliano erhalten, zu Ehren des mexikanischen Revolutionärs Zapata.
       Aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen in Mexiko zieht es das Paar aber
       zurück nach Kyjiw.
       
       Dort schreibt Tschapaj sein erstes Buch, über das Reisen per Anhalter, es
       erscheint 2008. „Ich wollte zeigen, dass man auch als armer Mensch um die
       Welt reisen kann“, sagt er. In der Ukraine sind bis heute zehn Werke von
       ihm erschienen, dort ist er ein berühmter Autor, arbeitet auch als
       Journalist und Übersetzer. Neben Gandhi („Satyagraha in Südafrika“) hat er
       auch Noam Chomsky ins Ukrainische übertragen, [3][mit dem er nach Beginn
       des Angriffskriegs eine heftige Kontroverse hatte.]
       
       ## Ein vorhersehbares, patriarchalisches Ereignis
       
       Zu Beginn der Vollinvasion gehen seine Frau und die beiden Kinder zunächst
       in die Westukraine, dann nach Deutschland, schließlich zurück in die
       Ukraine. Tschapaj entscheidet sich, zur Armee zu gehen. In seinem Buch
       „Ordinary People Don’t Carry Machine Guns: Thoughts on War“, das bald auch
       auf Deutsch erscheinen soll, schreibt er, wie entschlossen er war, für
       dieses Land zu kämpfen und wie hart es war, die Familie zurückzulassen.
       
       Zu der letzten Nacht mit den Kindern vor Kriegsbeginn notiert er: „Bis
       heute macht es mich glücklich, dass meine beiden kleinen Söhne am letzten
       Abend des Friedens in meinen Armen eingeschlafen sind.“ Tschapaj, der sich
       selbst oft als Feminist bezeichnet hat, hadert damit, dass es nun
       „unweigerlich zu dem vorhersehbaren und patriarchalischen Ergebnis“ komme:
       „Eine Frau bleibt zu Hause, um sich um die Kinder zu kümmern.“
       
       Schriftstellerisch hat das Reisen ihn geprägt, auch oder vor allem das
       innerhalb der Ukraine. Der einzige Erzählungsband, der bislang von ihm auf
       Deutsch erschienen ist (unter dem aus dem Englischen übernommenen, im
       Deutschen unglücklich gewählten Titel „Die Ukraine“), ist im Stil von Road
       Novels gehalten. Tschapaj bringt einem die Landstriche in der Ukraine, die
       Szenen, die Interaktionen, die Menschen so nahe, dass man spürt und fühlt,
       was da passiert.
       
       Am Eindrücklichsten zeigt das die Short Story, auf die der Titel
       zurückgeht. „The Ukraine“ heißt die Geschichte, eine Geschichte mit „Bonnie
       und Clyde“-Vibe, die von zwei adoleszenten Liebenden erzählt, deren
       Geschichte verwoben ist mit einer Liebeserklärung an den Alltag in der
       Ukraine. Nachdem die Protagonistin in den USA festgestellt hat, dass manche
       Leute „The Ukraine“ sagen, statt „Ukraine“ (wie es richtig wäre), macht
       sich das Pärchen einen Spaß daraus, zwischen „Ukraine“, dem Land, und „the
       Ukraine, dem Phänomen und der Daseinsform“, zu unterscheiden. 
       
       The Ukraine, das ist zum Beispiel [4][„wahllose, trashige Musik in den
       Überlandbussen,] […] Flachbildfernseher an den schickeren Busbahnhöfen wie
       Dnipro, wo noch schlimmerer Schrott über die Musikkanäle flimmerte,
       dargeboten von ukrainischen Sängern mit latinisierten Künstlernamen wie
       Danilenko, Alekseev, Oleinik oder Maksimova, […] Instantkaffee in
       Plastikbechern und Hotdogs mit Plastikwurst. Ungesunder Bahnhofsfraß wie
       Warenyky mit Kohl oder in Papier eingewickelte Hackfleisch-Burger.“ Alles,
       was billig, kaputt, shady ist, feiern die beiden; sie teilen „eine finstere
       Liebe zu unserem Land“. Auch über der Liebe der beiden liegt ein grauer
       Schleier, alles läuft auf kein gutes Ende hinaus. Nicht in der Ukraine,
       nicht in der Romanze.
       
       ## Begegnung mit russischen Kriegsgefangenen
       
       Tschapaj berichtet im Interview auch von den Begegnungen mit den russischen
       Kriegsgefangenen und den Gesprächen mit ihnen. „Einige jener armen
       Menschen, die Putin als Kanonenfutter einsetzt und die aus ethnischen
       Minderheiten stammen, würde man im Deutschen als Lumpenproletariat
       bezeichnen“, sagt er. „Mit ihnen war es schwer zu kommunizieren, weil sie
       oft nicht so gut Russisch verstehen.“
       
       Er erzählt aber auch von anderen Fällen. Von einem ukrainischen Architekten
       aus Donezk, der zu Zeiten der Besetzung dort geblieben ist, ehe er von der
       russischen Infanterie eingezogen wurde. Ein Ukrainer, der gegen die Ukraine
       kämpft. „Die Begegnung mit ihm hat mir einen weiteren Grund geliefert,
       warum wir gegen die Invasion kämpfen sollten. Denn man versteht, wie die
       Ukraine aussähe, wenn sie – Gott bewahre – jemals besetzt werden würde.
       Jeder könnte zum Beispiel von der Straße weggeholt und ins Gefängnis
       gesteckt werden.“
       
       Viele würden Artem Tschapaj wahrscheinlich als autofiktionalen Autor
       bezeichnen, erzählen doch viele seiner Geschichten aus seiner Biografie.
       Doch ist er wohl eher von der realistischen US-Literatur des 20.
       Jahrhunderts geprägt. In seinen Storys vermisst Artem Tschapaj die Ukraine
       auf literarische Art, leuchtet sie aus, ihm gelingt die Figurenzeichnung
       meisterhaft, der Mensch dahinter zeichnet sich fast immer sehr deutlich ab.
       
       Doch an erster Stelle kommt für Artem Tschapaj derzeit nicht die Literatur,
       sondern das Land. „Denn wenn wir fallen, werden Menschen wie ich einfach
       ausgerottet werden“, sagt er. „Dann wird es keine Schriftsteller mehr
       geben.“
       
       25 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Soldatin-und-Dichterin/!6139162
 (DIR) [2] /Sammelband-ueber-den-Krieg-in-der-Ukraine/!6124811
 (DIR) [3] https://lithub.com/a-ukrainian-translator-of-noam-chomsky-responds-to-his-recent-comments-on-the-russian-invasion/
 (DIR) [4] /Berlinale-Filme-ueber-den-Ukrainekrieg/!5990461
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jens Uthoff
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Juden in der Ukraine
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Politisches Buch
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Ukraine-Verhandlungen in Genf: Keine Einigung in zentralen Fragen
       
       Die Gespräche waren am Mittwoch am zweiten Verhandlungstag nach nur zwei
       Stunden zu Ende gegangen. Die ukrainische Seite spricht dennoch von
       Fortschritten.
       
 (DIR) Roman über Babyn-Jar-Massaker: „Nichts ist ausgedacht, nichts ist übertrieben“
       
       Anatoli Kusnezow hat in den Sechzigern einen großen Dokumentarroman über
       das Massaker von Babyn Jar vorgelegt. Nun erscheint er in neuer
       Übersetzung.
       
 (DIR) Soldatin und Dichterin: Der Eintritt des Kriegs in die Realität der Yaryna Chornohuz
       
       Yaryna Chornohuz ist eine der populärsten Lyrikerinnen der Ukraine und
       kämpft in der Armee. „Poesie hilft mir, bei Verstand zu bleiben“, sagt sie.
       Ein Porträt.
       
 (DIR) Sammelband über den Krieg in der Ukraine: Mehr als eine Generation ist verloren
       
       Der Sammelband „Geteilter Horizont“ leistet eine erschütternde
       Bestandsaufnahme dessen, was der Krieg in der Ukraine – auch geopolitisch –
       anrichtet.