# taz.de -- Wiener Festwochen: Ressourcen abfackeln im Spektakel
       
       > Der Intendant Milo Rau entmaterialisiert das traditionsreiche
       > Theaterfestival der Wiener Festwochen zum Medienhype. Der Kunst bekommt
       > das nicht immer gut.
       
 (IMG) Bild: Milo Rau wird vorgeworfen, Peter Thiel „kulturelles Kapital“ nachgeworfen zu haben. Vorne: die leitende Dramaturgin Sara Abbasi
       
       Der Prediger weiß, wo die Gemeinde der Schuh drückt. Milo Raus „Republic of
       Gods“, der Theaterstaat der diesjährigen Wiener Festwochen, adressiert das
       Unbehagen der meist doch linksliberalen Klientel des Kulturbetriebs an den
       seltsamen Lähmungserscheinungen der liberalen Demokratien und den
       überraschend wiederauflebenden Geltungsansprüchen der Religion angesichts
       des Aufstiegs der Autoritären. Dem gelte es ins Auge zu sehen. Rau weiß im
       Vorabinterview mit einer Wiener Tageszeitung schon, was er sieht: „Das
       globalpolitische Endspiel der Demokratie.“
       
       Mit den traditionellen Mitteln politischer Kritik dagegen anzukämpfen,
       erscheint ihm naiv: „Der globale Mind-Shift ist fast abgeschlossen.“ Wo
       Vernunft nur Glaube ist, wie die „Energie“ des Wunderheilers in der
       Festivaleröffnung oder der Anspruch religiöser Fundamentalisten auf die
       ganze Gesellschaft, implodieren deren Verständigungsmöglichkeiten.
       
       Bleibt nur noch, sich den posthumanistischen Stahlgewittern
       technoreligiöser Dystopien in der Geste des Tragischen zu nähern. Milo Raus
       mediales Meta-Theater changiert zwischen provozierenden, oft
       widersprechenden Einzelbehauptungen. Unbestimmtheit schützt ihn dabei vor
       Angriffsflächen.
       
       ## Peter Thiel ein- und ausgeladen
       
       Das war das Vorspiel für den Coup der Saison, Peter Thiel, den
       Techmilliardär, Demokratiegegner und Proponenten einer religiösen Rechten
       in den USA, der sich bislang hauptsächlich in Privataudienzen mitteilt,
       [1][für ein öffentliches Diskussionspanel ein- und bald darauf auszuladen].
       
       Eine knappe Woche waren alte und neue Medien in der Frage gefangen, ob man
       seine „Philosophie“, die im Wesentlichen als Kompilation von Versatzstücken
       des Kulturanthropologen René Girard, [2][des Staatsrechtlers und
       NS-Apologeten Carl Schmitt] und Motiven des Apostels Paulus beschrieben
       ist, sowie seine Vorbehalte gegen Frauen, freien Wettbewerb und Demokratie,
       seine Vision der Apokalypse und einer Oligarchie von Techeliten und seinen
       – gemessen am kirchlichen Mainstream eher häretischen – Katholizismus mit
       ihm öffentlich diskutieren soll oder nicht.
       
       Ein Ausweg aus dem Doublebind wäre, die Sache vom Kopf auf die Füße zu
       stellen, den Moment zu ermitteln, in dem Quantität in Qualität umschlägt.
       Ab welchem Vermögenswert wird eine bloße Meinung unter Umgehung
       akademischer Usancen zur relevanten Diskursposition? Zu welchem Preis ist
       der Geist bereit zum Kotau vor der Macht?
       
       ## Kulturelles Kapital für Thiel
       
       Milo Rau muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dem Tech-Bro nachgeworfen
       zu haben, was auch Milliardäre (noch) nicht käuflich erwerben können:
       kulturelles Kapital, das Institutionen der Hochkultur durch Reputation
       akkumulieren. Was nach Niederlage aussah, hat für den ironisch
       selbstbezichtigenden „neoliberalen Kulturmanager“ Wahrnehmung und Relevanz
       vielmehr „exponentiell vergrößert“. Es stört auch kein Eigenleben des
       Diskurses die vorgefasste Dramaturgie.
       
       Im dritten Jahr zeigt Raus Intendanz erste Abnutzungen. Zunehmend taucht
       die Frage auf nach der Kernkompetenz des Festivals, Wegweisendes in der
       zeitgenössischen darstellenden Kunst zu produzieren oder einzuladen. Mit
       der Thiel-Affäre und möglicherweise mit seiner in der Wiener Öffentlichkeit
       stark kritisierten Erklärung zum Gaza-Konflikt im vergangenen Jahr mehren
       sich auch im Feld der Kulturpolitik erste Anzeichen von buyer’s remorse.
       
       Vielleicht ist das alles nur ein großes Missverständnis, das am wenigsten
       Rau anzulasten ist. [3][Seine Arbeitsweise kannte man, den performativen
       Selbstwiderspruch, politische Inhalte in künstlerische einzutragen], sie
       aber dort weniger diskursiv zu bearbeiten als in einer antagonistischen
       Dramaturgie, die Affekte maximiert. Rau wurde engagiert, um den Wiener
       Festwochen Reichweite zurückzubringen, die sie mit den Jahren verloren
       hatten. Was vor ihm geschah, ist allerdings weniger der Hand seiner
       Vorgänger geschuldet als dem Strukturwandel im kulturellen Feld.
       
       Am besten ging es den Festwochen, als die Arbeitsteilung des Kulturbetriebs
       noch intakt war. Repertoiretheater spielten den Kanon der gymnasialen
       Oberstufe rauf und runter; Festivalkultur öffnete den Blick auf
       Außenseiter, ästhetische Innovationen und die Gurus der (Post-)Moderne. Rau
       bringt Impact zurück, verteilt aber die Aufmerksamkeitsressourcen von unten
       nach oben. Das nimmt dem Theaterprogramm den Sauerstoff, das zumindest bis
       zur Festivalhälfte auch schwächer aufgestellt ist als die beiden Jahre
       zuvor.
       
       ## Revue zu 75 Jahre Wiener Festwochen
       
       Den Anfang machte Milo Raus „Das beste Stück der Welt“, eine Revue zu 75
       Jahren Festwochen. Der Esprit, den die charmante Marktschreierei im Titel
       versprach, wollte sich nicht einstellen. Es wurde eine brave Aufzählung
       daraus, nach den Kriterien „Schönheit und Skandal“ nostalgisch abgearbeitet
       wie beim Festkommers zum Jubiläum der Freiwilligen Feuerwehr. Zeitzeugen
       bis zurück ins erste Jahr steuerten Authentizität bei.
       
       Zu Romeo Castelluccis Meditation über die Passion des gewöhnlichen Menschen
       flogen Steine gegen ein Jesusbild (Skandal), Luc Bondys „Möwe“ erinnerte an
       Zeiten, in denen das Theater noch geholfen hat (Schönheit) [4][und immer
       wieder Christoph Schlingensief].
       
       Von dessen Containeraktion 2000 vor der Wiener Staatsoper erzählt die
       Aufführung wie Opa vom Krieg. Sie scheint sowieso alles verstanden und ohne
       Folgen verdaut zu haben. Im Theater gibt’s nicht Neues mehr, jedenfalls
       nicht hier, so die implizite Botschaft. Den Verdacht, dass Theater ohne
       Attribut vielleicht doch gelegentlich Zukunft hat, nährt Thorsten Lensings
       gleichsam schwerkraftüberwindende Etüde „Tanzende Idioten“.
       
       Dem Abhaken von Benchmarks diente auch Florentina Holzingers „Pfingstspiel“
       am Ort und zu Ehren (?) Hermann Nitschs im niederösterreichischen Schloss
       Prinzendorf. Noch in Wien schreitet der Heilige Geist nicht in Gestalt
       einer Taube, sondern einer nackten jungen Frau angeseilt die Vertikale
       einer Hochhausmauer herunter. [5][Florentina Holzinger besteigt einen
       ausbrechenden PS-Boliden] als Streitwagen mit sprühender Fackel.
       
       ## Inszenierung von Florentina Holzinger
       
       Ihre Auseinandersetzung mit dem römischen Ritus und den Spuren paganer
       weiblicher Imagination darin war in der Oper „Sancta“ (2024) stringenter.
       Wieder gibt es die bewusste Grenzüberschreitung weiblicher Körper mittels
       schmerz- und adrenalintreibender Body-Suspension. Wie das mit den
       bukolischen Spielformen von Nitsch zusammengeht, bleibt unklar. Nach fünf
       Stunden fügt sich an Körperhaken schwebend das Bild vom „Letzten
       Abendmahl“.
       
       Die Festwochen schichten Ressourcen von der Kunst ins Spektakel um und
       schließen Diskursräume, die sie zu öffnen behaupten. In früheren Zeiten
       sorglos wachsender Budgets wäre es ein Leichtes gewesen, sie in
       Parallelstrukturen wieder zu öffnen. Der aktuellen Schrumpfung des Sektors
       bleibt das verwehrt. Es sind nicht nur die Selbstdarstellungsexzesse einer
       „Knallerbse“ (FAZ) am Werk, sondern Abbrucharbeiten an einer siechen
       bürgerlichen Kultur. So groß kann antibürgerliches Sentiment gar nicht
       sein, dass man nicht manches aus ihr in eine bessere Zukunft mitnehmen
       möchte.
       
       8 Jun 2026
       
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