# taz.de -- Regisseur László Nemes zu „Andor Hirsch“: „Muss man sich der eigenen Gewalt stellen?“
> László Nemes erzählt in seinem neuen Film „Andor Hirsch“ seine eigene
> Familiengeschichte. Er sieht sie stellvertretend für unsere Zivilisation.
(IMG) Bild: Familiengeheimnisse: Andor (Bojtorján Barabas) und seine Mutter Klára ( Andrea Waskovics) in „Andor Hirsch“
Mit „Son of Saul“ wurde László Nemes 2015 zu einer der zentralen Stimmen
des europäischen Autorenkinos. Sein Oscar-prämiertes Debüt über einen
jüdischen Häftling in Auschwitz verband radikale Subjektivität mit einer
physischen, fast unerträglich unmittelbaren Bildsprache. Auch der
Nachfolger [1][„Sunset“ kreiste um die Gewaltgeschichte Europas, verlegt
ins Budapest der untergehenden K.-u.-k.-Monarchie]. Mit „Andor Hirsch“
kehrt Nemes nun erneut nach Ungarn zurück, diesmal jedoch so persönlich wie
nie zuvor. Der Film erzählt von einem jüdischen Jungen im Budapest der
späten 1950er Jahre, dessen Vorstellung vom im Holocaust ermordeten Vater
zerbricht, als plötzlich ein Fremder auftaucht und behauptet, sein
wirklicher Vater zu sein. Aus dem Familiendrama wird eine vielschichtige
Erzählung über Erinnerung und Verdrängung. Ein Gespräch mit dem 49-Jährigen
über transgenerationale Traumata, moralische Ambivalenz und die Frage,
warum Kino vor allem eine menschliche Erfahrung ist.
taz: Herr Nemes, wie Ihre früheren Filme spiegelt „Andor Hirsch“ jüdische
und ungarische Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, ist dabei aber deutlich
persönlicher. Was bedeutet es, die eigene Familiengeschichte zu
verarbeiten?
László Nemes: Es ist die Kindheit meines Vaters, die ich als
Ausgangsmaterial verwendet habe. Viele grundlegende Elemente sind
tatsächlich so geschehen. Ich hatte das Gefühl, dass diese Geschichte die
verschiedenen Schichten des Traumas des 20. Jahrhunderts sehr präzise
bündelt. Ich bin damit aufgewachsen, sie ist auch ein Teil von mir. In
gewisser Weise trägt der Film das Gewicht der europäischen Geschichte des
20. Jahrhunderts in sich. Und wir sind die Erben davon. Wir sind die
lebende Generation, die damit umgehen muss. Und ich bin mir nicht sicher,
ob wir auf einer menschlichen Ebene wirklich begreifen, welche Konsequenzen
unsere eigene Geschichte hat – oder welches Potenzial zu Verdrängung, Bösem
und Antihumanismus in uns steckt.
taz: Hat Ihr Vater über diese Zeit gesprochen?
Nemes: Mein Vater hat darüber gesprochen, aber es war vor allem meine
Großmutter, die mir diese Welt wirklich vermittelt hat. Einige Elemente
musste ich rekonstruieren, insbesondere die grausamsten Erfahrungen, die
sie gemacht hat. Diese Ereignisse haben die Familie seitdem verfolgt, bis
in meine eigene Kindheit hinein.
taz: Hatten Sie Zweifel, sie zum Thema eines Spielfilms zu machen?
Nemes: Man muss immer die richtige Distanz finden, wenn man mit solchem
Material arbeitet. Diese Frage ist zentral und sie spiegelt sich auch im
Film selbst wider. Gleichzeitig ist es eine grundlegende, fast
archetypische Geschichte, die Parallelen zu „Hamlet“ hat: der Geist des
Vaters, der usurpierende König, der alleingelassene Sohn, der mit der
Gewalt der Welt konfrontiert ist. Es geht um die Frage, ob man mit einer
falschen Realität leben kann, um das Verhältnis zur eigenen Vorstellung von
Wahrheit und Täuschung. Und auch darum, wie man mit den eigenen
Schattenseiten umgeht. Kann man die Welt in Gut und Böse aufteilen, oder
muss man sich der eigenen Gewalt stellen? Diese Fragen haben den Film
begleitet.
taz: Wie lange haben Sie sich mit dem Projekt beschäftigt?
Nemes: Etwa sieben Jahre. Es ist schwierig, sich einem solchen Stoff zu
nähern. Als ich acht Jahre alt war, wollte ich „Der Herr der Ringe“
verfilmen. Das hat bekanntlich nicht geklappt. Ich bin schließlich zu
meiner Familiengeschichte zurückgekehrt. Meine Großmutter konnte ihre
Erlebnisse aus den 1920er- und 30er-Jahren sehr lebendig schildern und
später ihre Erfahrungen im Holocaust. Ihr erstes großes Liebesverhältnis,
das sie verloren hat, ihre Zeit im Versteck. Diese Emotionen waren für mich
unmittelbar nachvollziehbar. Ich hatte das Gefühl, ihr etwas schuldig zu
sein. Denn ihre Geschichte geht über das Individuelle hinaus, sie betrifft
unsere gesamte Zivilisation.
taz: Wie hat Sie dieses transgenerationale Trauma geprägt?
Nemes: Sehr stark. Ich musste Filme daraus machen. [2][„Son of Saul“]
entstand auch aus solchen Erfahrungen. Meine Mutter hat mich nicht davor
geschützt, ich wusste schon mit fünf Jahren von den grausamen Details aus
Auschwitz. Viele Menschen haben darüber nicht gesprochen, nicht nur Juden,
sondern alle, die den Krieg erlebt haben. Gewalt, erlittene wie ausgeübte,
wurde verschwiegen. Das 20. Jahrhundert hat eine industrielle Form der
Grausamkeit hervorgebracht, insbesondere gegenüber Zivilisten. Dieses
Trauma ist noch immer in uns. Ich versuche mit meinen Filmen, den Zuschauer
in diese Erfahrung hineinzuziehen. Sie nicht nur von außen zu betrachten,
sondern als etwas Persönliches zu erleben.
taz: Hat die politische Situation Einfluss auf Ihre Arbeit?
Nemes: Der Film ist während Orbáns Regime entstanden, doch
interessanterweise gab es keinerlei Eingriffe in Ungarn, weder beim
Schreiben noch später. Ich hatte völlige Freiheit. Das steht im Kontrast zu
meinen Erfahrungen mit amerikanischen Studios, wo jedes Detail von
Produzenten kommentiert wird. Ich habe zuvor eine Weile versucht, einen
englischsprachigen Film zu machen. Das war ein Albtraum. Es ging nur um
Angst. Ich kann keine Filme auf der Basis von Angst machen. Ironischerweise
hatte man sogar im Sozialismus manchmal mehr Freiheiten als in solchen
Systemen.
taz: Wie haben Sie den visuellen Stil entwickelt? Er wirkt sehr haptisch,
beinahe greifbar.
Nemes: Wir haben analog auf 35 mm gedreht. Meine Inspiration kommt oft aus
der Malerei und aus der Fotografie, etwa von Saul Leiter oder Ernst Haas.
Sie erzeugen eine sehr menschliche Perspektive. Es ist ein fragmentierter
Blick auf die Welt, nicht vollständig. Und das Gegenteil der Illusion, die
digitale Medien erzeugen, dass alles jederzeit verfügbar und vollständig
erfassbar sei. Mich interessiert das reale menschliche Dasein. Zugleich
wollten wir eine dokumentarische Härte mit etwas Magischem verbinden, weil
es die Geschichte aus der Perspektive eines Kindes ist. Die Repression der
Erwachsenenwelt sollte neben Momenten von Zartheit existieren. Auch im
Entwicklungsprozess des Materials haben wir versucht, starke Kontraste zu
schaffen: echte Schwarztöne, echtes Weiß, zugleich aber Farben, die
hervorstechen. Es ist ein fotochemischer Prozess mit einer gewissen
poetischen Überhöhung. Im Schnitt habe ich versucht, eine Wahrnehmung
entstehen zu lassen, die weniger geschlossen, weniger eindeutig ist.
taz: Ihr Film ist auch ein Produkt seiner Zeit, entstanden inmitten eines
rechten und antisemitischen Aufschwungs.
Nemes: Ich hoffe immer auf mehr Empathie. Wir leben in einer Welt, in der
ich eine klare Trennung sehe: zwischen Humanismus und Antihumanismus.
Besonders in digitalen Räumen sehe ich eine starke Tendenz zu Moralismus,
zu schnellen Urteilen, zu einer Aufteilung in Gut und Böse. Das erinnert
mich fast an eine puritanische Weltsicht. Die entscheidende Frage ist für
mich: Was für ein Mensch bist du? Welche Fähigkeit hast du, wirklich
menschlich zu handeln? Und hier kommt das Kino ins Spiel. Wenn ich als
Regisseur genug Raum lasse, wenn ich den Zuschauer nicht bevormunde, dann
kann er Teil des Films werden. Dann entsteht eine gemeinsame Erfahrung,
etwas Zwischenmenschliches. Ich glaube nicht, dass Filme die Welt durch
große politische Aussagen verändern. Aber sie können uns zwingen, uns
selbst zu begegnen. Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort.
12 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Thomas Abeltshauser
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