# taz.de -- Aids-Erinnerungskultur in Berlin: Gedenken ist politisch
       
       > „AIDS Candlelight Memorial“ am 17. Mai: Aktivisten in Berlin kämpfen
       > dafür, dass die erste HIV-Generation nicht in Vergessenheit gerät.
       
 (IMG) Bild: Für Gedenkrituale braucht es Zeit, einen Ort und eine Gemeinschaft
       
       „Sie sind wie die Fliegen gestorben. Wir hatten nie wirklich die Zeit,
       traurig oder wütend zu sein“, erinnert sich Bernard Butler. Der gebürtige
       New Yorker hält kurz inne, als er im Café Ulrichs auf seine Zeit als Teil
       der LGBT-Community während der Aids-Epidemie in den 1980er Jahren zu
       sprechen kommt. Über ihm flimmert rotes Licht aus der meterlangen
       Deckeninstallation einer [1][Aids-Schleife.]
       
       Butler, Initiator und Manager des „AIDS Candlelight Memorial“ in
       Deutschland, erlebte bereits die frühe Aids-Krise in den USA. „Ich habe als
       14-Jähriger 1983 zum ersten Mal gesehen, was die Hölle ist.“ Sein Cousin,
       für ihn ein Vaterersatz, hatte sich geoutet und war selbst an Aids
       erkrankt.
       
       Butler flog ins nördliche Kalifornien, um ihn zu unterstützen, fand sich in
       provisorischen Lazaretten wieder, in denen Sterbende auf einfachen
       Pritschen lagen. „Es gab kaum Hilfe von außen, die Leute mussten sich
       gegenseitig unterstützen“, sagt Bernard Butler.
       
       ## Trauer macht jeder für sich allein
       
       Bevor sein Cousin 1988 starb, hätten die beiden gemeinsam die Grammy Awards
       im Fernsehen geschaut. „Michael Jackson hat [2]['Man in the Mirror]'
       gesungen: ‚If you want to make the world a better place, take a look at
       yourself and make a change.‘ Da hat er mich angesehen und gesagt: Das ist
       dein Lied, das ist deine Aufgabe.“ Diesen Auftrag löst Butler auch im Jahr
       2026 noch ein. Am 17. Mai organisiert er bereits das 15. „AIDS Candlelight
       Memorial“ in Berlin.
       
       „Trauer macht jeder für sich allein, Gedenken ist politisch“, wirft Frank
       Löbbert ein. Der HIV-Aktivist und Jurist engagiert sich auch als
       Mitarbeiter der [3][„Freunde im Krankenhaus“] am St. Joseph Krankenhaus.
       „Am Tag vor dem Welt-Aids-Tag am 1. Dezember haben wir eigentlich immer
       einen Trauerzug auf dem Ku'damm gemacht.“ Die kalte Jahreszeit sei aber für
       ohnehin Erkrankte ungünstig gewesen. Auf Butlers Idee hin hätten sie das
       erste Candlelight Memorial deshalb im späten Frühling geplant.
       
       Ein zentraler Ort der Berliner Erinnerungskultur ist das „Ulrichs“ in der
       Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße, benannt nach dem [4][gleichnamigen Vorkämpfer
       der Lesben- und Schwulenbewegung aus dem 19. Jahrhundert]. „Früher mussten
       Hilfeeinrichtungen für Aids-Betroffene oft Schutzräume mit geschlossenen
       Türen sein. Man wollte nicht gesehen werden, Institutionen wurden mit
       faulen Eiern beworfen“, erzählt Anette Lahn, Ehrenamtsmanagerin und
       psychologische Beraterin im Ulrichs-Gebäude, in dem auch die Berliner
       Aids-Hilfe sitzt.
       
       Man wolle Präsenz zeigen, sich nicht mehr verstecken, so Lahn. Das Café sei
       ein Ankerpunkt für Menschen, die häufig am Rand der Gesellschaft stehen.
       „Wir sind manchmal die besten Gastgeber für Trauerfeiern“, sagt sie mit
       einem Lächeln. „Wenn jemand stirbt, gibt es hier ein Trauerbuch, eine Kerze
       steht auf dem Klavier“, erzählt Löbbert.
       
       ## Das Erbe der ersten Generation
       
       Mit dem Altern der ersten HIV-Generation drohe der Verlust von
       Erfahrungswissen aus der Epidemiezeit, warnt Löbbert. „Viele Aktivisten der
       ersten Stunde sind schon seit Jahrzehnten wegen der Krankheit, gegen die
       sie gekämpft haben, tot.“
       
       Es gehe um Sichtbarkeit für diese Kämpfe. Lange habe Aids als „reine
       Schwulenseuche“ gegolten, so Butler. Doch die Erinnerungskultur lasse die
       betroffenen Frauen, Drogengebrauchenden, Sexarbeiterinnen und migrantischen
       Communitys oft aus. Die jüngere Generation vergesse den ‚Struggle‘, den es
       gebraucht habe, um mit der Aids-Forschung so weit gekommen zu sein.
       
       Seit dem [5][ersten Bericht über das Virus 1981] hat die Medizin enorme
       Fortschritte gemacht. Dank moderner Medikamente kann HIV heute als „U=U“
       (Undetectable = Untransmittable) unter die Nachweisgrenze sinken und ist
       dann nicht mehr übertragbar. Der selbst erkrankte Löbbert betont, dass die
       heutige medizinische Sorglosigkeit ein zweischneidiges Schwert sei. Dank
       der [6][Therapieergebnisse und der Prophylaxe „PrEP“] sei die Angst vor
       tödlichen Folgen einerseits verschwunden.
       
       ## Das Stigma dauert an
       
       Vorurteile gegen HIV gebe es selbst im vergleichsweise aufgeklärten Berlin
       andererseits immer noch, berichtet Löbbert. „In den Dating-Apps ist die
       Diskriminierung teilweise knallhart. Da wird gesagt: Es gibt so viele
       hübsche Prinzen, die negativ sind, warum sollte ich einen positiven
       nehmen?“ So würden HIV-positive Menschen selbst mit erfolgreicher Therapie
       als „Virenschleudern“ bezeichnet, obwohl sie niemanden mehr anstecken
       können.
       
       Butler ergänzt, dass HIV besonders bei Menschen mit Migrationshintergrund
       oft noch als etwas Schmutziges oder „Strafe Gottes“ wahrgenommen werde.
       Viele trauten sich erst zum Test, wenn die Erkrankung bereits weit
       fortgeschritten sei. Die Berliner Aids-Hilfe reagiert darauf mit
       aufklärender Arbeit in Geflüchtetenunterkünften und
       Justizvollzugsanstalten.
       
       ## Gedenken trotz Kürzungen
       
       Die Sorge der Aktivisten gilt jedoch nicht nur dem Virus, sondern auch der
       politischen Lage. „Jede Generation muss neu an die Geschichte von HIV
       herangeführt werden“, fordert Löbbert. Voller Unbehagen blickt er auf die
       Haushaltsplanungen des Senats. Es drohen massive Kürzungen im sozialen
       Bereich, die auch die Berliner Aids-Hilfe treffen könnten.
       
       Das „AIDS Candlelight Memorial“ am 17. Mai soll deshalb mehr sein als eine
       nostalgische Rückschau. So werden etwa die Namen von Verstorbenen verlesen,
       um sie und ihr geteiltes Schicksal sichtbar zu machen. „Ich hoffe, dass die
       Besucher des Memorials danach sagen: Wow, ich hatte ja gar keine Ahnung!“,
       wünscht sich Butler.
       
       14 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://aids-stiftung.de/die-stiftung/rote-schleife/
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=9Q78j0R0818
 (DIR) [3] https://www.berlin-aidshilfe.de/angebote/begegnung/
 (DIR) [4] /Sexualforscher-wird-200-Jahre-alt/!6109430
 (DIR) [5] https://www.aidshilfe.de/de/40-jahre-aids
 (DIR) [6] /Vier-Erfolge-gegen-HIV/!6051874/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pauline Cruse
       
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