# taz.de -- Erinnern an queere Schicksale: Rote Lippen auf weißem Stein
> Zwei Gedenkveranstaltungen auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof zeigen,
> wie queere Erinnerungskultur in Berlin lebendig bleibt.
(IMG) Bild: Am Ende der Eröffnungsfeier der neuen LSBTI*-Gedenkstätte zieren den „Kissing Stone“ aus Kalkstein bereits einige Münder
Musik wird an diesem Tag eine große Rolle spielen. Es hallt in der kleinen
Friedhofskapelle auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof, als ein Geigenspieler
die Anwesenden mit dem ersten vieler Lieder begrüßt. Der 17. Mai ist der
Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie. Heute wird der
Schöneberger Friedhof, ohnehin als Künstler- und Queer-Friedhof bekannt,
Schauplatz zweier Erinnerungsveranstaltungen: Erst weiht die
Schwulenberatung Berlin ihre neue [1][LSBTI*-Grabstätte] am Rand des
Friedhofs ein, wenig später folgt das [2][15. Berliner Aids Candlelight
Memorial]. Es sind zwei Bausteine einer lebendigen und kämpferischen
Erinnerungskultur.
## 11 Uhr: Ein Schutzraum gegen die Einsamkeit
Rund 100 Menschen haben sich an der neu errichteten Südmauer des Kirchhofs
versammelt. „Viele queere Personen werden nach ihrem Coming-out nach wie
vor von ihren Familien verstoßen“, erzählt Marcel de Groot, Geschäftsführer
der Schwulenberatung Berlin. „Es gibt Menschen, die sich freiwillig aus dem
Leben verabschieden und vor ihrem Tod sagen: ‚Mein Leben war schwer genug.
Ich will gar nicht, dass man sich an mich erinnert.‘“ Die neue Stätte soll
auch diesen Menschen einen Ort bieten, um in der Gemeinschaft ihrer
Wahlfamilie ruhen zu können.
Der Kalkstein inmitten der Stätte sei bewusst gewählt, so der
verantwortliche Bildhauer Ulrich Vogl. In den „Kissing Stone“ ziehe das
Fett aus Lippenstiften tief ein. Genau dazu wird nun aufgerufen: Küsse zu
verteilen. Zwei alte Frauen sind die Ersten, die sich vor der Gruppe an den
Kalkstein trauen. Auf ihren Mündern glänzt rote Farbe. Sie halten sich an
den Händen, drücken ihre Lippen erst gegen den weißen Stein, dann
aneinander. Eine von ihnen beginnt zu weinen, als sie sich wieder unter die
Gruppe gesellen.
## 13 Uhr: Ein Versprechen gegen das Vergessen
Der letzte Kussmund ist schon getrocknet, als man sich gegen Mittag in der
Kapelle wiederfindet. Am Eingang liegen kleine Aids-Schleifen aus, viele
haben sie sich an die Brust gepinnt. „Beim ersten Mal waren wir gerade mal
sechs Leute“, erinnert sich Initiator Bernard Butler mit Blick auf die
gefüllten Reihen. Bezirksbürgermeister Jörn Oltmann (Grüne) bedankt sich
bei ihm und den anderen Ehrenamtlichen: [3][„Ihr zeigt seit vielen Jahren,
was menschliches Miteinander wirklich bedeutet.“]
Anette Lahn und Thomas Oh von der Berliner Aids-Hilfe verlesen Namen
derjenigen, die im vergangenen Jahr infolge von mit Aids-verbundenen
Krankheiten verstorben sind. „Der jüngste ist 19 Jahre alt“, sagt Lahn,
bevor sie mit Thomas Oh für jeden Namen eine weiße Rose auf den Altar in
der Mitte der Kapelle legt.
Neben der unlängst verstorbenen Rita Süssmuth wird in diesem Jahr mit der
Schauspielerin Barbara Schöne eine weitere Aids-Aktivistin geehrt. An ihre
Karriere im Showbusiness erinnert ein korallenfarbiges Paillettenshirt, das
Schöne an diesem Tag unter ihrem grauen Anzug trägt. „Solange ich lebe,
werde ich mich für diesen Zweck einsetzen“, sagt sie zu den Anwesenden, die
sich mit Applaus bei ihr bedanken. Schöne ist es auch, die die Gruppe bei
dem Weg zur Aids-Erinnerungsstätte auf dem Kirchhof anführt.
17 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://schwulenberatungberlin.de/angebote/grabstette-fuer-lsbti/
(DIR) [2] https://candlelightmemorial.de/
(DIR) [3] /Aids-Erinnerungskultur-in-Berlin/!6178131
## AUTOREN
(DIR) Pauline Cruse
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