# taz.de -- Gedenkabend in Berlin: Musik für ungedrehte Filme
> Melancholie im „Alten Schweden“: Ein Abend zu Ehren des verstorbenen
> Regisseurs Béla Tarr und des Autors László Krasznahorkai.
(IMG) Bild: Trompete, Posaune, Elektronik, Perkussion und Synthesizer spielten
An einem warmen Sonntagabend stieg ich in die U-Bahn und fuhr von einer
Endstation zur anderen. Der Frühling war endlich zurückgekehrt. Ich spürte
noch den Tag auf meiner Haut, die Sonne im Gesicht, die Erde unter den
Fingernägeln. Gleich sollte ich in eine ganz andere Welt eintauchen. Mein
Ziel war eine Lesung und Musikveranstaltung zu Ehren des 2026 verstorbenen
Filmemachers [1][Béla Tarr] und des im Jahr davor ausgezeichneten
[2][Literaturnobelpreisträgers] László Krasznahorkai.
Wedding, Endstation. Ich ging die wenigen Schritte zur Bar „Alter Schwede“.
Sie war gut gefüllt, als das Stück begann: Trompete, Posaune, Elektronik,
Perkussion und Synthesizer spielten, darüber legte sich die Stimme des
Vorlesers. Mal dunkel und ruhig, mal hoch, beinahe schrill, las er aus
Krasznahorkais [3][„Melancholie des Widerstands“] vor. Ich hörte ihm gerne
zu: „Keiner hatte einen blassen Schimmer, was hier vor sich ging …“ Der
Textausschnitt handelt von einer Sonnenfinsternis, und draußen verschwand
langsam das Licht, so als folge das Draußen der Erzählung hier drinnen. Ich
verlor das Zeitgefühl, glitt in einen tranceartigen Zustand, ließ mich von
Klang und Sprache tragen.
Die Musik griff Motive aus Tarrs „Werckmeisterschen Harmonien“ auf und
bediente sich Krasznahorkais Stilmitteln: Wiederholung, Suggestion,
Variation und Überraschung. So entstand Musik für einen Film, den Béla Tarr
noch hätte drehen können.
„Im Grunde genommen besaß er nichts …“, sprach der Erzähler versunken und
beinahe entrückt, so wie es auch dieübrigen Künstler:innen auf der Bühne
waren. Nur eine hob immer wieder den Blick, lächelte ins Publikum, als
wolle sie eine Verbindung zur Realität aufrechterhalten. Irgendwann knallte
ein Champagnerkorken auf der Bühne. Lachen ertönte. Gläser wurden
herumgereicht. Es wurde angestoßen: „Auf Béla Tarr da oben.“ Ein Moment der
Heiterkeit in diesem Abend voller Melancholie.
„Am Anfang bemerken wir gar nicht, welch außergewöhnlicher Ereignisse
Zeugen wir sind“, das war der letzte Satz, den ich mir notierte. Ich dachte
kurz über seine Bedeutung nach, dann wurde ich weitergetragen und versank
vollends in dem Spektakel.
Als ich später wieder in den U-Bahn-Schacht hinabstieg, fühlte es sich an,
als würde ich in eine weitere Parallelwelt eintauchen. Die Musik und die
Stimme, die mich durch den Abend getragen hatten, fehlten mir nun.
Geblieben war bloß eine Erinnerung: an diese andere Welt, die sich mir kurz
geöffnet hatte.
11 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Rahel Bueb
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