# taz.de -- Liberale Einwanderung: Legalisieren statt dämonisieren
       
       > Während Deutschland sich abschottet, gibt Spanien mehr als 500.000
       > illegalen Einwanderern Papiere. Was lässt sich daraus über
       > Migrationspolitik lernen?
       
 (IMG) Bild: Zwei Migrantinnen aus Ecuador freuen sich über ihren Aufenthaltstitel in Spanien
       
       Die Hoffnung ist neu für Diosnel Fretes. Seit zwei Jahren lebt der
       40-Jährige aus Paraguay gemeinsam mit seiner Frau ohne Papiere in Spanien.
       Beide arbeiten in Madrid. Schwarz. Sie als Haushaltshilfe. Er, der
       studierte Landwirtschaftsingenieur, auf dem Bau. Bisher dominierte die
       Angst, abgeschoben zu werden, ihren Alltag. Doch bald wird ihre rechtliche
       Unsicherheit wohl enden. Das erzählt Diosnel Fretes der taz in einem
       Videocall. Denn die spanische Regierung hat beschlossen, [1][mehr als
       500.000 Menschen], die in der gleichen Situation sind wie die beiden, zu
       legalisieren.
       
       Seit Anfang April läuft die Regularisierungskampagne. Für Fretes und seine
       Frau heißt das ganz konkret: Sie bekommen eine Aufenthaltserlaubnis über
       ein Jahr – mit Aussicht auf Verlängerung. Die beiden erfüllen die
       Bedingungen. Sie haben keinen Eintrag im polizeilichen Führungszeugnis und
       können nachweisen, dass sie bereits fünf Monate vor dem 31. Dezember 2025
       im Land waren. Dafür reichen Rechnungen etwa für Strom oder Telefon, die
       Einschreibung in den Gemeindezensus oder Unterlagen über Arztbesuche. „Wir
       haben alles zusammen“, sagt Diosnel Fretes.
       
       Blickt man aus Deutschland auf Spanien, wirkt das fast surreal. Menschen
       ohne Papieren einfach welche geben? Sie legal arbeiten lassen, sie zur
       Gesellschaft beitragen lassen, anstatt sie abzuschieben? Es sind Ideen, die
       heute selbst in liberaleren Parteien wie der SPD und den Grünen wohl kaum
       noch Anklang finden würden.
       
       Wie kam es zu dieser „Migrationswende“ der anderen Art in Spanien? Und was
       lässt sich von dem Land über eine funktionierende liberale
       Migrationspolitik lernen?
       
       ## Viele Zuwanderer aus Lateinamerika
       
       „An Arbeit hat es uns in Spanien nie gefehlt“, sagt Diosnel Fretes. In
       seiner Heimat war er als Landwirtschaftsingenieur in der Verwaltung tätig.
       Warum er dennoch den Weg nach Spanien wagte? „Wir wollen unserer Tochter
       ein besseres Leben ermöglichen.“
       
       Das Ehepaar schickt Geld nach Hause, wo die 19-Jährige eine Ausbildung zur
       Polizistin macht. „Studierte Polizistin“, sagt Diosnel Fretes stolz. Denn
       sie hat die Aufnahmeprüfung auf die Polizeiakademie geschafft, die direkt
       in den gehobenen Dienst führt. Die Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung und
       das anschließende Studium seien alles andere als billig, erklärt ihr Vater
       seine Entscheidung, aus dem paraguayischen Staatsdienst auszuscheiden und
       in Spanien auf dem Bau als Installateur für Öfen und offene Kamine zu
       arbeiten.
       
       „Doch sobald ich Papiere habe, werde ich versuchen, in meinem Beruf etwas
       zu finden“, sagt er. In einem Land, das ganz Europa mit
       landwirtschaftlichen Produkten beliefert, müsste es doch für einen wie ihn
       Arbeit geben.
       
       Dass Diosnel Fretes jetzt eine Chance auf einen besseren Job bekommt, liegt
       auch an der starken Zivilgesellschaft in Spanien. Jahrelang hatten
       Migrationsorganisationen, Gewerkschaften und soziale Einrichtungen wie die
       Caritas darauf gepocht, Menschen wie ihm endlich einen Aufenthaltsstatus zu
       geben. Sie sammelten mehr als 700.000 Unterschriften für einen
       Gesetzesentwurf zu ihrer Legalisierung.
       
       Das Parlament nahm den Volksgesetzentwurf zur Beratung an, mit den Stimmen
       aller Parteien mit Ausnahme der rechtsextremen Vox. Doch statt auf den
       langwierigen Parlamentsprozess mit unsicherem Ausgang zu warten, hat die
       linke Minderheitsregierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez Ende Januar
       ein Dekret zu ihrer Legalisierung erlassen.
       
       Offiziell werden für das Dekret humanitäre Gründe angeführt. Doch praktisch
       ist es auch ein Zugeständnis an die linksalternative Partei Podemos, die
       nicht Teil der Regierung ist, diese aber im Parlament unterstützt.
       „Rassismus wird mit Rechten beantwortet“, feierte Irene Montero,
       EU-Abgeordnete von Podemos, den Beschluss. Und das gerade „jetzt, wo Trump
       Migranten verfolgt und Tausende von Arbeitern wegen ihrer Hautfarbe, ihres
       Akzents oder ihres Aussehens ausweist“.
       
       Während andere europäische Länder eine knallharte Abschiebepolitik fahren,
       [2][macht es Spanien Migrantinnen und Migranten also leichter]. Und das
       auch aus wirtschaftlichen Gründen. Denn die spanische Wirtschaft – vor
       allem die Tourismusbranche – boomt. 2025 wuchs sie um 2,8 Prozent, doppelt
       so stark wie der Rest der Eurozone. Vor allem in der Gastronomie, auf dem
       Bau, in der Landwirtschaft und bei Haushaltshilfen und häuslicher Pflege
       werden Arbeitskräfte gesucht.
       
       ## Spaniens Rechte protestiert
       
       Auch so ist der jährliche Nettozustrom von rund 600.000 Einwanderern nach
       Spanien zu erklären. Mehr als zwei Drittel stammen wie das Ehepaar aus
       Lateinamerika. Die geteilte Sprache, ein Erbe der spanischen Kolonialzeit,
       erleichtert die Integration.
       
       Doch natürlich [3][gefällt die Politik der durchlässigen Grenzen nicht
       allen] in Spanien. Vor allem nicht der rechtsextremen Partei Vox, die bei
       der letzten Wahl mit 12,4 Prozent drittstärkste Kraft wurde. „500.000
       Illegale! Der Tyrann Sánchez hasst das spanische Volk und möchte es
       austauschen“, sagte Vox-Chef Santiago Abascal. Er würde stattdessen am
       liebsten 8 Millionen Menschen abschieben. Auch, die, die längst Spanier
       sind.
       
       Dass die Mitte der Gesellschaft die Regularisierung trotzdem mitträgt,
       liegt auch daran, dass Spanien schon seit Langem einen anderen
       Migrationskurs praktiziert. Seit Spaniens Rückkehr zur Demokratie Ende der
       1970er Jahre ist es bereits die fünfte massive Regularisierung von
       Einwanderern. Die erste Migrationskampagne einer spanischen Regierung fand
       1986 statt, die letzte 2005. Insgesamt erhielten mehr als eine Million
       Einwanderer Papiere.
       
       „Ob links oder rechts, alle Regierungen haben solche Kampagnen
       durchgeführt“, erklärt Mohamed Haidour. Er ist inzwischen in Rente, war
       zuvor bei der größten Gewerkschaft des Landes für Immigration zuständig.
       Haidour, der 1988 aus Marokko nach Spanien kam, profitierte 1991 von einer
       solchen Legalisierung. Vor seiner Arbeit bei der Gewerkschaft arbeitete er
       „überall, wo ich etwas fand“.
       
       Den derzeitigen Prozess lobt er wegen seiner unbürokratischen Regelungen.
       „Bei früheren Regularisierungen brauchte es einen gültigen Arbeitsvertrag“,
       sagt Haidour. Das habe oft zu mafiösem Handel mit solchen Dokumenten
       geführt. „So mancher Immigrant zahlte Tausende Euro für seine Papiere.“ Die
       jetzige Regelung erlaube es den Immigranten, den Job zu wechseln, wann
       immer sie wollen. Im ersten Jahr mit Papieren müssen sie allerdings
       mindestens sechs Monate bei der Sozialversicherung angemeldet sein, um ihre
       Aufenthaltsgenehmigung dann zu verlängern.
       
       So mancher derer, die wie das Ehepaar Fretes mit einem Touristenvisum ins
       Land kamen und nicht wieder ausreisten, mussten gar nicht auf die massive
       Regularisierung warten. Sie nutzen eine Sonderregelung, die „arbeitsmäßige
       Sesshaftigkeit“. Dazu brauchen sie allerdings jemanden, der ein
       Arbeitsverhältnis von mindestens zwei Jahren bestätigt.
       
       ## Schon vor der Neureglung gab es Möglichkeiten zur Legalisierung
       
       Jeny Campuzano hat so jemanden. Die 32-jährige, die 2022 mit ihrem
       Kleinkind und Mann ebenfalls aus Paraguay kam, pflegt eine alte Frau im
       Rollstuhl. „Der Antrag läuft“, sagt sie. „Wenn er nicht angenommen wird,
       bleibt mir ja immer noch der Regularisierungsprozess.“ Doch ihr Anwalt sei
       zuversichtlich.
       
       In Paraguay betrieb Campuzano mit ihrem Bruder eine Art Copyshop. „Wir
       führten allerlei Arbeiten mit dem Computer aus“, sagt sie. „Doch das Leben
       in Paraguay ist so teuer, dass der Verdienst nur für ein prekäres Leben
       reichte. Mein Mann und ich wollten für den Kleinen ein besseres Leben. Gute
       ärztliche Versorgung, eine gute Schulbildung.“ Deswegen kamen sie nach
       Spanien. Ihr Mann Hernán ist mittlerweile wieder in Paraguay. Mit dem
       Erspartem versucht er dort, eine Existenz aufzubauen, neben Bienenstöcken
       hat er einen Handyladen.
       
       Campuzanos Mutter Edelia Román Viera hingegen ist in Spanien, ebenfalls
       seit vier Jahren. Sie kocht gut, in Paraguay unterhielt sie einen Comedor,
       eine Essensausgabe bei sich in der Wohnung. Zum Leben reichte dies nur
       mäßig. Auf die Frage warum sie nach Spanien kam, weicht die 59-Jährige aus:
       Gewalt, ein ermordeter Sohn, ein Ex-Polizist, Angst. Mehr will die Frau,
       die eine Narbe im Gesicht hat, nicht preisgeben.
       
       Nun arbeitet sie als „Interna“ – als Haushaltshilfe, die bei der Familie
       lebt, die sie angestellt hat. Am Wochenende, wenn sie freihat, wohnt sie
       bei Tochter Jeny in deren Zimmer in einer aus der Not geborenen
       Wohngemeinschaft. Die [4][Mieten in Madrid sind einfach zu hoch], als dass
       Jeny Campuzano sich ein eigenes Apartment leisten könnte.
       
       „Ich habe eine Arbeitsgenehmigung“, sagt Edelia Román Viera. Sie hat einen
       Asylantrag gestellt und darf arbeiten. Dennoch will sie ihre Unterlagen bei
       der Regularisierung präsentieren. Warum? Die Antwort ist so verblüffend wie
       einleuchtend: „Pedro Sánchez wird nicht ewig regieren. Und wenn erst einmal
       die rechtsextreme Vox mit in der Regierung sitzt, weiß ich nicht, was mit
       meinem Asyl geschieht“, sagt sie.
       
       Doch auch der offizielle Aufenthaltsstatus mindert die Gefahr durch die von
       der rechtsextremen Vox propagierten „Remigración“ nicht wirklich. Das
       Konzept hat die Partei von der AfD kopiert. Und sollte Vox mit der
       konservativen Partido Popular in Spanien an die Macht kommen, wie es
       Umfragen für 2027 vorhersagen, könnte sie versuchen, Millionen von Menschen
       den Aufenthaltsstatus entziehen.
       
       Edelia Román Viera weiß um diese Gefahr. Deshalb hat sie als Fernziel wie
       ihre Tochter und das Ehepaar Fretes die spanische Staatsangehörigkeit.
       Statt der sonst üblichen zehn Jahre kann diese von Einwanderern aus
       Lateinamerika bereits nach zwei Jahren mit gültiger Aufenthaltsgenehmigung
       beantragt werden. Die Regularisierung ist der erste Schritt.
       
       3 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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