# taz.de -- Wasserbüffel in Deutschland: Die Rückkehr der sanften Riesen
       
       > Für die Wiedervernässung von Mooren braucht es Angebote. Wasserbüffel in
       > Brandenburg erzählen von einer Zukunft, die schwer und erstaunlich
       > beweglich wirkt.
       
 (IMG) Bild: Die Zukunft Brandenburgs mit den sanften Riesen
       
       Fünf Grad, die sich anfühlen wie minus fünf, ein Wind, der nicht weht,
       sondern schneidet, und Nieselregen: Der Spaziergang zur Winterweide der
       [1][Wasserbüffel] nördlich von Oranienburg im Brandenburger Landkreis
       Oberhavel beginnt unter Bedingungen, bei denen man sich fragt, ob nicht
       alle Tiere Anspruch auf Zentralheizung haben sollten. Der Weg führt vorbei
       an kahlen Bäumen, über matschige Pfade, bis sich schließlich eine offene
       Wiese auftut – und dort stehen sie: zwanzig schwarze Körper, dampfend im
       Grau des Vormittags.
       
       Hier sind sie also im Winter, erklärt der Landwirt Nils Fischer, der in
       dieser Niederungslandschaft wirtschaftet. Das Moor am Möllmer See, ihre
       sommerliche Residenz, war in diesem eisigen Winter zu tückisch – Büffel und
       Büffelkühe, die einbrechen, will anschließend niemand verarzten. Jetzt gilt
       es nur noch ein paar Tage abzuwarten, dass mensch nicht bis zum Bauch
       versinkt, wenn sie oder er einen Zaun reparieren muss. Also Winterweide
       statt Moor, Sicherheit statt Abenteuer.
       
       Doch plötzlich geraten sie in Bewegung, als hätte jemand einen unhörbaren
       Startschuss abgefeuert. Mit überraschender Geschwindigkeit fegen sie übers
       Gras, als wollten sie den menschlichen Besucher*innen zeigen, dass
       Masse und Eleganz keine Gegensätze sind.
       
       Ihre Köpfe sind das eigentlich Spektakuläre: mächtig, fast skulptural,
       gekrönt von Hörnern, die sich in selbstbewussten Bögen himmelwärts drehen.
       Versteht sich von selbst, dass diese Tiere seit Jahrtausenden Mythen
       bevölkern. Und doch, sagt Fischer, seien sie erstaunlich sanft und
       verständig. Viel zahmer als herkömmliche Rinder.
       
       ## Wie eine WG ohne Putzplan
       
       Er erzählt von den Anfangsjahren, als die Herde nur aus Färsen, also
       Jungkühen, bestand – eine WG ohne Putzplan gewissermaßen. Dann kam sie:
       eine fünfzehn Jahre alte Leitkuh, zugekauft, erfahren, souverän. Innerhalb
       kürzester Zeit sei Ruhe eingekehrt. Nur eine Färse habe das anders gesehen.
       Drei Tage lang, berichtet Fischer mit trockenem Humor, sei sie in eine Art
       Depression verfallen – offenbar hatte sie sich Chancen auf den
       Chefinnenposten ausgerechnet.
       
       Der Sprung von der Wiese ins Oranienwerk, eine ehemalige Fabrik zehn
       Kilometer entfernt, wo kurz darauf eine Wasserbüffel-Tagung stattfindet,
       könnte kaum größer sein, und doch gehört beides zusammen. Brandenburg,
       erfährt mensch bei Kaffee, ist mit 260.000 Hektar eines der moorreichsten
       Bundesländer – und genau diese Flächen sind es, in denen die Büffel
       glänzen.
       
       Zu DDR-Zeiten wurden die Moore entwässert, um die großflächige,
       maschinengetriebene Landwirtschaft der LPGs möglich zu machen. Heute ist
       klar: Trockengelegte Moore setzen enorme Mengen CO2 frei, nasse dagegen
       binden den Kohlenstoff.
       
       Und genau hier beginnt der Konflikt. Die [2][Wiedervernässung] stößt nicht
       überall auf Begeisterung, insbesondere bei Landwirt*innen, deren berufliche
       Sozialisation noch stark von der DDR geprägt ist. Projekte wie „Blaues Moor
       Brandenburg“ setzen deshalb nicht auf Verzicht, sondern auf ein Angebot:
       Wie lässt sich auf nassen, matschigen Flächen wirtschaften? Wasserbüffel
       lieben Moore. Wo andere Nutztiere einsinken oder Maschinen untergluckern,
       bleiben sie gelassen.
       
       Die schönen Tiere sind eine Art Friedensangebot. Schwer, ruhig, umgänglich
       – und ziemlich überzeugend darin, dass sich auch noch im tiefsten Morast
       Geld verdienen lässt. Und das nicht nur, [3][weil sie gut aussehen].
       
       ## Ökolandwirte mit Perlen im Bart
       
       So kommt es, dass auf der Tagung Menschen aufeinandertreffen, die sonst
       selten gemeinsam in einem Raum stehen: Ökolandwirtinnen mit Rastas und
       -wirte mit Holzperlen im Bart neben Wissenschaftler*innen, Köch*innen und
       Metzger*innen. Letztere geraten ins Schwärmen, wenn es ums
       Wasserbüffelfleisch geht – ungleich magerer als Rind (1,5 statt 19 Prozent
       Fett), deutlich cholesterinärmer (35 statt 80 Milligramm). Also wird
       verkostet: würzige Knacker, später ein Gulasch mit Oliven, so gut, dass
       selbst eingefleischte Flexitarier*innen ins Grübeln geraten. Nur der
       Büffelmozzarella fehlt leider, denn Milchwirtschaft funktioniert nun mal
       nicht im Moor.
       
       Und dann ist da noch die Frage der Herkunft. Wasserbüffel als
       „Migrant*innen“ auf brandenburgischen Nasswiesen – ein gern bemühter
       Einwand. Doch Jannik Luk Heckel, Experte von der Universität Hohenheim,
       rückt das zurecht: Bis vor etwa 11.000 Jahren gab es Büffel in ganz Europa,
       alle miteinander verwandt. Noch sind es rund 10.000 Tiere in Deutschland,
       doch die Zahl wächst.
       
       Vielleicht liegt genau darin die Pointe. Denn während der Klimawandel für
       viele noch abstrakt bleibt, ist er für die vermeintlich konservativen
       Landwirt*innen längst Alltag. Entsprechend offen und neugierig wirkt das
       Publikum in Oranienburg. Und draußen, auf der Wiese, stehen sie immer noch,
       die schwarzen, sanften Riesen. Sie wirken zugleich archaisch und
       erstaunlich zeitgemäß – als hätten sie schon lange gewusst, wohin die Reise
       geht. Brandenburg jedenfalls steht ihnen gut. Und sie ihm auch.
       
       6 Apr 2026
       
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 (DIR) Susanne Messmer
       
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