# taz.de -- Ausbau der Stromtrasse Südwestlink: Streit um neue Strommasten als Alternative zu Erdkabeln
> Wirtschaftsministerin Reiche (CDU) will, dass neue Starkstromleitungen
> statt unter der Erde überirdisch verlegt werden. Dagegen regt sich
> Widerstand.
(IMG) Bild: Nicht überall sind die Menschen von neuen Stromtrassen begeistert: Proteste gegen den Baustart des Projekts SüdLink in Oerlenbach
Ein alter Konflikt kehrt zurück. Soll eine große Starkstromleitung mit
hohen Masten gebaut werden, oder wäre es besser, dass die Kabel
unterirdisch verlaufen? [1][Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche
(CDU)] bevorzugt die Masten-Variante. Dagegen plädiert unter anderem die
niedersächsische Landesregierung dafür, die Kabel unter die Erde zu
verlegen.
Es geht um die neue Leitung Südwestlink, die ab Mitte der 2030er Jahre
Windenergie als Gleichstrom transportieren soll. Der genaue Korridor steht
zwar noch nicht fest. Die Trasse soll aber bei Sahms östlich von Hamburg
beginnen und Niedersachsen von Nord nach Süd durchqueren, dabei Hannover
und Göttingen passieren. Der weitere Verlauf führt durch Hessen bis zu zwei
Endpunkten: Einer liegt in Baden-Württemberg südwestlich von Stuttgart, der
andere im nördlichen Bayern bei Triefenstein zwischen Aschaffenburg und
Würzburg.
Laut Bundesregierung ist die zusätzliche Stromtrasse nötig, damit mehr
Windstrom von der Nordsee und aus Schleswig-Holstein in die
Industriegebiete Süddeutschlands fließen kann. Um die Planung zu
ermöglichen, will das Wirtschaftsministerium nun das sogenannte
Bundesbedarfsplangesetz ändern und dabei den Vorrang für Erdkabel in
bestimmten Fällen aufgeben.
Die Frage Masten oder Erdkabel [2][wurde vor rund zehn Jahren bereits
diskutiert] und entschieden – zugunsten der unterirdischen Variante. Denn
gegen ähnliche Leitungen wie die jetzt geplante Trasse gab es damals viele
Proteste. Zum Beispiel im Süden Niedersachsens wehrten sich
Bürgerinitiativen gegen die bis zu 70 Meter hohen Masten, an denen die
zusätzlichen Starkstromkabel aufgehängt werden sollten.
## Sind Masten wirklich billiger?
Ergebnis: Die Politik beschloss, vier neue, große Nord-Süd-Leitungen mehr
oder weniger unter die Erde zu verlegen. Dadurch verebbte die Gegenwehr.
Die vier damals umstrittenen Stränge sind nun im Bau, teils fertig – und
von der aktuellen Gesetzesänderung nicht betroffen.
Die beabsichtigte Änderung beim Südwestlink begründet das
Wirtschaftsministerium jetzt vor allem damit, dass die sogenannten
Freileitungen an Masten deutlich billiger seien als die unterirdischen
Kabelstränge. Im ersten Fall falle „etwa die Hälfte der Kosten“ weg, heißt
es im Gesetzentwurf. Tim Meyerjürgens, Chef des Netzbetreibers Tennet
Germany, bestätigt das: „Milliarden Euro lassen sich einsparen, was sich
kostendämpfend auf die Netzentgelte auswirkt und dadurch die Stromkunden
entlasten kann.“
[3][Christian Meyer, grüner Minister für Umwelt und Energie in
Niedersachsen], bezweifelt das jedoch: „Das Kostenargument rechnet sich der
Bund schön.“ Er weist darauf hin, dass es nicht nur um die unmittelbaren
Aufwendungen für den Bau gehe. Ein anderer Faktor, der zu Verzögerungen und
höheren Kosten führen könne, sei Gegenwehr. „Wenn wieder
Hochspannungsmasten errichtet werden sollen, rechnen wir mit massiven
Protesten von Bürger:innen“, sagt der Grüne, „und auch Kommunen werden sich
wehren“.
Dass es so kommt, ist nicht unwahrscheinlich. Klageberechtigte Verbände wie
der Bund für Umwelt und Naturschutz, Greenpeace und die Deutsche
Umwelthilfe plädieren ebenso für Erdkabel wie die Landesregierung aus SPD
und Grünen in Hannover. Und selbst unter den vier Netzbetreibern, die die
Nord-Süd-Trassen bauen, ist die Einschätzung nicht einhellig. „Akzeptanz
ist ein zentraler Kostenfaktor“, warnt Hendrik Neumann, Manager des
Unternehmens Amprion. Erdkabelverbindungen seien „schnell und konfliktarm
zu realisieren“.
## Fachleute uneins
Neben Gegenwehr kann auch zu Zeitverlusten führen, dass bereits geleistete
Planungsarbeiten für Erdkabel zugunsten der Masten-Variante über den Haufen
geworfen werden. „Wenn sich der Trassenverlauf des Südwestlinks infolge des
Gesetzentwurfs ändern muss, wird es zu Umplanungen und möglicherweise auch
einer späteren Inbetriebnahme kommen“, schätzt Fiete Wulff, Sprecher der
Bundesnetzagentur, der Genehmigungs- und Regulierungsbehörde.
Anderseits sagt Tennet-Chef Meyerjürgens: „Ein möglicher Mehraufwand bei
der Umplanung wird durch deutlich schnellere Bauzeiten kompensiert.“
Projekte wie der Südwestlink blieben damit im Zeitplan, auch als
Freileitung.
Die Fachleute sind also uneins. So scheint immerhin das Risiko zu bestehen,
dass der Südwestlink mit Masten im Vergleich zur ursprünglichen Planung
später fertig wird. Käme es so, bedeutete das einen erheblichen Nachteil
für die hiesige Stromversorgung. Haben doch die neuen Nord-Süd-Leitungen
den Sinn, möglichst schnell dafür zu sorgen, dass sämtliche im Norden
hergestellte Elektrizität auch die Verbraucher im Süden erreicht.
Heute müssen Windparks immer wieder abgeregelt werden: Energiemengen werden
sozusagen weggeworfen, die Betreiber dafür entschädigt. Diese
Milliarden-Euro-Kosten, die letztlich die Stromkunden zahlen, könnten
vermieden werden. Auch dieser Faktor ist in die Rechnung einzubeziehen. Und
seit dem tagelangen Ausfall in der Berliner Stromversorgung im vergangenen
Winter kommt noch ein Aspekt hinzu: Terror. Überirdische Anlagen sind
leichter zu attackieren, allerdings auch leichter zu reparieren als
verbuddelte Starkstromtechnik.
12 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Transformation-und-Waermegewinnung/!6173769
(DIR) [2] /Stromtrassen-ueber-Land-oder-verbuddeln/!5469875
(DIR) [3] /Christian-Meyer/!t5012247
## AUTOREN
(DIR) Hannes Koch
## TAGS
(DIR) Stromnetz
(DIR) Strom
(DIR) Katherina Reiche
(DIR) Christian Meyer
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Ökostrom
(DIR) Energiewende in Gefahr
(DIR) Kritische Infrastruktur
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Erneuerbare Energien: Engpässe im Stromnetz nicht mehr ganz so teuer
Ein Grund war das schwache Windjahr 2025. Zugleich müssen immer mehr
Photovoltaikanlagen zeitweise abgeschaltet werden.
(DIR) Ausbau der Erneuerbaren in Gefahr: Reiche forciert Pläne für Energiewende-Reform
Die Ministerin gibt die Entwürfe für zwei umstrittene Vorhaben ans
Kanzleramt weiter. Erneuerbaren-Branche und Grüne fürchten eine
Ausbaubremse.
(DIR) Das neue Kritis-Dachgesetz: Schutz vor Sabotage
Der Bundestag hat ein neues Gesetz verabschiedet, um kritische
Infrastruktur zu schützen. Wie effektiv das Gesetz sein wird, ist
umstritten.