# taz.de -- Trasse für die Energiewende: Gebaut wird überall gleichzeitig
       
       > Die Nord-Süd-Verbindungen sind das Kernstück des Stromnetzausbaus in
       > Deutschland und nicht einfach mal schnell verlegt. Ein Besuch auf den
       > Baustellen.
       
 (IMG) Bild: Tunneldurchstich: Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Günther (CDU, l.) und Niedersachsens Energieminister Meyer (Grüne, r.)
       
       In Sichtweite der Baustelle steht das [1][Atomkraftwerk Brokdorf], die
       Reaktorkuppel ist unverkennbar. Es ist die alte Welt, wenn man so will. An
       der neuen Welt wird an diesem Frühsommertag noch gearbeitet.
       
       Auf einer Fläche von gut sieben Hektar hat der Übertragungsnetzbetreiber
       Tennet inmitten der Felder der Gemeinde Wewelsfleth eine Baustelle
       errichtet für eines der größten Sonderbauwerke der Stromtrasse SuedLink.
       Diese soll ab Ende 2028 Windstrom aus dem Norden nach Süddeutschland
       bringen, oder auch gelegentlich Solarstrom in die Gegenrichtung.
       
       Über Stahltreppen geht es in die Baugrube hinunter bis 21 Meter unterhalb
       der Ackerkrume der Wilstermarsch. Durch ein Tunnelportal fahren
       Baumaschinen in den Untergrund ein, wo sich die 190 Meter lange
       Tunnelvortriebsmaschine „Elsa“ seit Februar 2025 rund um die Uhr durch
       Lehm, Sand, Kies und Torf frisst. Hinter ihrem Bohrschild kleidet sie das
       Loch mit insgesamt 24.000 Tübbingen aus, vorgefertigten Betonsegmenten.
       
       So ist inzwischen ein 5,2 Kilometer langer Tunnel unter der Elbe
       entstanden, 4 Meter im Durchmesser. Ende Juni erreichte die Bohrmaschine
       ihr Ziel in Wischhafen auf der anderen Elbseite in Niedersachsen, am Montag
       feierten Politiker der beiden beteiligten Bundesländer den symbolischen
       Tunneldurchschlag.
       
       ## Unter der Elbe hindurch
       
       Das Bauwerk wurde auf den Namen ElbX getauft. Sechs Stromkabel, jedes 15
       Zentimeter dick, werden darin den Fluss unterqueren als Teil von
       [2][Deutschlands größter Stromtrasse]. Sie soll künftig zweimal 2.000
       Megawatt von der Nordsee nach Süddeutschland bringen. „Der Bau von SuedLink
       ist entscheidend für den Erfolg der Energiewende“, sagt Tim Meyerjürgens,
       Geschäftsführer von Tennet. Dafür sind 10 Milliarden Euro veranschlagt.
       
       Von Wischhafen werden die Kabel komplett unterirdisch in den Süden der
       Republik geführt. Dafür muss eine Schneise von 40 Metern geschlagen werden;
       später bleibt davon ein 16 bis 20 Meter breiter Streifen, auf dem kein Bau
       entstehen und kein Baum wachsen darf. Landwirtschaft immerhin wird hier
       nach Fertigstellung wieder möglich sein, denn die Kabel liegen mindestens
       anderthalb Meter unter der Oberfläche.
       
       Ursprünglich hatte die Politik Freileitungen vorgesehen, doch [3][die
       Gemeinden wehrten sich gegen die „Monstertrassen“]. 2015 verbannte der
       Gesetzgeber SuedLink komplett unter die Erde. So erkaufte man sich die
       Akzeptanz teuer – Freileitungen hätten nur ein Drittel gekostet, bei
       technischen Defekten wären sie schneller zu reparieren gewesen.
       
       ## AKW-Standorte mit neuer Funktion
       
       Doch die Entscheidung ist Geschichte. In Wewelsfleth hat Tennet ein
       [4][Besucherzentrum] aufgebaut. Hier werden Gruppen empfangen, die von
       einer Aussichtsplattform über die Baustelle blicken können. Rund um die Uhr
       wird dort gearbeitet. Nahe dem Zentrum steht ein Betonring, ein 1:1-Modell
       des Tunnels mit montierten Kabelstücken. Daneben Schilder, die in
       verschiedene Richtungen weisen. Auf einem steht: „680 Kilometer
       Netzverknüpfungspunkt Großgartach“.
       
       Großgartach liegt in Baden-Württemberg bei Heilbronn. Dort wird eine der
       beiden SuedLink-Trassen den Anschluss an das Höchstspannungsnetz finden.
       Nicht weit entfernt ist der einstige [5][Atomstandort Neckarwestheim]. Die
       andere SuedLink-Trasse zweigt in Unterfranken ab und endet am
       Verknüpfungspunkt Bergrheinfeld bei Schweinfurt. In der Nähe liegt hier
       wiederum der AKW-Standort Grafenrheinfeld. So gibt die bestehende
       Netzstruktur die Anschlusspunkte vor.
       
       Vor Ort empfängt die EnBW-Tochter TransnetBW, die das Projekt SuedLink
       zusammen mit Tennet baut. Vom Dach eines Betriebsgebäudes kann man auf die
       beiden bereits fertiggestellten Konverterhallen blicken. Die braucht man,
       wenn man auf HGÜ setzt – auf die [6][Hochspannungsgleichstromübertragung].
       Damit gebe es nur halb so viel Verluste wie im klassischen Drehstromnetz,
       erklärt Sebastian Gehring, Betriebsingenieur von TransnetBW. Über die rund
       700 Kilometer von SuedLink liege der Gesamtverlust im niedrigen
       einstelligen Prozentbereich. Der Unterschied: Die HGÜ-Kabel sind quasi
       Stromautobahnen ohne eine Abfahrt unterwegs, bei Wechselstromleitungen kann
       man mittels eines Umspannwerks auch unterwegs problemlos Strom abzapfen.
       
       ## SuedLink ist keine Einbahnstraße
       
       SuedLink wird Windstrom in den Süden bringen – heißt es immer. Das dürfte
       auch die häufigere Variante sein, aber natürlich ist SuedLink keine
       Einbahnstraße. „Im Sekundenbereich“ lasse sich die Richtung des Lastflusses
       auf der Trasse aus technischer Sicht wechseln, sagt Ingenieur Gehring. In
       der Praxis wird man allerdings abrupte Veränderungen im System meiden und
       eher binnen Minuten schalten, weil ein harter Eingriff alle anderen
       Stromflüsse im Netz beeinflussen kann.
       
       In Großgartach fällt neben der Umspannanlage der Förderturm eines
       Salzbergwerks auf. Auch die vorhandenen Stollen tangierten die Trasse von
       SuedLink: 16 Kilometer der Kabel mussten in 200 Metern Tiefe durch das
       Bergwerk geführt werden. Es ist – neben der Elbe – das zweite große
       Sonderbauwerk im Trassenverlauf.
       
       Dagegen hatte TransnetBW in Oedheim am Kocher nur ein kleineres Projekt zu
       bewältigen: Weil man in einen Weinberg ansonsten hätte eine lange Schneise
       schlagen müssen – keine gute Idee in wertvollen Lagen –, unterquerte man
       den Rebhang per Horizontalbohrung von gut 900 Metern Länge. So ist das
       eben: Wer eine Trasse einmal durch ganz Deutschland führen will, hat viele
       Einzelprobleme zu lösen.
       
       ## Projekt Ultranet
       
       Einfacher hat es TransnetBW in dieser Hinsicht beim Projekt Ultranet – das
       ist eine zweite HGÜ-Verbindung, die künftig aus dem Norden in
       Baden-Württemberg ankommen wird. Sie verläuft als Freileitung, die
       Leiterseile können komplett auf bestehenden Hochspannungsmasten geführt
       werden.
       
       Bereits Ende 2026 soll hier der erste Strom fließen und wieder soll es vor
       allem Windstrom sein. Von Emden an der Nordsee werden über den sogenannten
       Korridor A HGÜ-Erdkabel nach Meerbusch-Osterrath in Nordrhein-Westfalen
       geführt. Dort beginnt dann Ultranet und endet nach 340 Kilometern im
       nordbadischen Philippsburg – natürlich ebenfalls an einem früheren
       AKW-Standort. Zwei Leitersysteme mit einer Kapazität von zusammen 2.000
       Megawatt werden dort ankommen, das ist etwa die Leistung, die einst die
       beiden Atomreaktoren hatten. Zufall ist das nicht, die bestehende
       Infrastruktur gibt die Dimensionierung vor.
       
       Die Konverterhallen in Philippsburg wurden auf der Fläche der einstigen
       Kühltürme gebaut, die frühzeitig weichen mussten. So konnten die
       elektrischen Anlagen schon 2024 in den sogenannten Statcom-Betrieb gehen.
       Das heißt: Die Konverter stellen dem Netz bereits vor Inbetriebnahme der
       HGÜ-Verbindung Systemdienstleistungen bereit. Zum Beispiel muss Blindstrom
       kompensiert werden, das ist ein physikalisches Phänomen in
       Wechselstromnetzen.
       
       ## Geschichtsträchtiges Unterfangen
       
       Ortstermin in Mannheim-Neckarau. Dort hat die LTB Leitungsbau ihren Sitz.
       Zu ihren Vorgängerunternehmen zählte auch der Elektrotechnikkonzern Brown,
       Boveri & Cie, später ABB. „Unsere Vorgängerunternehmen haben nahezu ein
       Drittel der deutschen Stromleitungen gebaut“, sagt LTB-Manager Sven
       Behrend, während er zu einem Hochspannungsmast am Mannheimer Rangierbahnhof
       führt. 98 Masten hat die 42 Kilometer lange Ultranet-Strecke in
       Baden-Württemberg insgesamt. Ein Hubsteiger erlaubt eine Fahrt zur Spitze
       des Mastes.
       
       In 67 Meter Höhe eröffnet sich der Blick über den Rangierbahnhof, der auch
       wieder eine Herausforderung barg – er liegt unterhalb der Leitungstrasse.
       Das Bauen von Infrastruktur in dicht besiedelten Regionen ist komplex: „Wir
       mussten bis zu 27 Meter hohe Schutzgerüste innerhalb der Gleisanlagen
       errichten, um den Bahnverkehr auch während der Arbeiten zu gewährleisten“,
       sagt Klaus Kaufmann, Projektleiter Leitungsbau Netzprojekte bei TransnetBW.
       
       Von hier oben zeigt sich auch ein historischer Energiestandort in seiner
       ganzen Ausdehnung. In Mannheim-Rheinau führt seit 1926 die Nord-Süd-Leitung
       vorbei, die erste 220-kV-Leitung Europas. Sie verbindet das Rheinische
       Kohlerevier mit der Wasserkraft Vorarlbergs. Ein Projekt, das damals
       mindestens so revolutionär war wie heute SuedLink mit seiner HGÜ-Technik.
       Nicht weit entfernt befindet sich das Großkraftwerk Mannheim. Es ging 1921
       in Betrieb und ist bis heute das größte Kohlekraftwerk Baden-Württembergs.
       
       Abermals liegen hier also die beiden Welten eng beieinander – die alte
       Welt, diesmal in Form der Kohle, und die neue Welt des erneuerbaren Stroms.
       Derweil werden auf dem Hochspannungsmast gerade die 32 Millimeter dicken
       Leiterseile aus stahlverstärktem Aluminium montiert – auf dass möglichst
       viel Windstrom von der Küste künftig den Südwesten erreichen möge.
       
       19 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [3] /Irgendwas-ist-immer-schlimm/!5587577&s=suedlink+monstertrassen/
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 (DIR) [5] /Streit-um-Atomkraft/!6077411
 (DIR) [6] https://de.wikipedia.org/wiki/Hochspannungs-Gleichstrom-%C3%9Cbertragung
       
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