# taz.de -- Standorte für Musterungszentren stehen: Bundeswehr mustert in der Shoppingmeile
       
       > Weil Musterung zur Pflicht wird, bekommen Hamburg und weitere Städte
       > eigene Bundeswehr-„Karriere-Center“. Linke warnt vor Überrumpelung junger
       > Leute.
       
 (IMG) Bild: Rekruten bei der Schießausbildung bei der Bundeswehr: Aufbau der Musterungsorganisation soll bis zum 1. Juli 2027 erfolgen
       
       Noch keine Wehrpflicht, [1][aber eine Musterungspflicht] hat der Bundestag
       bekanntlich beschlossen. Um rund 300.000 junge Männer im Jahr [2][dieser
       Prozedur] unterziehen zu können, hat das Verteidigungsministerium nun
       Standorte für [3][24 Musterungszentren] festgelegt. In Norddeutschland soll
       in Schwerin, Kiel, Hamburg, Braunschweig und Oldenburg je ein Zentrum
       entstehen. Und pro [4][„Karriere-Center“] sollen 50 zivile Dienstposten
       geschaffen werden, darunter für Ärzte, Psychologen und medizinisches
       Personal.
       
       Um die Musterungen an gut erreichbaren Orten durchzuführen, werden auch
       Gebäude angemietet. In Oldenburg zum Beispiel soll laut NDR die Bundeswehr
       in mehrere Stockwerke einer früheren C&A-Filiale ziehen. In Hamburg, wo das
       ehemalige Kreiswehrersatzamt 2012 nahe der Alster nach Aussetzung der
       Wehrpflicht geschlossen wurde, ist das Landeskommando auf der Suche nach
       attraktiven Räumen in der Innenstadt, wie ein Sprecher mitteilt. Bislang
       müssen die Hamburger Bewerber für die gesundheitliche Untersuchung nach
       Kiel oder Hannover fahren.
       
       Der Hamburger CDU-Abgeordnete Ralf Niedmers begrüßt, dass mit Hamburg nun
       auch die zweitgrößte Stadt Deutschland zu den Musterungsstandorten gehört.
       „Damit wird die Präsenz der Bundeswehr in Norddeutschland gestärkt.“
       
       Dass sich alle jungen Männer mit dem Thema befassen, dafür sorgt [5][ein
       Fragebogen], auf dem seit diesem Januar alle ab 2008 geborenen Männer auf
       einer Skala von 0 bis 10 ihre Bereitschaft zum Wehrdienst erklären müssen.
       Wie das [6][Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND)] berichtet, haben bisher
       72 Prozent geantwortet und laut auf [7][t-online] zitierten
       Bundeswehrkreisen hatte etwa die Hälfte Interesse bekundet.
       
       Für [8][Schüler], die zuletzt am 8. Mai [9][gegen eine Wehrpflicht auf die
       Straße] gingen, ist die bevorstehende Pflichtmusterung ein Ärgernis. „Vor
       einigen Jahren bekam ich nur Werbung für die Bundeswehr. Jetzt muss ich die
       Briefe zwangsweise beantworten und nächstes Jahr muss ich zur Musterung.
       Was ist in drei Jahren?“, fragt der 18-jährige Kieler Golo Kirsch von der
       Gruppe „Schulstreik gegen Wehrpflicht“.
       
       „Für mich stellt sich die Musterung als Schikane dar“, sagt er. „Nach den
       Berichten aus der Vergangenheit ist es ein Eingriff in meine
       Selbstbestimmung. Ich möchte nicht, dass die Bundeswehr weiß, ob ich
       tauglich bin, um für dieses System mein Leben zu geben“, sagt der Schüler.
       Und er befürchte, dass die Musterungspflicht „doch eine Vorbereitung auf
       die Wehrpflicht ist“.
       
       Was zur Pflichtmusterung gehört, ist noch nicht ganz klar. „Bis zum Aufbau
       der geplanten Musterungszentren führen wir zunächst das bisherige Verfahren
       weiter“, sagt eine Sprecherin der Bundeswehr in Köln, die für die
       Beantwortung von Personalfragen zuständig ist. Die Stelle verschickt den
       Link [10][zu einem Erklärfilm], in dem die beiden Bewerber Jan und Madleine
       das „Assesment“ für den Wehrdienst im Kariere-Center der Bundeswehr Berlin
       durchlaufen.
       
       Nach einer ärztlichen Begutachtung nehmen die beiden dort an einem
       Computertest, CAT genannt, teil, wo etwa logisches Denken,
       Reaktionsfähigkeit und Rechnen unter Zeitdruck getestet werden. „Das war’s
       schon, damit hast du das Assessment für den Wehrdienst abgeschlossen“,
       sagte der Sprecher aus dem Off. „Warst du erfolgreich, geht es weiter mit
       der Planung.“ Der Film zeigt, wie Madleine mit einem Bundeswehrangehörigen,
       dem Einplaner, in ein Zimmer geht und darüber spricht, wie sie ihre Wünsche
       mit den Möglichkeiten bei der Bundeswehr in Einklang bringen kann.
       
       Gefragt, ob dieses „Einplanungsgespräch“ ein Teil der Musterungspflicht
       oder freiwillig ist, bekam die taz noch keine eindeutige Antwort. Die
       Sprecherin schrieb: „Zunächst werden wir diejenigen ärztlich untersuchen,
       die ihre Bereitschaft für eine freiwillige Wehrdienstleistung mittels des
       avisierten Fragebogens bekundet haben und die nach einer Auswertung des
       Fragebogens potenziell dem Bedarf entsprechen.“
       
       ## Erstes modernes Musterungszentrum 2026 fertig
       
       Der Aufbau der Musterungsorganisation solle bis zum 1. Juli 2027 erfolgen,
       das erste moderne Musterungszentrum noch 2026 die Arbeit aufnehmen. „Ich
       bitte um Verständnis, dass wir darüber hinaus zum jetzigen Zeitpunkt keine
       weiteren Informationen zu den genauen Zeitlinien bereitstellen können“,
       schreibt die Sprecherin. Das Ergebnis der Musterung werde in einem
       „Musterungsgespräch“ erläutert. Nur ist das das Gleiche wie jenes
       „Einplanungsgespräch“? Klare Antworten gibt es immerhin zur unbeliebten
       Hodenuntersuchung. Die kann auch ein Facharzt durchführen.
       
       [11][Yannick Kiesel] von der Deutschen Gesellschaft der
       [12][Kriegsdienstverweigerer] (DFG-VK) sagt, die Bundeswehr lege sich nicht
       fest und wisse womöglich in Teilen selber noch nicht, wie mit der
       Musterungspflicht verfahren wird. „Wir empfehlen, [13][jetzt zu
       verweigern], dann kommt man um die Musterung herum.“
       
       Laut einer Kannbestimmung aus Paragraf 13 des
       Kriegsdienstverweigerungsgesetzes müssten Verweigerer, die vor dem 1.
       Januar 2010 geboren sind, nicht zur Musterung. „Aber wenn spätestens im
       Juli 2027 die Kapazitäten der Musterungszentren aufgebaut sind, gehen wir
       davon aus, dass auch Verweigerer wieder gemustert werden.“ Denn für nach
       2010 Geborene verfalle diese Regelung.
       
       Die Linke-Bundestagsabgeordntete Desiree Becker sagt: „Die Bemühungen der
       Bundeswehr, das Musterungsverfahren so schnell und effektiv wie möglich zu
       gestalten, birgt das Risiko der Überrumpelung der Wehrpflichtigen.“
       Deswegen sei es um so wichtiger, dass sich die jungen Leute über ihre
       „Rechte und Pflichten im Musterungsverfahren informieren“.
       
       18 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Wehrpflicht/!6129462
 (DIR) [2] /Bundestagsbeschluss-zum-Wehrdienst/!6135624
 (DIR) [3] https://www.bundeswehr.de/de/menschen-karrieren/neuer-wehrdienst/musterung/musterungszentren
 (DIR) [4] /Warum-entscheiden-sich-junge-Menschen-fuer-die-Bundeswehr-Ein-Besuch-im-Karrierebuero/!6164074
 (DIR) [5] /18-Jaehrige-beantworten-Briefe-nicht/!6177053
 (DIR) [6] https://www.rnd.de/politik/neuer-wehrdienst-28-prozent-der-maenner-geben-keine-antwort-NLLEFHXYANCQFD3HWRKVQMRMJM.html
 (DIR) [7] https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101244702/wehrpflicht-72-prozent-beantworten-bundeswehr-fragebogen.html
 (DIR) [8] /Militaerpraesenz-in-Hamburg/!6171493
 (DIR) [9] /Schulstreik-gegen-die-Wehrdienst/!6177296
 (DIR) [10] https://www.bundeswehr.de/de/menschen-karrieren/neuer-wehrdienst/musterung
 (DIR) [11] /US-Truppenabzug-in-Vilseck/!6176560
 (DIR) [12] /Kongress-gegen-die-Wehrpflicht/!6169876
 (DIR) [13] /Kriegsdienstverweigerung/!6174368
       
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