# taz.de -- Wahlen in Großbritannien: Historischer Absturz
> Bei den Regional- und Kommunalwahlen muss Labour massive Verluste
> hinnehmen. Davon profitiert vor allem die rechtspopulistische Reform UK
> von Nigel Farage.
(IMG) Bild: Freut sich über den großen Erfolg bei den Regional- und Kommunalwahlen in Großbritannien: Nigel Farage (Reform UK)
Bei den Regional- und Kommunalwahlen in Großbritannien am Donnerstag hat
die Labourpartei in England schwere Verluste hinnehmen müssen. Ersten
Ergebnissen aus 87 von 136 Kommunalwahlkreisen zufolge haben 698
Labour-Abgeordnete ihre Mandate verloren, 535 konnten sich ihre Sitze
sichern. Auch die Tories hatten Verluste zu verzeichnen.
Klare Sieger waren Kandidat:innen von Reform UK, die Partei verfügt
jetzt über 906 Sitze. Der Ostlondoner Wahlkreis Havering sowie Essex gingen
an Reform UK, hier stürzten die Konservativen ab. Reform UK will hier
versuchen Geld zu sparen. Ganz in seinem Brexit-Stil will Nigel Farage die
Bewohner:innen von Havering in einem Referendum über ihre weitere
Zugehörigkeit zu London abstimmen lassen.
Selbst wo Labour gewann, verbirgt sich hinter den Ergebnissen eine andere
Wahrheit, so beispielsweise in der südenglischen Hafenstadt Plymouth. Dort
blieb Labour trotz des Verlustes von neun Sitzen mit 31 Sitzen zwar immer
noch stärkste Kraft, Reform UK kam „nur“ auf 16 Mandate. Doch dieses
Ergebnis ist einzig und allein dem absoluten Mehrheitswahlsystem
geschuldet. Tatsächlich stimmten 37 Prozent aller Wähler:innen in
Plymouth für Reform UK und nur 22 Prozent für Labour.
In den Midlands blieben in Dudley die Tories mit 27 Sitzen und trotz eines
Verlustes von sieben Sitzen an der Macht. Reform UK konnte von einem auf 23
Sitze zulegen, Labour kam bei einem Minus von 13 noch auf 15 Sitze. Jedoch
hatte auch hier eine Mehrheit, 36 Prozent aller Wähler:innen, für Reform UK
und nur 22 Prozent für die Konservativen gestimmt. In England wiederholt
sich dieses Bild immer wieder.
## Großer Gewinner
In den Wahlkreisen Merseyside und Manchester im Norden Englands blieb
Labour vielerorts nur deshalb an der Macht, weil Wahlen nur in einem
Drittel der Wahlkreise abgehalten wurden. So verlor Labour in Wigan alle
Sitze, die zur Wahl standen, bleibt aber mit insgesamt 42 Sitzen weiter an
der Macht. Auch hier war Reform UK der große Gewinner – in Wigan mit 24
Sitzen ein Plus von 23. In Tameside im Osten von Manchester war es ähnlich.
Labour landete bei 25 Sitzen, ein Minus von 14. Reform erhöhte seinen
Anteil von 18 auf 19 Mandate.
In den Manchester-Wahlkreisen Bolton, Boldham und Hyndburn und zahlreichen
anderen Regionen hat Labour keine Mehrheit mehr, Viele der Regionen, in
denen Reform UK punkten konnte, sind einstige Brexit-Hochburgen. Auch der
renommierte Wahlanalytiker John Curtice bestätigte dies. Somit sei es nicht
nur ein Urteil über die Regierung von Keir Starmer. Vielmehr erklärten sich
die Zuwächse für die von Nigel Farage geführte Partei mit einem
Vertrauensverlust gegenüber den etablierten Parteien.
Auch die Grünen konnten Zuwächse verbuchen – am höchsten sind sie in
Metropolen wie [1][London]. Bisher kommen sie auf plus 65 Sitze. [2][In
Hackney konnte sich die grüne Bürgermeisterkandiatin Zoë Garbett] mit
35.720 Stimmen gegen die bisherige Labour-Bürgermeisterin Caroline Woodley
(26.865 Stimmen) durchsetzen. In Cambridge legten die Grünen ebenfalls um
sechs Sitze zu, was Labour die Regierungsmehrheit kostete.
Auch die Liberaldemokrat:innen legten zu. An sie gingen die Londoner
Wahlkreise Richmond und fast ganz Sutton. Auch in Stockport in Nordengland
und in Portsmouth gewannen die Liberaldemokraten die Mehrheit der
Kommunalverwaltungen. In Westminster und Wandsworth verlor Labour seine
Mehrheit jeweils an die Tories.
## Grüner Erfolg in Edinburgh
In Schottland gingen nach der Auszählung von 63 der 149 Wahlkreise 37 Sitze
an die schottische Nationalpartei (SNP), vier an die Liberaldemokrat:innen,
vier an die Tories, zwei an Labour sowie zwei an die Grünen. Lorna Slater
von den schottischen Grünen setzte sich in Edinburgh Central mit 12.680
Stimmen gegen den SNP-Vertreter Angus Robertson (8.908) durch. In Glasgow
verlor der Chef der schottischen Labourpartei Anas Sawar seinen Sitz. Die
Grüne Holly Bruce gewann den einstigen Sitz von der ehemaligen SNP-Chefin
Nicola Sturgeon in Glasgow Southside. Der Parteichef und bisherige First
Minister John Swinney gewann zum sechsten Mal in seinem Wahlkreis
Perthshire North.
Die SNP will die Lebenshaltungskosten senken und das Gesundheitssystem
verbessern. Die schottische Unabhängigkeit ist nicht oberste Priorität.
Sweeney sagte, dass er mit den anderen Parteien zusammen arbeiten wolle,
außer mit Reform UK. Er habe fundamentale Differenzen mit der rechten
Partei.
## Labour in Wales nur noch auf Platz 3
Im walisischen Newport, einem ehemaligen Industrie-Zentrum, in dem die
walisische Labourpartei zuletzt noch über 40 Prozent der Stimmen gewonnen
hatte, kam Reform UK auf 25.571 Stimmen (33 Prozent) und die walisische
Mitte-Links-Partei Plaid Cymru auf 23.069 Stimmen (30 Prozent). Labour
landete auf Platz drei mit nur noch 10.722 Stimmen.
Die bisherige erste Ministerin und Parteichefin von Welsh Labour, Eluned
Morgan, wird höchstwahrscheinlich sogar ihren Sitz für Mid und West Wales
verlieren. Der Parteichef von Reform UK in Wales, Dan Thomas, sagte, dass
die Stimme für Reform UK eine Stimme für Wales war. Als Beispiel nannte er
Verbesserungen für Krankenhäuser statt weiterer Maßnahmen für den
Klimaschutz.
In Wales gewann die walisische Nationalpartei Plaid Cymru 27 Sitze. Reform
UK kam auf 30, Labour auf acht, die Tories auf sechs und die
Liberaldemokratinnen auf einen Sitz. Die bisherige erste Ministerin von
Wales und Chefin von Welsh Labour verlor ihren Sitz und trat als
Parteichefin zurück.
In Gŵyr Abertawe (siehe taz Bericht vom Dienstag) gingen drei Sitze an
Plaid, zwei an Reform, ein Sitz ging an Labour. Plaid-Parteichef Rhun ap
Iorwerth sagte, Wales habe eine neue Führung gefordert. Er wolle allen
dienen. Die Ergebnisse für zehn Sitze stehen noch aus. Fest jedoch steht,
dass die Dominanz von Labour in Wales beendet ist.
## Prekäre Lage für Keir Starmer
Das bisher vorliegende Ergebnis verweist bereits auf den Umstand, dass die
Lage von Premier Keir Starmer äußerst prekär geworden ist. Viele glauben,
dass es anfängliche Kürzungen der Heizkostenzulagen für Rentner:innen
und das Zögern bei einer Ausweitung der Sozialleistungen für Familien mit
mehr als zwei Kindern waren, die Starmers Glaubwürdigkeit [3][zusätzlich zu
dem Mandelson-Skandal] beschädigt hat.
Die Lebenshaltungskosten in Großbritannien sind nach wie vor hoch, und
Veränderungen im nationalen Gesundheitssystem kommen kaum voran. Starmer
sagte, dass er seine Versprechen von 2024, etwas zu verändern, umsetzen
wolle. Mitglieder des Kabinetts betonten, dass die derzeitige
wirtschaftliche und sicherheitspolitische Lage ungeeignet für einen Kampf
an der Führungsspitze der Partei sei. Sollte sich das ändern, wäre die
größte Frage, wer Starmer ersetzten und welche Konsequenzen dies haben
könnte – zum Beispiel baldige Unterhauswahlen.
Nigel Farage sprach von einer historischen Veränderung in der britischen
Politik. Seine Partei sei die einzige nationale Partei. Der grüne
Parteichef Zack Polanski sagte, [4][dass das Zweiparteiensystem tot sei].
Er zeigte sich erfreut, dass die Grünen nun ihre erste gewählte
Bürgermeisterin haben. „Die neue politische Linie ist die Grünen gegen
Reform“, sagte er. Die Grünen würden die Labourpartei ersetzen.
8 May 2026
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