# taz.de -- Britischer Premier unter Druck: Wem die Stunde schlägt
       
       > Labour dürfte die anstehenden Regional- und Kommunalwahlen in
       > Großbritannien verlieren. Dann sind Keir Starmers Tage wohl gezählt.
       
 (IMG) Bild: Wie lang er wohl noch durch diese berühmte Tür kommt? Keir Starmer vor 10 Downing Street
       
       Die politischen Nachrufe sind schon geschrieben, die Umstürzler stehen in
       den Startlöchern. Sobald die Stimmen der Regional- und Kommunalwahlen in
       Großbritannien am 7. Mai ausgezählt sind, dürften die Tage von
       Premierminister Keir Starmer gezählt sein. Denn der Labour-Regierungschef
       dürfte nach allen Prognosen seine Partei in eine krachende Wahlniederlage
       führen – und wenn das alles so eintritt, werden seine engsten Vertrauten
       und Minister ihm klarmachen wollen, dass es nun Zeit für einen geordneten
       Neuanfang ist.
       
       Der 7. Mai ist [1][Superwahltag in Großbritannien]. 30 Millionen
       Wahlberechtigte sind an die Urnen gerufen. Die Regionalregierungen von
       Schottland und Wales werden komplett neu gewählt, dazu zahlreiche Gemeinde-
       und Distrikträte quer durch England. Kommunalwahlen in England finden jedes
       Jahr Anfang Mai an unterschiedlichen Orten statt, diesmal sind vor allem
       Großstädte dran, darunter alle 32 Bezirke in London.
       
       Insgesamt rund 5.000 Mandate stehen zur Disposition. Labour hält davon gut
       2.500. Nach Prognosen könnten davon gerade 500 übrigbleiben. Die
       sozialdemokratische Regierungspartei würde dann auf dem fünften Platz
       landen – hinter den Rechtspopulisten von Reform UK, den Grünen, den
       Liberaldemokraten und den Konservativen. In Wales könnte Labour erstmals
       seit Gründung der Regionalregierung 1999 die Macht verlieren, im Norden
       Englands fast alle Mandate einbüßen.
       
       Das Debakel hat einen Namen: Keir Starmer. „Ganz allein“, [2][titelte
       vergangene Woche das Wochenmagazin und Labour-Hausblatt <i>New
       Statesman</i>] mit einer Fotomontage des Premiers allein im
       Scheinwerferlicht, um ihn herum Dunkelheit. „Keir Starmer scheitert. Alle
       wissen es“, lautet die Unterzeile.
       
       ## Der linke Labour-Flügel ist im Aufstand
       
       Keir Starmer hat gerade für seine Unterstützer sämtliche Hoffnungen aus der
       Zeit des Machtwechsels 2024 enttäuscht. Statt Zukunftsinvestitionen
       beschloss seine Regierung eine neue Sparpolitik. Auf entschlossene Worte,
       etwa zur Außen- und Verteidigungspolitik oder zur Reform des Wohnungsbaus
       und des Arbeitsrechts, folgten keine Taten. Und wenn, waren sie
       ununterscheidbar von denen der konservativen Vorgängerregierung – etwa in
       der inneren Sicherheit oder in der Flüchtlingsabwehr.
       
       Kontroverse Beschlüsse wurden immer wieder erst so lange zäh verteidigt,
       bis sie die Regierung unbeliebt gemacht hatten, und dann abrupt fallen
       gelassen, womit auch ihre Verfechter düpiert waren. Seit im September 2025
       Starmers Stellvertreterin Angela Rayner wegen eines Steuervergehens
       zurücktreten musste, ist der linke Labour-Flügel im mehr oder weniger
       offenen Aufstand.
       
       Am Ende hat Starmers Personalpolitik ihn eingeholt. Er hat Figuren aus der
       Ära Tony Blair – als Labour mit einem eher rechten Modernisierungskurs noch
       regelmäßig Wahlen gewann – ein übergroßes Gewicht in seinem Apparat
       eingeräumt. Und die damit verbundenen Altlasten ignoriert.
       
       Prominentestes Beispiel ist Tony Blairs alter Wahlkampfleiter Peter
       Mandelson, der schon längst Rentner war, als Keir Starmer ihn Ende 2024
       nach Donald Trumps Wahlsieg in den USA zum nächsten britischen Botschafter
       in Washington bestimmte. Mandelson war damals schon für seine enge
       Freundschaft zum US-Sexualstraftäter [3][Jeffrey Epstein] sowie seinen
       Geschäftsinteressen in China und in Russland berüchtigt. Aber er hatte
       Starmer bei seinem Aufstieg an die Labour-Spitze einige Jahre zuvor
       geholfen und beriet ihn auch nach der Regierungsübernahme.
       
       ## Sicherheitsprüfung nicht bestanden
       
       Im September 2025 musste Starmer Mandelson nach neuen Epstein-Enthüllungen
       wieder entlassen. Die Affäre ist nun pünktlich zu den Regional- und
       Kommunalwahlen neu hochgekocht und führt aller Welt die Schwächen von
       Starmers Regierungsstil vor. Im Februar 2026 hatte die konservative
       Opposition nämlich im Parlament die Herausgabe aller Mandelson-Akten der
       Regierung an den Geheimdienstausschuss des Parlaments erzwungen. Der gibt
       sie nun kontrolliert frei.
       
       Seit auf dieser Grundlage [4][der <i>Guardian</i> Mitte April enthüllte],
       dass Mandelson die vor der Berufung eines Botschafters fällige
       Sicherheitsüberprüfung nicht bestanden hatte und trotzdem seinen Posten
       bekam, hat sich der [5][Auswärtige Ausschuss des Unterhauses] in die Affäre
       verbissen und befragt nun nacheinander alle Beteiligten in öffentlichen
       Sitzungen. Starmer, das geht aus den Aussagen hervor, ignorierte alle
       Warnungen. Die zuständigen Stellen im Außenministerium fühlten sich unter
       Druck, Mandelson ohne die fällige Sorgfalt abzusegnen. Als die
       Sicherheitsprüfer Mandelson als „Grenzfall“ einstuften und Bedenken
       äußerten, war es zu spät: Der König hatte seiner Berufung schon zugestimmt,
       die USA waren informiert, er stand auf der Gehaltsliste und hatte einen
       Hausausweis.
       
       Keir Starmers Rechtfertigung ist bis heute: Man hat mir nichts gesagt, ich
       habe alles richtig gemacht. Fehler machten andere. Sie werden gefeuert.
       Philip Barton, ein Spitzenbeamter im Außenministerium zum Zeitpunkt von
       Mandelsons Ernennung, der zur Eile gedrängt wurde: entlassen. Sein
       Nachfolger Olly Robbins, der die Akte auf den Tisch bekam und absegnen
       musste: entlassen. Starmers Stabschef Morgan McSweeney, der zur Eile
       drängte: entlassen.
       
       Sie alle packten in den vergangenen zwei Wochen vor dem Parlamentsausschuss
       aus. Dessen Vorsitzende ist die Labour-Außenpolitikerin Emily Thornberry,
       die von Keir Starmer bei der Regierungsbildung 2024 übergangen wurde und
       sich jetzt genüsslich rächt.
       
       ## Schädliche Geheimnisse
       
       Und auch sonst hilft es Starmer nicht, dass er sein engstes Umfeld
       verschleißt. Seine erste Stabschefin Sue Gray, die einst als hohe
       Staatsbeamtin Boris Johnson mit ihrer Untersuchung des Partygate-Skandals
       zu Fall brachte, musste schon nach einem Vierteljahr gehen. Sie wurde
       ersetzt durch Morgan McSweeney, der nun eben auch fallengelassen wurde.
       Seine berufliche Laufbahn hatte einst als Praktikant in der
       Labour-Wahlkampfzentrale unter Peter Mandelson begonnen. Sue Gray ist seit
       Langem Vertraute des entlassenen Olly Robbins. Alle zusammen kennen alle
       Geheimnisse, die Starmer schaden können.
       
       Starmer hat nun nicht nur die eigene Partei gegen sich, sondern auch den
       britischen Beamten- und Sicherheitsapparat, wo das Entsetzen groß ist.
       Regieren kann er so nicht mehr. Nur er selbst sieht das noch nicht ein.
       
       2 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://en.wikipedia.org/wiki/2026_United_Kingdom_local_elections
 (DIR) [2] https://x.com/NewStatesman/status/2046836302813741487
 (DIR) [3] /Epstein-Ueberlebende-ueber-neue-Akten/!6148164
 (DIR) [4] https://www.theguardian.com/politics/2026/apr/16/revealed-mandelson-failed-vetting-but-foreign-office-overruled-decision
 (DIR) [5] https://committees.parliament.uk/committee/78/foreign-affairs-committee
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominic Johnson
       
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