# taz.de -- 1.543 Tage Krieg in der Ukraine: Ukrainische Traditionen als Widerstandsakt
> Bräuche werden in der Ukraine jetzt wieder stärker gepflegt, auch von
> jungen Menschen. Denn gerade im Krieg brauchen die Menschen geistige
> Nahrung.
(IMG) Bild: Beim Frühlingsfest im Freilichtmuseum in Lwiw sind vor allem junge Menschen – oft in traditioneller ukrainischer Kleidung
In einer Zeit existenzieller Bedrohung allen Ukrainischen schenken die
ukrainischen Frühlingsbräuche – Tänze und Lieder zu Ehren des
Frühlingsanfangs, auch Hajiwky genannt – Tausenden Menschen einen Moment
der Hoffnung.
Für ein paar Tage im Frühling [1][verwandelt sich das große Freilichtmuseum
für Volksarchitektur in Lwiw in ein Meer festlich gekleideter Menschen].
Sie wirbeln im Tanz herum, singen auf den Rasenflächen zwischen den
historischen Holzgebäuden oder freuen sich einfach an diesem in
Kriegszeiten so ungewöhnlich fröhlichen Spektakel.
24.000 Besucher, darunter Hunderte schwer verletzte Soldaten, die aktuell
in Lwiw zur Reha sind, haben trotz russischer Angriffe und Luftalarm an den
Feierlichkeiten teilgenommen.
## Soldaten in Reha
„Schätzt jeden Augenblick wert, so wie es auch Soldaten während ihrer
kurzen Fronturlaube sind“, sagt Wolodymyr Rudkowskyj zu den Anwesenden. Dem
stämmigen jungen Mann mit Bart fehlt ein Bein. Er hat es bei einem
ukrainischen Gegenangriff im Süden des Landes verloren.
Fast drei Jahre nach seiner Verwundung ist er jetzt Mentor für die schwer
verletzte Soldaten, die jede Woche in Lwiw eintreffen. Um diese Soldaten –
auf Prothesen oder im Rollstuhl – herum tanzen die festlich gekleideten
Besucher und umarmten sie, um ihnen ihre Dankbarkeit zu zeigen.
„Wir haben zu den Waffen gegriffen und kämpfen auch weiterhin, damit unsere
Leute trotz der Drohnen und Raketen am Himmel leben und lachen können“,
sagt Rudkowskyj im Namen der Kriegsversehrten.
## Volksmusik zur geistigen Stärkung
Zu Beginn des Krieges gab es solche Veranstaltungen wie diese hier in Lwiw
gar nicht, sie erschienen nicht angemessen, erklärt Daryna Chaljawka von
der Gruppe „Dryg“, in der sie sich jede Woche zum Volkstanz treffen. Daryna
trägt ein traditionell besticktes Hemd, eine Wyshywanka.
„Aber irgendwann haben wir erkannt, dass wir genau so etwas brauchen, um
nicht nur unseren Geist zu stärken, sondern auch den der Soldaten“, erzählt
sie. Viele Soldaten aus der Zentral- und Ostukraine hätten die Hajiwky, die
ukrainischen Frühlingslieder, [2][hier erstmals kennengelernt], berichtet
die junge Frau.
## Pseudofolklore in der Sowjetzeit
Daryna selber stammt aus dem zentralukrainischen Poltawa und ist ebenfalls
in einem Umfeld aufgewachsen, aus dem während der Sowjetzeit die
ukrainischen Traditionen fast vollständig verschwunden waren. Religiöse
oder nationale Feiertage waren in einer Zeit der totalen Kontrolle des
öffentlichen und privaten Leben undenkbar.
Die sowjetischen Machthaber nutzten die äußeren Merkmale ukrainischer
Kultur, um den Eindruck zu erwecken, die Ukrainer seien frei – doch dieser
Pseudo-Folklore fehlte jede echte Verbindung zu den Menschen.
Nach der ukrainischen Unabhängigkeit 1991 – vor allem aber seit dem Beginn
der Verteidigung gegen Russland in den Zehnerjahren – erscheint die
Rückkehr zu den ukrainischen Wurzeln wie eine natürliche Entscheidung und
ein Ausdruck des Selbsterhaltungstriebs: Das Gefühl der nationalen
Identität verstärkt sich, wenn das Existenzrecht eben dieser Nation bedroht
ist.
## Traditionen werden modern
Heute wirken Traditionen nicht mehr altmodisch. Diejenigen, die sie
pflegen, können auch alle anderen Arten von Musik hören – von
zeitgenössischen ukrainischen Künstlern bis hin zu Taylor Swift, Rammstein
oder Kendrick Lamar.
Dass Traditionen modern und interessant wirken, sieht man auch daran, dass
unter den Gästen im [3][Lwiwer Freilichtmuseum] vor allem junge Menschen
sind. Und dass Wyshywankas zunehmend Teil der Alltagskleidung werden.
„Immer mehr Menschen empfinden diese Kleidung als romantisch und elegant
und fühlen sich darin besonders schön“, sagt eine junge Besucherin.
Zurzeit sind solche Feierlichkeiten vor allem im Westen der Ukraine
verbreitet, wo die Traditionen stärker bewahrt wurden. Aber auch im Rest
des Landes werden sie allmählich wiederbelebt: Das Wichtigste dabei ist,
den Krieg gegen Russland zu überstehen.
„Wir kämpfen dafür, dass unsere Kultur nicht erlischt, sondern aufblühen
kann“, betont Wolodymyr Rudkowsky.
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
16 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=v48mPC1Nq-E
(DIR) [2] /Die-Ukraine-als-Nation/!5853907
(DIR) [3] https://europeanmuseumacademy.eu/museum-of-folk-architecture-and-rural-life-in-lviv/
## AUTOREN
(DIR) Rostyslav Averchuk
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