# taz.de -- 1.535 Tage Krieg in der Ukraine: Wo Theater dem Krieg trotzen
       
       > Odessa, Mykolajiw und Cherson stehen unter ständigem Beschuss. Trotzdem
       > gibt es Theateraufführungen, notfalls im Keller. Denn die Menschen
       > brauchen Kultur.
       
 (IMG) Bild: Gehört zu den schönsten Theater der Welt: das Opernhaus in Odessa
       
       Es klingt verrückt, aber die Theater in der Ukraine machen einfach weiter,
       trotz Krieg und Kampfhandlungen. Und ich spreche hier nicht nur von den
       Theatern in Lwiw und Kyjiw – dort ist es ja noch mehr oder weniger ruhig.
       Aber es gibt auch Theater in den offiziellen Kampfgebieten: in Odessa,
       Mykolajiw und Cherson. Und überall dort zeigt das Theaterleben eine
       erstaunliche Anpassungsfähigkeit.
       
       ## Das Opern- und Ballettheater von Odessa
       
       Das majestätische Gebäude im Stil des Wiener Barock gehört zu den schönsten
       Theater der Welt. Es ist nicht leicht, dort im Krieg zu arbeiten. Ein Teil
       der Belegschaft ist ins Ausland gegangen, andere an die Front. Trotzdem
       werden aktiv neue Regisseure gewonnen und experimentelle Formate
       ausprobiert. Bei einer der regelmäßigen Premieren konnte ich hinter den
       Kulissen einen Tänzer aus Griechenland kennen lernen. Er sprach fast gar
       kein Ukrainisch, aber war ein Meister seines Fachs.
       
       Bei meinem Besuch ist der Saal ist fast ausverkauft. Man merkt, wie sehr es
       die Menschen nach nach Unterhaltung verlangt. Ja, natürlich herrscht Krieg
       im Land, aber versuchen sie mal, vier Jahre lang ausschließlich traurig zu
       sein.
       
       Die Aufführung musste zweimal unterbrochen werden. Beim ersten Mal hieß es,
       das Theater sei vermint. Die Polizei fand jedoch nichts. Die zweite
       Unterbrechung war [1][wegen Luftalarm], Drohnen im Anflug, alle in den
       Schutzraum! Im Opernhaus wurden extra mehrere Untergeschosse umgebaut,
       sodass dort nun Platz für mehr als tausend Menschen ist. Bänke, Stühle,
       Wasser, WLAN sowie ein Klavier helfen dabei, sich die Zeit zu vertreiben.
       Statt in den Schutzraum gehen einige übrigens lieber ins Theaterbüfett.
       Wenn die Gefahr länger als anderthalb Stunden dauert, fällt der Rest der
       Aufführung aus und die Zuschauer können in den nächsten Tagen eine andere
       Vorstellung besuchen.
       
       ## Das Akademische ukrainische Theater für Drama und Musikkomödie in
       Mykolajiw
       
       Vor dem Krieg hatte dieses Theater ein Wort mehr im Namen, es hieß „für
       russisches Drama“. Doch nach 2022 wollte niemand mehr mit dem Aggressorland
       assoziiert werden. Die Russen waren deswegen offenbar so beleidigt, dass
       sie beschlossen, Mykolajiw zum Respekt zu zwingen. Im September 2022
       griffen sie das Theater mit einem S-300-Flugabwehrsystem an. Zuschauersaal,
       Garderoben und Verwaltungsräume wurden beschädigt, eine der Raketen
       explodierte direkt im Theaterhof.
       
       Das Theater verlegte seine Arbeit in die „Bühne im Bunker“ – ein kleiner
       Kellersaal mit knapp 40 Plätzen, für das extra neue Stücke mit einem bis
       fünf Schauspieler*innen inszeniert wurden. Parallel dazu begann man mit
       den Reparaturarbeiten am großen Theater. Dort ist der große Saal wieder in
       Betrieb, im Foyer gibt es Veranstaltungen für Kinder und im Obergeschoss
       eine kleine Ausstellung über die Geschichte des Theaters. Aber auch im
       Keller finden weiter Aufführungen statt. Ich habe mir eine angesehen, und
       glauben Sie mir, ein Theaterstück, nur eine Armlänge von den Schauspielern
       entfernt, ist ein ganz besonderes Erlebnis.
       
       ## Das Mykola-Kulisch-Musiktheater in Cherson
       
       Dass dieses Theater immer noch in Betrieb ist, erscheint schon fast
       unglaublich: In einer Stadt, in der nur noch etwa zwanzig Prozent der
       Vorkriegsbevölkerung lebt, in der über den Straßen Netze gespannt sind und
       [2][das Summen der Drohnen zum Alltag geworden ist].
       
       Das Theatergebäude selber wird regelmäßig beschossen, gerade erst wieder im
       März. Darum finden die Aufführungen ausschließlich unter der Erde statt, im
       „ArtHub im Bunker“, das sich in der gefährlichsten, der „roten Zone“
       befindet. Der unterirdische Raum selbst gilt hier jedoch als sicher – man
       kann sich die Aufführungen sogar während eines Luftalarms ansehen. Die
       Einwohner von Cherson lieben ihr Theater, auch wenn sie es derzeit nicht
       wagen, ihre Kinder dorthin mitzunehmen.
       
       Im letzten Jahr gab es in Cherson 15 Premieren. Die Truppe geht auch auf
       Tournee durch die Ukraine. Und lokale Theatermacher sagen: „[3][In Cherson
       muss es auch weiterhin einen Ort für die Kunst geben].“
       
       Aus dem Russischen Gaby Coldewey
       
       8 May 2026
       
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