# taz.de -- Liebling der Massen: Bäcker wie früher
       
       > Am Wochenende stehen die Edelkiezmenschen für klobige Vintage-Brote an.
       > Doch riechen die hippen Schöneberger Laibe wirklich echt oder nach
       > Chemie?
       
 (IMG) Bild: Riecht nach Kindheit: Sauerteigbrot, freisch aus dem Ofen
       
       Vieles von früher gilt heute wieder als modern. Ob Schnauzbärte, Faschismus
       oder archaische Backweisen. So stehen [1][vor dem angesagten Bäcker] in
       Schöneberg am Wochenende immer lange Schlangen moderner junger Menschen, um
       dort klobige Vintage-Brote im Oma-Style zu kaufen.
       
       Dann sieht man sie für sich und ihre trotz zahlloser Allergien glücklichen
       Kinder beseelt gewaltige Laibe rausschleppen, in einer Größe, wie man sie
       gar nicht mehr kennt: Vor meinem geistigen Auge sitzt eine
       Bergbauernfamilie zusammen mit Knecht und Magd, Ochs und Esel um den Tisch
       in der großen Stube. Darauf eine Holzschüssel randvoll mit irgendeiner
       traurigen Gerstengrütze oder artverwandtem Abtörnfraß.
       
       Der Bauer säbelt von dem enormen Brotlaib für jeden eine große Scheibe ab,
       die dann jeder in den Brei tunkt – über einen Löffel verfügt nur der
       Familienvorstand. Den Brot-Oschi brauchen sie auch, weil sie hinterher
       wieder den ganzen Tag den Berg rauf und runter rennen, die Kühe melken, die
       Sense schwingen und mit Raubtieren ringen. Dazwischen wird entbunden,
       gebetet und gestorben.
       
       Aber wir sind hier in der Stadt. Im 21. Jahrhundert. Wer also soll das
       essen? Alle sitzen den ganzen Tag lang nur auf ihrem Arsch. Der klebt dann
       von dem Zeug doch völlig zu. Was für ein Retro-Geschiss, als ob die alle im
       Schacht ackern. Und nachher liegt das Ungetüm bloß rum wie so ein Findling
       aus Teig. Bei mir landet schon Brot, das älter ist als einen Tag,
       grundsätzlich im Toaster. Sonst ist es mir zu labbrig.
       
       ## Es riecht nach Kindheit
       
       „Der beste Bäcker der Stadt“, sagen die Edelkiezmenschen, und labern
       irgendwas von „Sauerteig“, als wäre das der frisch gefundene Stein der
       Weisen, [2][oder schlimmer noch „Sour Dough“], denn in Regionen mit
       intakter Brotkultur fragt man sich schon, woraus ein Brot denn bitte sonst
       sein soll? Steht auf dem Obstladen jetzt auch bald „veganes Obst aus
       traditioneller Photosynthese“ drauf?
       
       Heute ist der Bürgersteig vor dem Original-Sour-Dough-Craft-Bakery-Bäcker
       allerdings wie ausgestorben. Ist wohl doch eher so ein Wochenendding, bei
       dem die Eltern in der Schlange die WhatsApp-Gruppe „Kita“ analog
       weiterführen. Jetzt ist es aber Dienstagmittag.
       
       Doch es riecht sehr gut aus dem Laden. Intensiv. Nach Kindheit. „Das riecht
       ja nach Bäcker wie früher“, sage ich. Mund und Augen wässern sich synchron.
       
       ## Chemiekeule mit Zwirbelbart
       
       Von solchen Gerüchen kriege ich nämlich immer voll den Nostalgieanfall. Die
       aufgetaute Hundescheiße in der Frühlingssonne. Im Sommer der Kerosingeruch
       vom Flughafen Tempelhof in meinem Schlafzimmer. Der Braunkohleduft im
       Herbst. Das Smog-Bouquet im Winter. Im Operationssaal rauchten die Ärzte
       Gauloises ohne Filter. Die „Sportschau“ am Samstag brachte die Ausschnitte
       von drei Bundesligaspielen. Tennis Borussia und Wuppertaler SV. Der alte
       Bahnhof Zoo roch herrlich nach Pisse, und Brot eben noch nach Brot. So wie
       hier.
       
       Aber ob das Aroma überhaupt echt ist? Und nicht bloß so ein [3][künstlicher
       Lockstoff aus einer Spraydose], die man bei Wulle kaufen kann. Darauf steht
       „Bäcker wie früher“ in Frakturschrift, das ist die beliebteste Marke, noch
       vor „Backluft“ von Dr. Oetker oder „Brotalin“ von BASF.
       
       Auf der Dose abgebildet ist ein Bäckermeister mit
       Kaiser-Wilhelm-Zwirbelbart und einer ausladenden weißen Bäckermütze, der
       mit einem Holzschieber lachend ein Brot aus so einem gemauerten
       Naturbackofen holt. Das Spray selbst ist wahrscheinlich hochgiftig und voll
       mit Pestiziden, Glyphosat und DDT. Aber in so einer Backstube turnt ja auch
       immer eine Menge Ungeziefer rum: Mäuse, Schaben, Mehlmotten. Da schlägt man
       dann buchstäblich mehrere Fliegen mit einer Chemiekeule.
       
       1 Jun 2026
       
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