# taz.de -- Die Wahrheit: Jung ins Heim
> Abtreten aus dem Alltag und Einrücken ins Altersheim ist angesagt –
> möglichst bevor die ganzen Gebrechen beginnen
(IMG) Bild: Alte Menschen sind oftmals schon viel zu alt, wenn sie endlich im Altersheim ankommen
„Wie wäre es“, sage ich eines Sonntagmorgens zur Ehefrau, „wenn wir jetzt
doch mal langsam ans Altersheim denken?“
„Wieso das denn?“, fragt sie verschlafen.
„Na, jetzt sind wir noch jung genug“, sage ich. „Jetzt würden die uns noch
nehmen.“ Hoffe ich zumindest, weil ich bin gerade mal sechzig oder so was,
und sie sogar ein bisschen jünger. Also vielleicht nehmen sie wenigstens
sie. Das wäre für mich schon eine Beruhigung.
Wir sind nämlich aus Erfahrung klug geworden. Unsere Eltern sind zu Hause
so alt geworden, dass sie irgendwann nicht mehr vermittelbar waren. Die
angefragten Heimverwaltungen hatten offenbar die Sorge, dass die Alterchen
kurz nach ihrem Einzug pflegebedürftig würden und sich fortan bis zum Ende
ihrer Tage wie die Speckmaden in ihre Bettchen mummelten, pampern und
bedienen ließen. Aber nicht mit ihnen.
Heute regiert der Mangel ja in sämtlichen Bereichen. Nun reservieren schon
die Großeltern im Auftrag ihrer ungeborenen Kinder die Kindergartenplätze
für ihre ungeborenen Enkelkinder. Auch wer im Krankenhaus als Patient
aufgenommen werden möchte, sollte möglichst gesund sein. Zum einen, um eine
reelle Überlebenschance angesichts der multiresistenten Superkeime dort zu
haben, und zum anderen, um das System nicht zu überlasten. Denn wirklich
Kranke klingeln, jammern und schreien die ganze Zeit wie blöde. Immerzu
wollen sie operiert, behandelt und gepflegt werden. Dafür ist aber gar
keine Zeit, kein Geld und kein Personal da. Hinzu kommt die
gesellschaftliche Überalterung.
Die betrifft die Seniorenheime noch einmal besonders. Unsere Eltern hatten
den Absprung lange verpasst. Die nehmen die da nicht mehr. Es ist zu spät,
der Zustand schon zu schlecht. Das ist, wie wenn du versuchst, dem
Antiquariat zerlesene Bücher anzudrehen oder Oxfam olle Klamotten. Und im
Altersheim wollen sie eben nur junge und gesunde Alte. Die keine Kosten
verursachen. Damit sich das für die Betreiber noch lohnt.
„Nee, Ihre Krepel können Sie mal schön behalten“, wurde uns mit
unverhohlenem Nichtbedauern beschieden. „Da findet sich doch sicher noch
was Passendes für Sie: Hauspflege, Eisscholle, Klippe, Müllabfuhr; erlaubt
ist, was gefällt.“
Und das sind noch die Höflicheren. Andere prusteten am Telefon einfach los,
als wir bloß das Alter des Vaters oder der Schwiegermutter erwähnten. Man
sah sie direkt vor sich, wie sie uns in ihrem Heimbüro den Vogel zeigten.
Was uns in unserer parasitären Lebensferne einfiele, derart alte Leute in
ihr schönes Altersheim einschleusen zu wollen, wie im Sterben liegende
Kuckuckskinder. Sie wären weder Geriatrie noch Massengrab.
Der entscheidende Satz fiel am Schluss: Ja, wenn wir selber einen Heimplatz
suchten, könne man gern darüber reden. Wie alt man denn sei: Ah, noch nicht
Rentner? Das klänge doch schon mal ganz passabel. Und die Gesundheit?
Sportlich, fit und keine ernsten Vorerkrankungen? Na, bestens, da wären wir
ja geradezu prädestiniert für ihre feine Seniorenresidenz „Blühender
Lebensnachmittag“. Man schicke uns gerne eine Kennenlernbroschüre.
Womit wir wieder bei der eingangs gestellten Sonntagsfrage wären. „Die
suchen exakt solche Bewohner wie uns“, versuche ich ihr den überlangen
letzten Lebensabschnitt mitsamt Auszug aus unserer schönen Wohnung
schmackhaft zu machen. „Hippe, juvenile Alte. Das wird bestimmt ganz cool.
Ständig Party mit den anderen jungen Alten. Flatrate für Bier und Wein,
Lachshäppchen und Aperol Spritz im Heimgarten, ist ja alles inklusive.
Wohnen, Putzen, Kochen, Waschen. Immerhin zahlen wir dafür.“
Ich gerate richtiggehend ins Schwärmen. „Und statt Lichtbildervortrag über
Patagonien im großen Saal, so wie früher im Seniorenstift von meiner Oma,
legt ein Techno-DJ auf, der da selber schon seit Jahren wohnt. Es ist im
Grunde ein nichtendenwollender Urlaub, nur nicht auf Goa, sondern in
Hakenfelde oder so.“
„Und was ist, wenn wir am Ende doch noch pflegebedürftig werden?“, gibt die
Gemahlin zu bedenken. „Dann schmeißen die uns garantiert wieder raus. Weil
sich das nicht mehr rechnet. Die karren uns bei Nacht und Nebel in die
Vorstadt auf irgendeinen Baumarktparkplatz und ‚vergessen‘ uns dort. Da
besteht für die null Risiko, dass wir zurückfinden. So wie Hänsel und
Gretel bei ihrem sturzdämlichen zweiten Versuch mit den Brotkrümeln.
Wahrscheinlich wissen wir dann eh nicht mehr, wo wir herkommen. Oder wer
wir überhaupt sind, weil wir sowieso nix mehr peilen.“
„Ja, so wird es wohl kommen“, sage ich nachdenklich. Man muss schon
realistisch bleiben – eine kommerzielle Pflegeeinrichtung ist schließlich
kein Wohlfahrtsunternehmen. „Das ist sicher eingepreist. Aber bis dahin
hätten wir immerhin noch ein paar schöne Jahrzehnte.“
Unser Zimmer kriegen als nächstes irgendwelche Vierzigjährigen, weil in
zwanzig oder dreißig Jahren hat sich die Situation gegenüber heute noch
weiter verschlechtert. Die Alten werden immer jünger und die Jungen immer
älter. Weil die Pflegekräfte alle remigriert wurden, müssen die Senioren
schon in der Lage sein, mit anzupacken.
Die Jüngeren pflegen die Älteren. Außerdem brauchst du noch Leute, die als
Bauarbeiter den neuen Anbautrakt – gibt ja immer mehr und immer jüngere
Alte – errichten können, Gabelstaplerfahrer und Gärtner. Das
Renteneintrittsalter wird zu dem Zeitpunkt zwar bei 75 Jahren liegen, aber
die arbeiten eher in Küche und Verwaltung. Du kannst keine Leute mit
Parkinson als Kranführer einteilen, das geht ja nicht.
Zu guter Letzt leben fast alle in Heimen. Die Party ist längst vorbei.
Dafür gibt es jeden Morgen Fahnenappell zum Klang der Nationalhymne.
Deutschland hat gewählt. Das bedeutet auch schlechte Zeiten für „unnütze
Esser“.
Nach dem Antreten heißt es für diejenigen, die noch können: Körbe flechten,
Drahtbürsten herstellen, Kabelsätze montieren. Wer dazu nicht mehr in der
Lage ist, bekommt ein lautes „Yippie, yeah, yeah, yippie, yippie, yeah!“ zu
hören, das verklausulierte Signal für den finalen Aufbruch zum
Baumarktparkplatz. Dort stehen Hunderte von Rollstühlen mit Alten in den
verschiedensten Aggregatzuständen, von schimpfend bis skelettiert.
Für die Kunden wird die Fläche ja schon lang nicht mehr gebraucht. Es gibt
hier nichts mehr zu kaufen; die Straße von Hormus ist seit mittlerweile 35
Jahren verkehrsberuhigt. Ich denke, das ist auch eine gute Zeit für uns, zu
gehen.
11 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Uli Hannemann
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