# taz.de -- Liebling der Massen: Lernkasse
> Schon irre, was die Menschheit für Prioritäten setzt oder eben nicht:
> Eine hygienisch-einfache Art, Brötchen abzukassieren, fehlt unserem Autor
> noch.
(IMG) Bild: Brötchen mit Aussicht
Weil ich zwei Tüten mit verschiedenen Brötchen im Einkaufskorb habe, gehe
ich heute ausnahmsweise nicht zur SB-Kasse. Mit den Backwaren ist das immer
so mühsam dort, weil man nie weiß, wie die überhaupt heißen. An der
Normalkasse sitzt dann allerdings ein junger Lehrling. Und hinter ihm steht
eine Kollegin als Einweisungshilfe.
Der alte Einkaufshase in mir sieht sofort: Lernkasse. Das dauert wieder
ewig. Erst recht mit Brötchen.
Kurz denke ich, dass sie das ja vielleicht sportlich sehen. Und sich über
diese Brötchen-Challenge freuen. Da lernt der Lehrbursche mal so richtig
was: Das Öffnen der Tüte, das Abzählen, die korrekte Bestimmung der
einzelnen Sorten, die händische Eingabe – wo das Ziehen der Waren über den
Scanner nur die langweilige Pflicht ist, wird jede Brötchentüte zur
aufregenden Kür, ein Abenteuer für den werdenden Kassierer.
Mit roten Wangen wird er am Abend der Mutter davon berichten. Ein lustiger
Milchrand umsäumt seinen plappernden Mund. Milde streicht ihm die Mama über
den Schopf. Was der Bub dort alles lernt! Und die junge Kollegin, die ihm
dort hilft, scheint er ja zu mögen. Wie er von ihr spricht. Bei dem einen
Brötchen hat sie ihm total geholfen – da hatte er keine Ahnung, wie das
hieß. Zwar fühlt sie sich noch zu jung, um Großmutter zu werden. Aber man
kann nie wissen. Die jungen Leute gehen ja oft ihre eigenen Wege.
Doch in Wahrheit finden die das Ganze bloß superätzend. Die Kollegin würde
lieber Dienst nach Vorschrift machen und der Lernende hat sowieso Angst vor
Fehlern und außerplanmäßigen Komplikationen jeder Art. Er ist eben doch
kein Abenteurer.
Bestimmt denkt er, ich wäre gar kein echter Kunde, sondern so ein von der
Filialleitung gedungener Komparse, um hier die Lehrlinge zu stressen, indem
ich mit einer tückisch gescripteten Schikane an seine Kasse komme.
Die Lernpatin des Kassenknaben weiß hingegen, dass es solche Dummys gar
nicht gibt, sondern dass sie mit mir einfach bloß Riesenpech haben. Sie
hadert nun natürlich, oh nein, oh verdammt, oh Hilfe, was für ein dämlicher
Zufall, ausgerechnet jetzt, und dann auch noch mit zwei verfickten
Brötchentüten voll verschissener Brötchen mit hundert verschiedenen,
komplett idiotischen Fantasienamen.
Wie ich den Typen hasse, mit seiner blöden Fresse. Und wie unschuldig er
tut. Der weiß doch ganz genau, was er uns hier zumutet. Warum nimmt er
seinen Dreck nicht, und tippt ihn selber an der SB-Kasse ein? Womit habe
ich das verdient? Der kleine Knalli hier gibt garantiert jedes falsch ein,
das seh ich ja schon an der Angst in seinen ohnmächtigen Nagetieraugen, wie
von so 'ner Wühlmaus, die im Rücken die Krallen der Eule spürt, und ich
muss jedes einzeln kontrollieren, korrigieren und neu eingeben. Und am Ende
darf ich diesen Brötchenarsch auch noch um Entschuldigung bitten, weil
alles so lang gedauert hat (verstellt doof ihre Stimme: „Tut mir leid,
danke für Ihre Geduld, tschüssi.“). Dabei kann ich doch gar nichts dafür.
Hoffentlich ist bald Feierabend, ich kündige, ich bring mich um.
Das eigentlich Bemerkenswerte daran finde ich ja, dass man einerseits
milliardenteure, hochkomplexe Tötungssysteme erfindet, und auf der anderen
Seite die Brötchen wie im Pleistozän immer noch in stundenlanger Handarbeit
abkassiert werden. Aus einer Tüte mit viel zu kleinem Sichtfenster, müssen
die Teile halb ausgeleert, halb erraten und halb ertastet werden, alles in
etwa so hygienisch wie wenn man den Schweinen das Futter in den Trog
schüttet.
Und das alles zur gleichen Zeit auf ein und derselben Welt. Das ist schon
irre, was die Menschheit für Prioritäten setzt.
30 Apr 2026
## AUTOREN
(DIR) Uli Hannemann
## TAGS
(DIR) Kolumne Liebling der Massen
(DIR) Kultur in Berlin
(DIR) Kolumne Liebling der Massen
(DIR) Kolumne Liebling der Massen
(DIR) Gesundheit
(DIR) Kolumne Liebling der Massen
(DIR) Kolumne Liebling der Massen
(DIR) Generation Z
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Freiberufliches Schreiben: Klingeln, Auftrag, Honorar, Happi
Als Freischreiber bin ich voll konditioniert, wie ein Rabe, der mit seinem
Schnabel Türen öffnen kann. Manche finden das nerdig – etwa meine Frau.
(DIR) Liebling der Massen: Bäcker wie früher
Am Wochenende stehen die Edelkiezmenschen für klobige Vintage-Brote an.
Doch riechen die hippen Schöneberger Laibe wirklich echt oder nach Chemie?
(DIR) Die Wahrheit: Jung ins Heim
Abtreten aus dem Alltag und Einrücken ins Altersheim ist angesagt –
möglichst bevor die ganzen Gebrechen beginnen
(DIR) Liebling der Massen: Mitternachtsbingo
Eigentlich bleibt unser Autor immer brav zu Hause. Als er ausnahmsweise
nachts in der Berliner U-Bahn unterwegs ist, erregt er prompt
Aufmerksamkeit.
(DIR) Liebling der Massen: Es geht bergab
Wenn man nicht gleich weitermacht, ist die Fitness weg. Bei unserem Autor
geht nur noch Laufen am Mittag, zur sichtlichen Freude von Trinkern und
Junkies.
(DIR) Liebling der Massen: Gott in der Fußnote
Das Gehirn der Jüngeren ist der Computer, das unseres Autors ist ein
zerfleddertes Lexikon. Bei Charles Manson muss er jedoch nicht
nachschlagen.