# taz.de -- Rassistische Polizeigewalt: Fünf Schüsse von hinten
> Knapp ein Jahr ist vergangen, seit Lorenz A. in der Oldenburger
> Innenstadt von einem Polizisten getötet wurde. Er war 21 Jahre alt.
(IMG) Bild: Im April 2025 demonstrieren Tausende in Oldenburg nach dem Tod von Lorenz A
In der Nacht zum 20. April 2025 feuert ein 27-jähriger Polizist fünf
Schüsse auf Lorenz A. ab. Vier davon trafen ihn am Kopf, Oberkörper und an
der Hüfte, eine Kugel streifte seinen Oberschenkel.
Zuvor wurde Lorenz A. der Zutritt in einen Club verwehrt. Nach einer
Auseinandersetzung setze er Reizgas gegen Security-Mitarbeitende ein und
flüchtete anschließend in die Innenstadt, wo die Polizei auf ihn traf.
Einer der Polizisten habe irrtümlich angenommen, dass A. ihn mit einem
Messer angreife. Doch laut Staatsanwaltschaft [1][bestand zum Zeitpunkt der
Schüsse keine Notwehrlage]. Lorenz A. hatte zwar ein Messer dabei, benutzte
es aber nicht gegen den Beamten. Und dennoch fielen Schüsse, die Lorenz A.
das Leben kosteten.
Gegen den Polizisten, der geschossen hat, wurde erst Anfang November
Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhoben. Ihm droht eine Freiheitsstrafe
von bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe. Ob es überhaupt zur
Hauptverhandlung kommt, prüft das Gericht im Zwischenverfahren. Wie lange
diese Prüfung dauert, ist unklar.
Die Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“ fordert eine umfassende
Aufarbeitung der Ereignisse in der Tatnacht. Und es müsse wegen Totschlags
ermittelt werden, sagt ihr Sprecher Suraj Mailitafi.„Wir haben kein
Verständnis dafür, warum die Staatsanwaltschaft nicht Klage wegen
Totschlags erhebt“, schreiben sie in ihrem Demoaufruf auf Instagram. „Es
kann kein fahrlässiges Versehen sein, auf eine Person, die wegläuft,
mehrfach zu schießen.“ Die Demo findet am 19. April in Oldenburg unter dem
Motto „1 Jahr ohne Lorenz“ statt.
## Die benachbarte Polizei ermittelt
Eine vollständige Rekonstruktion der Tatnacht ist nicht möglich, auch weil
die Beamt:innen ihre Bodycam nicht eingeschaltet hatten. In
Niedersachsen entscheiden die Polizist:innen selbst, wann die Kamera
läuft.
Anstatt Selbstkritik entschied sich die Polizei Oldenburg nach Lorenz' Tod
für Gegenwehr. [2][Sie ermittelte gegen den Getöteten], obwohl die
Strafprozessordnung dies verbietet. Die Polizei behauptet außerdem
zunächst, es gebe keine Zeug:innen. Erst als Angehörige und Freund:innen
selbst nach Zeug:innen suchten und sie der Polizei vermittelten, wurden
sie berücksichtigt, berichtet Mailitafi. Vorwürfe von institutionellem
Rassismus bei der Polizei [3][weist Innenministerin Daniela Behrens (SPD)
zurück] und bezeichnet die Debatte gegenüber der Nordwest Zeitung im Juli
2025 als „befremdlich“.
Ausgerechnet die Polizei Delmenhorst führt nun die Ermittlungen im Fall
Lorenz – jene Behörde, gegen die 2021 die Polizei Oldenburg im Fall Qosay
K. ermittelte. Am Abend des 5. März wurde der 19-Jährige unter Einsatz von
Pfefferspray und Schlägen von Delmenhorster Polizisten inhaftiert. In
Gewahrsam brach er zusammen. Hilfe bekam er keine. Einen Tag später starb
er im Krankenhaus. Die Ermittlungen wurden noch im selben Jahr eingestellt.
Mailitafi und die Initiative fordern deshalb unabhängige Ermittlungs- und
Beschwerdestellen außerhalb polizeilicher Strukturen.
## Racial Profiling müsse aufhören
Lorenz ist kein Einzelfall tödlicher Polizeigewalt. Zwar gibt es in
Deutschland keine offizielle Statistik zu Todesfällen durch staatliche
Gewalt. Doch die Initiative „Death in Custody“ trägt sie seit 1990 mithilfe
von unabhängigen Dokumentationsstellen zusammen. Die Liste ist lang, sie
zählt 281 Todesfälle von rassismusbetroffenen Menschen in Gewahrsam oder
durch Polizeischüsse. Darunter Nelson, 15 Jahre alt, der am 1. August 2025
in der JVA Ottweiler starb. Ferhat Mayouf, der am 23. Juli 2020 in seiner
Zelle einer Rauchgasvergiftung erlag.
Mouhamed Lamine Dramé, der am 8. August 2022 in Dortmund durch
Polizeischüsse getötet wurde. Ibrahim Barry, der am 6. Januar 2024 in
Mülheim an der Ruhr an den Folgen eines gewaltsamen Angriffs der Polizei
starb. Amin Farah, der am 02. August 2022 von der Polizei in Frankfurt a.M
erschossen wurde. Mohamed E., der am 15 April 2025 in Polizeigewahrsam in
Dachau zusammenbrach und später starb.
Die Forderungen der Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“ sind nicht neu,
aber eindeutig: Struktureller Rassismus muss anerkannt und benannt werden.
Racial Profiling muss aufhören. Unabhängige Beschwerdestellen müssen
eingerichtet werden und die Polizei muss antirassistische Arbeit als ihre
Pflicht begreifen. Und Polizist:innen müssen endlich dazu verpflichtet
werden, ihre Bodycam anzuschalten.
18 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://staatsanwaltschaft-oldenburg.niedersachsen.de/startseite/aktuelles/pressemitteilungen_2021/schusswaffeneinsatz-durch-polizeibeamten-in-oldenburg-anklage-erhoben-246264.html
(DIR) [2] /Todesschuesse-auf-Lorenz-A-in-Oldenburg/!6123969
(DIR) [3] /Nach-toedlichen-Schuessen-auf-Lorenz-A/!6105889
## AUTOREN
(DIR) Lilli Messer
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