# taz.de -- Palästinacamp in Hamburg: Ein Protestcamp spaltet die Stadt
> Auf der Hamburger Moorweide prallen Palästina-Protest und NS-Geschichte
> aufeinander. Ist beides vereinbar? Ein Besuch im Camp.
(IMG) Bild: Camp sah vor zwei Jahren schon so aus: Jüdische Gemeinde fordert, die Moorweide dauerhaft als geschützten Gedenkort anzuerkennen
Wie bei einem Mexican Standoff stehen sie sich auf der Hamburger Moorweide
gegenüber. Hier ein Dutzend Menschen hinter einem Banner mit der
Aufschrift: „In Hamburg ist kein Platz für Antisemitismus und Israelhass“.
Sie blicken in Richtung der Zelte, die etwa 50 Meter von ihnen entfernt
aufgeschlagen sind. Dort einige jüngere Menschen, auch sie halten ein
Banner: „76 Jahre Nakba, 76 Jahre Widerstand“. Das Banner ist zwei Jahre
alt. Einer mit Palästinaflagge in der Hand sagt: „Für die da drüben
reicht’s.“
Die [1][Nakba, arabisch für „Katastrophe“], meint die Flucht und
Vertreibung der meisten Palästinenser:innen aus dem heutigen
Staatsgebiet Israels. Die Organisatoren des Camps „Bridges of Resistance“
sind der Meinung, dass diese Vertreibung bis heute andauere – 78 Jahre nach
Beginn des ersten arabisch-israelischen Krieges. Sie sehen Hamburg mit
seinem Hafen als wichtigen logistischen Knotenpunkt deutscher Unterstützung
für Israels Kriege. Auf diese „Mittäterschaft“, so sagt es ein Sprecher,
wollen sie in einer Aktionswoche auf der Moorweide aufmerksam machen.
Vor Beginn der Aktionswoche kritisierte die Jüdische Gemeinde die Wahl des
Ortes als „zynische Verhöhnung der Opfer der Schoa“. Im Nordwesten der
Moorweide befindet sich der Platz der Jüdischen Deportierten. Von dort
wurden Tausende Jüdinnen und Juden deportiert. Die [2][Jüdische Gemeinde
schrieb in einem offenen Brief], das Camp werde von Gruppierungen
organisiert, „die nachweislich antisemitische Positionen vertreten“.
Gemeint ist die Gruppe „Thawra Hamburg“, die der Verfassungsschutz
beobachtet.
Die Versammlungsbehörde untersagte das Camp zunächst, die Organisatoren
sollten ihre Zelte im Schanzenpark aufschlagen. Die Organisatoren legten
Beschwerde ein, das Verwaltungsgericht gab ihnen recht. Die Argumentation
der Stadt, dass es auf der Moorweide zu Konflikten mit „Meinungsgegnern“
kommen könnte, sei nicht tragfähig.
Die Mahnwache richtet sich mit ihrem Protest auch an Bürgermeister Peter
Tschentscher (SPD). Von ihm stammt die Aussage, dass in Hamburg kein Platz
für Antisemitismus sei. Die Mahnenden wünschen sich von ihm mehr Haltung.
Sie wären auch in den Schanzenpark gegangen, sagt eine der Beteiligten.
Aber das Camp an diesem Ort, der Moorweide, das sei schon eine besondere
Provokation.
## Erste großangelegte Deportation von Juden aus Hamburg
Mehr als 1.000 Jüdinnen und Juden deportierten die Nationalsozialisten im
Oktober 1941 aus Hamburg in das Ghetto Litzmannstadt. Schriftlich wurden
die Verfolgten von der Gestapo aufgefordert, zum sogenannten Logenhaus in
der Moorweidenstraße 36 zu kommen. Dort mussten die Menschen eine Nacht
ausharren, bevor sie zum Hannoverschen Bahnhof am Hamburger Oberhafen
gebracht wurden. Es sei die erste großangelegte Deportation von Juden aus
Hamburg gewesen, sagt Oliver von Wrochem, der Leiter der KZ-Gedenkstätte
Neuengamme. Weitere folgten, etwa nach Minsk und Riga.
Die Wiese vor dem Logenhaus, auf der sich die Menschen versammeln mussten,
ist nicht identisch mit dem Veranstaltungsort des „Bridges of
Resistance“-Camps. Zwischen den beiden Orten liegt heute das Hauptgebäude
der Universität Hamburg. Bis ins 19. Jahrhundert hingen die beiden Teile
zusammen. Der Nordwestzipfel vor dem Logenhaus heißt mittlerweile „Platz
der Jüdischen Deportierten“. Auf dem deutlich größeren Abschnitt südlich
der Uni haben die Palästinaaktivist:innen ihre Zelte errichtet.
Aktivist:innen in gelben Plastikponchos huschen über den provisorischen
Zeltplatz auf den Regentropfen prasseln. Am Rande des Camps haben sie ein
Stück Stoff aufgespannt, das auf die Geschichte des Ortes hinweist. Die
Deportationen seien „eine Mahnung für die Überlebenden“, steht darauf.
Die Organisatoren sind der Ansicht, dass der Kampf um Freiheit und
Gerechtigkeit für Palästinenser:innen nicht im Widerspruch zum
Gedenken an jüdische Opfer und zum Kampf gegen Antisemitismus stehe, sagt
Nikodem Kaddoura, der Sprecher der Gruppe. „Unser Camp ist keine
Provokation.“ Es sei vielmehr ein Protest gegen jeden Genozid. Den Ort habe
man bewusst gewählt, um auf historische „Kontinuitäten“ aufmerksam zu
machen.
## Jüdische Gemeinde will dauerhaften Gedenkort
„Positionen, die davon ausgehen, in der deutschen Regierungspolitik
gegenüber Israel zeige sich eine Kontinuität zu deutscher NS-Täterschaft,
stellen absurde Analogien her“, sagt hingegen Oliver von Wrochem. „Sie sind
nicht nur antizionistisch, sondern häufig auch antisemitisch motiviert.“
Die Jüdische Gemeinde forderte in ihrem offenen Brief, die gesamte
Moorweide dauerhaft als geschützten Gedenkort anzuerkennen und politische
Kundgebungen dort generell auszuschließen. Dafür müsste die Moorweide die
Bedingungen des Versammlungsgesetzes erfüllen.
Nach diesem Gesetz kann man eine Versammlung verbieten, wenn sie an einer
Gedenkstätte „von historisch herausragender, überregionaler Bedeutung“ an
die NS-Opfer erinnert. Für das Konzentrationslager Neuengamme hat Hamburg
eine solche Regelung getroffen. Ob die gesamte Moorweide ebenfalls ein
solcher Ort ist, müssten Fachleute entscheiden.
„Es braucht vor allem eine größere Sensibilisierung dafür, dass solche Orte
eine Geschichte haben“, sagt Gedenkstättenleiter von Wrochem. Er sei daher
skeptisch, ob es der richtige Weg sei, ganze Areale großflächig unter
Schutz zu stellen. „Eigentlich gibt es keinen Ort in Hamburg, der nicht mit
den NS-Verbrechen verbunden ist.“ Einen positiven Wandel kann er sich eher
durch geschichtspolitische Bewusstseinsbildung vorstellen als durch
Verbote.
## Geschichte des Ortes nicht allen bewusst
Als vor zwei Jahren schon einmal ein Camp der palästinasolidarischen
Bewegung auf der Moorweide stattfand, gab es laute Kritik. Der Ort des
Camps wurde allerdings kaum diskutiert. Die regionale Verankerung der
NS-Verbrechen sei viel zu wenig bekannt, sagt von Wrochem. „Das hat etwas
mit der zeitlichen Distanz zu tun, aber auch mit der deutschen
Nachkriegsgeschichte; insbesondere mit der Verweigerung, sich intensiv mit
dem Thema deutscher Täterschaft vor Ort zu beschäftigen.“
Ein Mann radelt über den schmalen Parkweg, der Mahnwache und Camp trennt.
Er bleibt stehen, schaut sich interessiert um und fragt dann, ob es denn
Stress gebe mit dem Camp. Als er von der Diskussion über die Moorweide
erfährt, ist er sichtlich überrascht. Er sei politisch interessiert, habe
selbst jahrelang in Israel gewohnt, doch von der Geschichte des Orts habe
er nichts gewusst.
12 May 2026
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