# taz.de -- Wasserknappheit in Berlin-Brandenburg: Klassenkampf ums Spreewasser
       
       > Industrie und Klimakrise machen das Lebenselexier zum immer knapperen
       > Gut. Das Spreefestival in Cottbus will eine Wasserbewegung ins Leben
       > rufen.
       
 (IMG) Bild: Kurios: Das Kraftwerk Jänschwalde sorgt für viel Wasser in der Spree. Nach der Braunkohle droht der Fluss auszutrocknen
       
       In Baruth, einer kleinen Stadt im Landkreis Teltow-Fläming, [1][darf Red
       Bull für die Produktion seiner Energydrinks jährlich über zwei Millionen
       Kubikmeter Grundwasser entnehmen]. Das sind 92 Prozent der Wassermenge, die
       dem Ort insgesamt zur Verfügung stehen. In Baruth sorgt man sich deshalb
       nicht nur um die Trinkwasserversorgung, sondern auch um die eigenen Häuser,
       die im Ort wohl auch wegen des sinkenden Grundwasserspiegels absacken,
       [2][wie der Spiegel zuletzt berichtete].
       
       In Grünheide darf Tesla derweil jährlich bis zu 1,4 Millionen Kubikmeter
       Grundwasser verbrauchen. Die Tesla-Fabrik liegt teilweise im
       Wasserschutzgebiet, immer wieder kommt es auf dem Fabrikgelände zu
       Havarien. Die jetzt erlaubte Fördermenge ist Ergebnis eines neuen
       Wasservertrages, zu dem sich Tesla erst nach massiven Protesten
       bereiterklärt hat.
       
       Gänzlich in den Schatten gestellt werden diese Beispiele aber durch den
       Wasserverbrauch des Braunkohleabbaus der Leag in der Lausitz. Alleine das
       Kraftwerk Jänschwalde entnimmt [3][laut dem Brandenburger
       Wirtschaftsministerium etwa 45 Millionen Kubikmeter Grundwasser im Jahr] –
       das sind fast 10 Prozent des gesamten Brandenburger Wasserverbrauchs. Und
       die zehn größten Brandenburger Industriestandorte verbrauchen 109 Millionen
       Kubikmeter Wasser – und damit in etwa so viel, wie alle Einwohner:innen
       Brandenburgs zusammen.
       
       ## Klassenkampf und Wassergerechtigkeit verbinden
       
       Die Beispiele zeigen: Wasser wird im stetig trockener werdenden Berlin und
       Brandenburg zu einem umkämpften Gut. Bisher ist das Thema Wasserknappheit
       allerdings ein nerdiges Thema, das in kleinen Bürgerinitiativen,
       Umweltschutzverbänden und parlamentarischen Fachgremien behandelt wird. Mit
       dem Spreefestival, das noch bis Sonntag in Cottbus stattfindet, wollen
       Klimaaktivist:innen das ändern.
       
       „Wir wollen eine Wassergerechtigkeitsbewegung entlang der Spree aufbauen –
       und dafür die Themen Klassenkampf und Wassergerechtigkeit verknüpfen“, sagt
       Pressesprecherin Rebekka Schwarzbach der taz. Drei Tage lang wollen die
       Aktivist:innen auf einem Zeltcamp über Wasser als Verteilungsfrage
       diskutieren. Das Ziel: nach dem Vorbild der Gruppe „[4][Aufstände der Erde“
       in Frankreich] eine breite Wasserbewegung aufzubauen, die die verschiedenen
       lokalen Konflikte ums Wasser zusammenführt und zuspitzt.
       
       Unter den Teilnehmenden sind so ziemlich alle Gruppen, die zum Thema aktiv
       sind: Neben traditionellen Umweltgruppen sind das etwa Tesla den Hahn
       abdrehen oder die Aktivist:innen der Unfreiwilligen Feuerwehr, die das
       Kohlekraftwerk Jänschwalde blockiert haben. Auch [5][die neue Berliner
       Initiative SOS Spree] ist vertreten, ein Zusammenschluss linker Gruppen,
       der am 13. Juni im Treptower Park einen ersten Aktionstag plant – unter
       anderem mit einer künstlerischen Prozessinszenierung, bei der die Rechte
       der Spree gegenüber der Leag eingeklagt werden sollen.
       
       Ähnliche Flussfestivals sind für den Sommer an weiteren Orten geplant – im
       Juni etwa an der Weser und im August am Rhein zwischen Köln und Düsseldorf.
       Vorbild ist das Elbe-Saale-Camp, das 1993 aus dem Kampf gegen die
       Elbvertiefung entstanden war und seither jedes Jahr stattfindet.
       
       ## Wasserknappheit nach Kohleausstieg
       
       Der Fokus der Klimaaktivist:innen auf das Thema Wasser ist kein
       Wunder: Denn Berlin und Brandenburg rollen in den kommenden Jahren auf
       [6][eine ernstzunehmende Krise in der Trinkwasserversorgung] zu. Nicht nur
       sinken in der Klimakrise wegen heißer Sommer und wenig Niederschlägen
       überall die Grundwasserstände. Auch die Spree – aus deren Uferfiltrat
       Berlin einen erheblichen Anteil seines Trinkwassers gewinnt – droht in den
       kommenden Jahren wesentlich weniger Wasser zu führen.
       
       Grund dafür ist unter anderem der Braunkohleausstieg in der Lausitz. Um die
       Kohle fördern zu können, pumpt die Leag aktuell Unmengen an Grundwasser ab
       und leitet das Wasser in die Spree weiter. Ein künstlicher Zufluss, auf den
       die Berliner Trinkwasserversorgung mittlerweile angewiesen ist. [7][Einer
       Studie des Umweltbundesamtes zufolge] besteht die Spree in Sommermonaten zu
       50 bis 75 Prozent aus diesem Wasser – was wegfällt, wenn die Pumpen einmal
       abgestellt werden.
       
       Noch weiter verschärfen dürfte sich die Situation, wenn die Leag die
       Tagebaue wie vom Konzern geplant als Renaturierungsmaßnahme einfach mit
       Wasser befüllen darf, wie bereits im Raum Cottbus geschehen.
       Umweltschützer:innen befürchten, dass so riesige Wassermenge
       verdunsten und damit dem Wasserkreislauf entzogen werden könnten. „Wenn das
       so weitergeht, stehen wir irgendwann vor der Entscheidung: Wollen wir die
       Berliner Trinkwasserversorgung oder den Spreewald erhalten?“, warnt
       Aktivistin Schwarzbach.
       
       ## Pipeline von der Ostsee?
       
       Im Berliner Senat kursieren viele Pläne, um solche Szenarien abzuwenden:
       künstliche Grundwasseranreicherung, Entsiegelung von Flächen, verstärkte
       Nutzung von Abwasser, das Konzept der Schwammstadt. Immer wieder im
       Gespräch sind jedoch auch abenteuerliche Lösungen, [8][wie eine Pipeline,
       um Berlin mit Wasser aus der Elbe zu versorgen], die allerdings ebenfalls
       unter Wassermangel leidet – oder sogar [9][Entsalzungsanlagen für
       Meerwasser aus der Ostsee], das ebenfalls über eine Pipeline nach Berlin
       geschafft werden müsste.
       
       Dabei zeigt eine [10][Studie des Deutschen Instituts für
       Wirtschaftsforschung (DIW) und der TU Berlin]: Helfen würde schon, wenn die
       Industrie einfach angemessen für ihren Wasserverbrauch bezahlen würde.
       Müsste etwa das Gewerbe in Sachsen und Brandenburg nur denselben Preis für
       die Grundwasserentnahme wie in Berlin bezahlen, ließen sich bis zu 16
       Prozent des Wasserverbrauchs einsparen. Derzeit zahlen Unternehmen in
       Berlin 31 Cent pro Kubikmeter Grundwasser, in Brandenburg nur zwischen 10
       und 11,5 Cent, in Sachsen gar nur 5,6 Cent. Das Abpumpen von
       Oberflächenwasser ist für die Industrie in Berlin dagegen kostenlos.
       
       Genau hier wollen die Aktivist:innen ansetzen. „Wir wollen nicht, dass
       die Wasserkrise auf die Menschen abgewälzt wird – sondern dass der
       Verbrauch der Industrie eingeschränkt wird, die am unnachhaltigsten damit
       umgeht“, sagt Schwarzbach. Die Politik sei schnell damit, wie bereits in
       vergangenen Hitzesommern in Brandenburg geschehen, den Wasserverbrauch von
       privaten Haushalten zu rationieren. Doch der Wasserverbrauch der Konzerne
       sei für die Politik ein großer blinder Fleck.
       
       ## Strategiewechsel der Klimabewegung
       
       Für die Klimabewegung ist das Thema Wasser auch der Versuch eines Revivals.
       Die Bewegung habe an Fahrt verloren, erzählt Schwarzbach, das 1,5-Grad-Ziel
       sei verloren. In den vielen Krisen der Gegenwart sei es auch für viele
       Menschen schwer, ein derart abstraktes Ziel greifen zu können. „Aber jeder
       kennt Wasser. Die Menschen merken, dass sie im Sommer viel mehr gießen
       müssen, dass im Wald Bäume sterben und ihre Blätter hängen lassen, dass der
       Boden vertrocknet ist“, sagt Schwarzbach.
       
       Ziel sei es deshalb, über das Thema Wasser mit allen Menschen in Kontakt zu
       kommen, die die Spree nutzen – egal ob zur Erholung, zum Sport oder zum
       Angeln. Gerade in Brandenburg eröffne das neue Möglichkeiten. Als
       Antikohleaktivist:in sei man in Brandenburg inzwischen eine
       Zielscheibe von Nazis, insgesamt hätten Klimaaktivist:innen keinen
       guten Ruf. „Aber wenn wir mit den Leuten über das Thema Wasser sprechen,
       dann hören sie plötzlich zu“, sagt Schwarzbach.
       
       7 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kampf-ums-Wasser/!6076060
 (DIR) [2] https://www.spiegel.de/wissenschaft/red-bull-fabrikprojekt-im-brandenburgischen-baruth-besorgt-bevoelkerung-a-becf249f-ce54-455e-8e10-0cfcb8445c37
 (DIR) [3] https://mweke.brandenburg.de/media/bb1.a.3814.de/Bericht_H2O-Studie_Brandenburg_2024-05-10-Update.pdf
 (DIR) [4] /Frankreich-verbietet-Umweltgruppen/!5942592
 (DIR) [5] https://saveourspree.org/
 (DIR) [6] /Wasserversorgung-in-Berlin/!6017682
 (DIR) [7] https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/spree-droht-nach-kohleausstieg-in-der-lausitz
 (DIR) [8] https://www.tagesschau.de/wissen/klima/wassermangel-berlin-100.html
 (DIR) [9] https://nationalgeographic.de/umwelt/2023/08/berlin-trinkwasser-bald-aus-der-ostsee/
 (DIR) [10] https://www.diw.de/de/diw_01.c.953841.de/hoehere_wasserentgelte_und_strukturreformen_koennten_wasserknappheit_an_der_spree_verringern.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Timm Kühn
       
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